Psychologin warnt vor Erziehungsphänomen, das „ungute Folgen für Kinder haben kann“
Startseite
Panorama
Psychologin warnt vor Phänomen beim Loben, das „ungute Folgen für Kinder haben kann“
Von: Andreas Apetz
Uns auf Google folgen
Nicht jedes Lob stärkt Kinder in ihrem Selbstgefühl. Eine Expertin erklärt, wann und wie Lob am besten in die Erziehung eingebracht wird.
Frankfurt – „Du bist ja richtig schlau.“ Sätze wie diese sagt man als Elternteil gerne, wenn das Kind eine Matheaufgabe knackt, ein Puzzle löst oder eine gute Note mit nach Hause bringt. Sie sind liebevoll gemeint. Doch solche Sätze zeigen „ein Phänomen auf, das ungute Folgen für Kinder haben kann“, sagt die Psychologin Jette Blaschke der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Denn gelobt wird dabei nicht, was das Kind getan hat, sondern wer es angeblich ist. „Frühe, häufige Bewertungen“ könnten im „enorm formbaren Gehirn“ von Kindern „langfristige Spuren im Selbstgefühl“ hinterlassen, sagt Blaschke. Erfahrungen mit Bewertung, Kritik oder Strafen würden „direkt im emotionalen Gedächtnis verankert“ und prägten das Bild, das Kinder von sich selbst entwickeln.
Psychologin über Erziehung: Wann zu viel Lob ein Kind unsicher macht
Blaschkes Einschätzungen decken sich mit Befunden aus der Psychologie, die seit den 90ern existieren. Die US-Forscherinnen Claudia Mueller und Carol Dweck ließen schon im Jahr 1998 Fünftklässler Aufgaben lösen und lobten sie anschließend mit je einem Satz: entweder für ihre Intelligenz oder für ihre Anstrengung. Die für Intelligenz gelobten Kinder wählten danach häufiger leichte Aufgaben, gaben bei schwierigen schneller auf und hatten weniger Freude am Lösen der Aufgaben.
Eine aktuellere Langzeitbeobachtung von Elizabeth Gunderson und Kollegen aus dem Jahr 2013 wies in dieselbe Richtung: Dort wurden zwei Gruppen von Kindern in ihrer frühen Kindheit auf unterschiedliche Weise gelobt. Kinder, die im Alter von 1 bis 3 Jahren vor allem für ihre Anstrengung, Handlungen und Strategien gelobt wurden („Prozesslob“), zeigten fünf Jahre später im Alter von sieben bis acht Jahren ein deutlich stärker ausgeprägtes Wachstums-Denken. Sie waren überzeugt davon, dass sie ihre Fähigkeiten durch Üben weiterentwickeln können. Lob, das sich rein auf feste Eigenschaften bezog („Personenlob“), zeigte diesen langfristigen positiven Effekt auf die Motivation hingegen nicht.
Problematisch sei nicht das einzelne Lob, sondern die Häufigkeit solcher Mikro-Bewertungen, sagt Blaschke. Wenn die Reaktionen der Eltern hauptsächlich Bewertungen seien, vermittle das dem Kind: „Ich bin so viel wert, wie ich von anderen bewertet werde“, sagt die Psychologin. Die Langzeitfolgen: eine starke Abhängigkeit von äußerer Anerkennung, ein leistungsbezogenes Selbstbild und Perfektionismus.
Auch die Lust am Ausprobieren leidet. „Die Freude am Tun kann durch bewertendes Loben stark abnehmen. Die Kinder werden desinteressierter und passiv“, warnt die Expertin. Es klinge vielleicht pingelig, sagt sie, aber Eltern sollten den Unterschied zwischen einem gesunden Lob, das das Selbstgefühl stärke, und einer Bewertung, die es schmälere, kennen. Wird ein Kind für seine Klugheit gelobt, wird jede Aufgabe zur Prüfung dieser Zuschreibung. Gelingt etwas nicht sofort, steht plötzlich mehr auf dem Spiel als die Lösung. Vermeiden wird dann zur naheliegenden Strategie, es schützt das Etikett.
Erziehungsexperte erklärt, worauf es beim Loben ankommt
Christian Thiele von der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie hält deshalb einen anderen Weg für wirksamer. Es sei wichtig, „Kinder für den Prozess zu loben, nicht für das Ergebnis“, sagt er der Frankfurter Rundschau. So entwickelten sie Ausdauer und Motivation, auch „Grit“ genannt – einer der wichtigsten Faktoren für späteren Erfolg von Kindern. „Der Schlüssel ist eine Art Wachstums-Mindset“, erklärt er.
Statt „Ich kann das nicht“ solle es immer heißen: „Ich kann das noch nicht.“ Kinder müssten verstehen, dass „das Gehirn kein Betonziegel, sondern veränderlicher Knetgummi ist, den ich mit Mühe und Einsatz formen kann“, sagt Thiele. Eltern rät er, sich in solchen Momenten selbst zu prüfen: „Helfe ich meinem Kind sofort beim Puzzle oder schaffe ich es, den Lernprozess auszuhalten?“