Publizist mahnt vor "Diskriminieren des Ostens"
Wie tief ist der Graben zwischen Ost und West mittlerweile? Bei "Markus Lanz" mahnte Publizist Dirk Oschmann vor einem kontinuierlichen "Ausschließen und Diskriminieren des Ostens". Dabei blickte er auch auf die Wiedervereinigung und erklärte zum Erstaunen von Lanz, dass er diese für gelungen halte.
Eine TV-Nachlese
von Natascha Wittmann
Diese TV-Nachlese gibt die persönliche Sicht von Natascha Wittmann auf die Sendung wieder. Sie basiert auf eigenen Eindrücken und ordnet das Geschehen journalistisch ein. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht.
Die immer wieder aufflammende Ost-West-Debatte erreichte spätestens im Spätsommer dieses Jahres anlässlich der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin einen Höhepunkt. Im Zentrum der Debatten standen unter anderem Streitfragen über anhaltende ökonomische Diskrepanzen, die fehlende ostdeutsche Repräsentanz in Spitzenpositionen, sowie die scheinbare politische Entfremdung vieler ostdeutscher Bürger.
Markus Lanz blickte am Mittwochabend in seiner Sendung auf die Polarisierung im Land sowie die Kritik an einer scheinbar starren "Ostidentität". Unter anderem beklagte sich Publizist Dirk Oschmann über die Generalkritik, wenn es um den Osten des Landes geht. Dabei überraschte er den ZDF-Moderator mit einer deutlichen Aussage in Bezug auf die Wiedervereinigung.
Die Gäste
Reinhard Bingener: Journalist ("FAZ")
Dirk Oschmann: Publizist
Der besondere Moment
Am Mittwochabend nahm Markus Lanz die Ost-West-Debatte näher unter die Lupe. In dem Zusammenhang kritisierte der in Gotha geborene Autor Dirk Oschmann vor allem Begriffe wie die des "Jammer-Ossi". Er stellte klar: "Dass wir jetzt diese Ost-West-Debatte haben, ist keine Überraschung. Denn Historiker haben gezeigt, dass immer in Kulturen nach 30 bis 40 Jahren die Dinge neu aufgerollt werden."
Lanz hakte interessiert nach: "Also die alten Themen kommen wieder auf den Tisch?" Oschmann nickte: "Es ist sozusagen ein kontinuierliches Diffamieren und Ausschließen und Diskriminieren des Ostens. Insofern reiht sich das einfach ein in eine lange Geschichte, die immer dasselbe sagt." Lanz reagierte überrascht: "Woher kommt das?" Der Publizist erklärte, dass "die westdeutsche Gesellschaft" diese "Art von Entlastungserzählung" vielleicht brauche, "um sich selber zu stabilisieren. Sie hält sich ja sonst gerne für weltoffen und für divers, (...) nur eben im Blick auf diesen Osten nicht".
Journalist Reinhard Bingener sah das Ganze derweil differenzierter. Er erklärte, dass man im Westen "die Wiedervereinigung als Geschenk" und "als gegeben" wahrnehme. Die Wiedervereinigung sei demnach "über Jahrzehnte" kein Thema gewesen, das "in der westdeutschen Gesellschaft (...) besonders heiß debattiert" wurde.
Derweil betonte Bingener mit Blick auf die jüngste Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, dass er "an vielen Anlässen registriert" habe, "dass dieses Abgrenzungsbewusstsein zunehmend aggressiv wird". Der Journalist regte an: "Das Ziel muss doch sein, im Interesse der ostdeutschen Flächenländer, dass sie Wertschöpfung generieren. Und die wird generiert in Ballungszentren."
Dies wollte Dirk Oschmann nicht unkommentiert lassen. Er warnte, dass der Osten immer "ausgegrenzt" und "als das Andere, als das Defizitäre, das Zurückgebliebene" betrachtet werde. "Und die Frage ist, ob das nicht doch einen gewaltigen Effekt hat auf Dauer", so der Publizist. Er warnte weiter: "Das darf man als psychologischen Faktor nicht unterschätzen."
Der Schlagabtausch
Mit Blick auf die kürzlichen Landtagswahlen in Ostdeutschland kritisierte Dirk Oschmann bei "Markus Lanz" die teils einseitige Berichterstattung. Die eingefärbten Wahlkarten würden laut des Publizisten den Eindruck vermitteln, "dass im Westen die Demokraten leben und im Osten die Nazis. Und das ist ein Problem." Reinhard Bingener hielt prompt dagegen: "Das ist eine vollkommen übliche Form der Berichterstattung nach Wahlen. (...) Wir haben schon Pressefreiheit und die gilt es schon auch zu verteidigen!"
Oschmann blieb jedoch bei seiner Meinung und wetterte weiter, dass sich viele Westdeutsche "gerne als die Vertreter der Rationalität präsentieren" würden, "während die Ostdeutschen in ihren Emotionen verloren sind". Es werde laut des Publizisten ständig suggeriert, "dass sie zornig sind, dass sie empört sind". Darauf konterte Bingener trocken: "Einen Mangel an Zorn haben wir im politischen Diskurs im Moment nicht." Lanz nickte schmunzelnd: "Haben wir nicht, nein."
Empfehlungen der Redaktion
Söder plant drastischen Schritt gegen Berlin und Sachsen-Anhalt
"Tagesthemen"-Moderatorin Wellmer stellt Verbeamtung einer Berufsgruppe infrage
Alice Schwarzer stellt "Emma" ein – und rechnet mit ihren Kritikerinnen ab
Der ZDF-Moderator wollte abschließend wissen: "Gibt es sowas wie einen Hass auf den Westen?" Dirk Oschmann antwortete zunächst vage: "Das wird es ganz sicher geben - aber das gibt es auch umgekehrt." Als Lanz näher auf ein "kollektives" Gefühl einzugehen versuchte, wiegelte Oschmann ab: "Das nehme ich nicht wahr." Lanz schnaufte durch: "Das ist doch erstmal ein guter Befund."
Oschmann stimmte zu und erklärte, dass es für ihn "außer Frage" stehe, dass die Wiedervereinigung gelungen ist. Lanz entgegnete überrascht: "Das sagen Sie so? Das finde ich gut! Ich sehe das genau so!" Oschmann forderte dennoch zum Schluss: "Man kann Dinge besser machen. Und warum fangen wir nicht damit an? (...) Respektvoll und differenziert und ohne Herabwürdigung über den Osten zu schreiben, wäre ein erster Schritt." © 1&1 Mail & Media/teleschau