Punischer Krieg: Wo überquerte Hannibal die Alpen?
Der Anblick war furchterregend: Schwer bewaffnet drangen Zehntausende Soldaten und Tausende Reiter in die Po-Ebene ein. Mit dabei: 37 Kriegselefanten. Die überrumpelten Römer mussten sich auf heimischem Gebiet mehrfach geschlagen geben, bis sie schließlich bei Cannae fast vollständig vernichtet wurden. Der legendäre Zug des karthagischen Feldherrn Hannibal Barkas (um 247–183 v. Chr.), der während des Zweiten Punischen Kriegs seine Armee auf einen mehr als 1000 Kilometer langen Gewaltmarsch von Spanien nach Italien führte und dabei im Herbst 218 v. Chr. binnen 15 Tagen die Alpen überquerte, gilt bis heute als logistische Meisterleistung. Wie schaffte Hannibal das? Welchen Weg nahm er über das Hochgebirge? Darüber streiten sich die Gelehrten immer noch; mehrere mögliche Routen werden diskutiert. Zwei Biologen wollen nun das Rätsel gelöst haben. Dabei stützten sich die Forscher allerdings nicht auf archäologische Funde, sondern auf den Energieverbrauch von Elefanten. Emilio Berti vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung in Leipzig und Fritz Vollrath von der University of Oxford beschäftigen sich schon länger mit der Stoffwechselphysiologie des Afrikanischen Elefanten (Loxodonta africana). Jetzt schätzten sie ab, welche energetischen Kosten Hannibals Armee aus 40 000 bis 50 000 Mann, mehreren Tausend Pferden und 37 Elefanten für die Überquerung des Hochgebirges aufbringen musste. Dabei kamen drei Alpenpässe in die engere Auswahl: vom heutigen Livron-sur-Drôme im Südosten Frankreichs in nordöstlicher Richtung über Grenoble zum 2488 Meter hohen Col de Clapier oder südlich über Gap und den Col de la Traversette (2947 Meter) oder ebenfalls über Gap und dann weiter nördlich zum Col de Montgenèvre (1854 Meter), um von da aus die italienische Po-Ebene zu erreichen. Ergebnis: Mit einem geschätzten Gesamtaufwand von 5,4 Terajoule für Hannibals komplette Armee wäre der Weg über den Col de la Traversette energetisch am günstigsten gewesen. An zweiter Stelle folgt mit gut sechs Terajoule die Route über den Col de Montgenèvre, auf Platz 3 steht mit fast 6,3 Terajoule der Col de Clapier. Demnach wäre Ersterer der Favorit. Diesen Pass hatten bereits andere Forscher vorgeschlagen, und die mehr als 2000 Jahre alten Ablagerungen von Tierdung, die dort 2016 entdeckt wurden, sprechen ebenfalls dafür. Nur zum Imponieren Berti und Vollrath gehen davon aus, dass die Elefanten während des Marsches nichts zu fressen bekamen, da die Karthager unmöglich den enormen Bedarf an Futter mitschleppen konnten. Doch die Tiere profitierten vermutlich von ihren großen Körperfettreserven und hätten auf der Route über den Col de la Traversette nach Schätzungen der beiden Forscher lediglich etwa vier Prozent davon verloren. Damit dürften die Elefanten überraschenderweise die Strapazen besser überstanden haben als die menschlichen Soldaten, die bei der Alpenpassage näherungsweise fast ein Fünftel ihres Körperfetts einbüßten und das mit einer entsprechend hohen Sterblichkeitsrate bezahlen mussten. Dagegen überlebten tatsächlich wohl alle 37 Elefanten den Übergang – allerdings lediglich bis zum darauffolgenden Winter, bei dem einzig Hannibals eigenes Tier übrigblieb. Vermutlich hat der Feldherr den späteren Verlust seiner Kriegselefanten kaltblütig mit einkalkuliert. Sie dienten womöglich nur dazu, den Feind in den ersten Gefechten einzuschüchtern. Bei dem weiteren Feldzug durch Italien wäre die Versorgung der Tiere zu teuer geworden.