DAX +0,41 % 26.440,31 Pkt 18:00:00 MDAX +0,40 % 32.464,39 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 -0,09 % 6.539,59 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,07 % 53.732,41 Pkt 22:41:05 S&P 500 +0,48 % 7.785,76 Pkt 22:00:00 Nasdaq +0,53 % 26.729,16 Pkt 23:15:59 Nikkei +0,59 % 68.713,80 Pkt 08:45:03 Gold +1,57 % 4.432,00 USD 23:00:00 Silber -0,07 % 64,83 USD 22:59:58 Brent +1,75 % 88,59 USD 22:59:58 WTI +1,42 % 82,40 USD 22:59:59 Bitcoin +0,23 % 63.119,88 USD 05:17:46 EUR/USD +0,37 % 1,15730 USD 23:29:21 EUR/GBP +0,11 % 0,85480 GBP 00:09:22 EUR/CHF +0,34 % 0,94060 CHF 23:29:21 EUR/JPY +0,38 % 184,365 JPY 23:29:21

Putin rekrutiert heimlich Männer für den Ukraine

Welt

Startseite Politik Putins Schattenmobilisierung im Ukraine-Krieg: Razzien schüren Angst vor Einberufung Von: Max Nebel Uns auf Google folgen Videos aus dem russischen Pensa zeigen, wie Männer von Uniformierten abgeführt werden. Sie sollen seltene Einblicke in Putins verdeckte Rekrutierung zeigen. Moskau/Pensa – In der russischen Region Pensa sorgen Videos mutmaßlicher Rekrutierungsrazzien für Aufsehen. Sie zeigen Männer in Kleinbussen, verzweifelte Angehörige vor Militärkommissariaten und aufgebrachte Passanten, die Uniformierte zur Rede stellen. Die Aufnahmen stehen exemplarisch für ein größeres Problem des Kremls: Russland braucht neue Soldaten für den Ukraine-Krieg, will aber eine neue offene Mobilmachung vermeiden. Eine der zentralen Aufnahmen führt direkt vor das Militärkommissariat in der Skladskaja-Straße in Pensa. Nach Recherchen des Tagesspiegel sitzen dort mehrere Männer in Zivil in einem weißen Kleinbus, während Frauen vor dem Fahrzeug versuchen, die Abfahrt zu verhindern. Eine von ihnen ruft auf Russisch „Wofür?“, eine andere will wissen, ob die Männer ihre Militärverträge freiwillig unterschrieben haben. Der Tagesspiegel gibt an, Echtheit und Standort mehrerer Videos aus der Region überprüft zu haben. Putins Schattenmobilisierung sorgt für Razzien in Pensa: Videos zeigen Druck auf Männer Genau diese Vorgehensweise bezeichnen Beobachter als Schattenmobilisierung: Männer werden nicht offiziell eingezogen, sondern unter Druck dazu gebracht, Verträge mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben. Formal gelten sie danach als Freiwillige. Politisch ist das für den Kreml entscheidend, weil dadurch kein neuer Mobilisierungsbefehl nötig wird. Auch das unabhängige russische Medium Mediazona rekonstruierte die Vorgänge. Demnach tauchten die ersten Videos Mitte Juni auf der russischen Plattform VKontakte auf und verbreiteten sich anschließend über Telegram. Einige Originalbeiträge verschwanden später wieder, doch Kopien kursieren weiterhin. Auf mehreren Aufnahmen ist zu sehen, wie Angehörige und Passanten versuchen, Männer vor dem Abtransport zu bewahren. Putins Armee sucht Soldaten für Ukraine-Krieg – Freiwillige werden knapp Besonders brisant sind Berichte von Familienangehörigen. Eine Frau sagte Mediazona, ihr Mann sei bereits in das von Russland besetzte Mariupol gebracht worden. Er habe ihr erzählt, man habe ihm neue Dokumente ausgestellt und ihn zum Unterschreiben eines Vertrags gezwungen. Gegenüber Meduza schilderte eine Mutter einen ähnlichen Fall: Ihr Sohn habe sie noch anrufen können und leise gesagt, er werde in die Ukraine gebracht. Auf ihre Frage, warum er unterschrieben habe, habe er geantwortet: „Ich musste.“ Wie dieses System funktionieren kann, zeigt ein Fall aus Sursk in der Region Pensa. Mediazona sprach mit dem 51-jährigen Wladimir Podkowyrkin. Er berichtet, Polizisten hätten ihn unter dem Vorwand einer fehlenden Registrierung zum Wehramt gebracht. Dort habe er mehrere Formulare unterschrieben, von denen ihm gesagt worden sei, sie dienten lediglich der Erfassung seiner Daten. Kurz darauf sei ihm eröffnet worden, dass er einen Militärvertrag unterschrieben habe. Noch am selben Tag sei er nach Rostow gebracht und wenig später an die Front geschickt worden. Dort sei er schwer am Bein verletzt worden. Betrunkene, Schuldner, Vorbestrafte geraten ins Visier von Putins Armee Die russische Organisation „Idite Lesom“, die Männern bei der Vermeidung des Kriegsdienstes hilft, sieht in Pensa ein Muster. Gegenüber dem Tagesspiegel spricht ein Mitarbeiter von Dutzenden dokumentierten Fällen. Viele Betroffene hätten Schulden, Vorstrafen, Bewährungsauflagen oder Unterhaltsrückstände. Andere seien wegen Alkohol in der Öffentlichkeit oder kleinerer Verstöße aufgegriffen worden. Auch Meduza berichtet unter Berufung auf „Idite Lesom“, dass die Polizei vor allem sozial schwache Männer ins Visier nehme. Teils hätten Angehörige oder Anwälte die Betroffenen wieder freibekommen. In anderen Fällen seien Männer tatsächlich an die Front gebracht worden. Russland sucht Soldaten – doch Freiwillige werden knapp Die Vorgänge fallen in eine Phase wachsender Personalprobleme der russischen Streitkräfte. Der Tagesspiegel verweist auf NATO-Schätzungen, wonach die russischen Streitkräfte derzeit monatlich rund 20.000 bis 25.000 Ausfälle verzeichnen könnten. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben ebenso wenig wie höhere Schätzungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Sie verdeutlichen jedoch den hohen Bedarf an Ersatz für die Front. Auch CNN berichtet unter Berufung auf den Russlandexperten Janis Kluge, dass die Zahl neu abgeschlossener Militärverträge deutlich zurückgeht – trotz immer höherer Prämien und weiterer finanzieller Anreize. Meduza verweist ebenfalls auf Budgetdaten, nach denen die Vertragsrekrutierung deutlich hinter früheren Werten zurückbleibt. Für den Kreml wird damit ein Modell schwieriger, das lange auf Geld, soziale Versprechen und Rekrutierung in ärmeren Regionen setzte. Ukraine-Krieg: Warum Putin eine zweite Mobilisierung scheut Dass der Kreml eine weitere offizielle Mobilisierung bislang vermeidet, dürfte politische Gründe haben. Als Wladimir Putin im September 2022 eine Teilmobilisierung anordnete, flohen Hunderttausende Männer aus Russland. Die Bilder langer Schlangen an den Grenzen nach Georgien, Kasachstan oder Finnland wurden zum Symbol für die innenpolitische Sprengkraft des Krieges. Der Tagesspiegel verweist auf Recherchen unabhängiger russischer Medien, wonach innerhalb des Machtapparats über weitere Schritte nach den Dumawahlen diskutiert werde. Eine offizielle Bestätigung dafür gibt es nicht. Sicher ist aber: Eine neue Mobilmachung wäre für Moskau riskant – innenpolitisch, wirtschaftlich und propagandistisch. Putins Schattenmobilisierung: Warum Pensa so brisant ist Pensa ist deshalb brisant, weil dort sichtbar wird, wie Russlands Schattenmobilisierung funktionieren kann: sinkende Bereitschaft zu freiwilligen Militärverträgen, wachsender Druck auf die Regionen und der politische Wille, eine offene Mobilmachung zu vermeiden. Formal gelten die Betroffenen als Freiwillige, obwohl unabhängige Medien von Zwang, Drohungen und Täuschung berichten. So senkt der Kreml den politischen Preis, ohne das Rekrutierungsproblem zu lösen. Russlands Behörden dementieren Razzien – Bevölkerung bleibt alarmiert Die Behörden in Pensa bestreiten die Vorwürfe vehement. Das regionale Innenministerium erklärte laut Meduza, Berichte über massenhafte Festnahmen zur Entsendung in den Krieg seien Falschmeldungen. Man habe lediglich planmäßige Maßnahmen unterstützt, um Personen zu finden, die sich nicht ordnungsgemäß militärisch registriert hätten. Militärkommissar Andrej Surkow nannte die Videos laut Euronews inszeniert und sprach von einer Provokation gegen die Armee. Doch die Dementis beruhigten die Bevölkerung offenbar nicht. Meduza schreibt, Bewohner Pensas hätten Telegram-Gruppen gegründet, um sich gegenseitig vor Kontrollen, Uniformierten und Straßensperren zu warnen. Ein solcher Kanal wurde später gesperrt. Kurz darauf entstand ein neuer, nicht öffentlicher Kanal. Dass Menschen in einer russischen Regionalstadt ihre Wege offenbar nach möglichen Rekrutierungsrazzien planen, zeigt, wie tief die Angst vor einer schleichenden Einberufung inzwischen reicht. Pensa als Warnsignal für Putins Kriegsapparat Auch das Institute for the Study of War äußert Zweifel daran, ob Russland seine angekündigten neuen Divisionen und Brigaden personell überhaupt auffüllen kann. Die Analysten verweisen auf anhaltende Rekrutierungsprobleme, wirtschaftliche Belastungen und die verlustreichen, infanterielastigen Angriffstaktiken der russischen Armee. Damit wird Pensa zu mehr als einem regionalen Zwischenfall: Die Videos passen in ein größeres Bild wachsender Personalnot. Ob Pensa ein Einzelfall bleibt oder zum Vorbild für andere Regionen wird, ist offen. Klar ist jedoch: Je schwieriger Russland ausreichend Freiwillige gewinnt, desto größer dürfte der Druck werden, neue Rekruten auf informellem oder administrativem Weg zu rekrutieren. Die Ereignisse in Pensa liefern dafür eines der bislang deutlichsten öffentlich dokumentierten Beispiele. Getroffen werden offenbar nicht die Wehrfähigen schlechthin, sondern vor allem die Wehrschwachen: Arme, Verschuldete, Vorbestrafte und Männer ohne starken juristischen Rückhalt. (Quellen: Tagesspiegel, Mediazona, Meduza, Euronews, CNN, Novaya Gazeta Europe, Verstka, IStories, Institute for the Study of War) (chnnn)

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