„Putin wird weitermachen“: Selenskyj erklärt, warum er russischen Angriff auf europäischen Staat für wahrscheinlich hält
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält das Risiko eines russischen Angriffs auf europäische Länder nach eigenen Angaben für hoch. Das bestätigte der Ukrainer am Dienstagabend bei einem Pressetermin in New York, nachdem er sich am Rande der UN-Vollversammlung mit dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump getroffen hatte.
Auf die Nachfrage einer Journalistin des US-amerikanischen Nachrichtensenders Fox News, wie er das Risiko einer Invasion Russlands auf europäische Staaten in naher Zukunft einschätze, holte Selenskyj etwas weiter aus. Zwar wolle er versuchen, seine Ansichten dazu nur kurz zu erläutern, allerdings sei die Sache komplex.
Warum hält Selenskyj einen Angriff für wahrscheinlich?
Nach Einschätzung des Ukrainers sei das derzeitige Hauptproblem des russischen Präsidenten Wladimir Putin die innenpolitische Lage und die Stimmung beim russischen Volk. In Anbetracht dessen, dass Russland nach Angaben Selenskyjs derzeit zwischen 32.000 und 33.000 Verluste monatlich verzeichnen müsse, stehe der Kremlchef unter enormem Druck.
„Wie soll er [Putin – Anm. d. Red.] das erklären, wenn er keine nennenswerten Siege vorweisen kann?“, fragte Selenskyj und ergänzte im Hinblick auf die ausbleibenden Erfolgsmeldungen: „Wie soll man das dem eigenen Volk verkaufen?“ Vor allem in Anbetracht der Soldaten, die ohne maßgebliche Erfolge – beispielsweise im Donbass – nach Russland zurückkehren, wachse der Druck auf Moskaus Führung. Der Ukrainer rekapitulierte: „Er braucht dringend einen Sieg.“
Selenskyj zufolge habe Putin nun zwei Möglichkeiten:
1. Ukraine-Unterstützung vermindern
Indem Putin westliche Ukraine-Verbündete dazu bewegt, ihre militärische Unterstützung für das angegriffene Land zu vermindern, könnten Russlands Truppen die ukrainischen Streitkräfte stärker in Bedrängnis bringen, erklärt Selenskyj. „In dem Fall könnte er uns vielleicht etwas härter und erfolgreicher unter Druck setzen.“
Militärexperten gehen derweil davon aus, dass Putin längst zu solchen Mitteln greift. Anfang September mutmaßten Analysten des US-amerikanischen „Institute for the Study of War“ (ISW), dass Putin dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump in einem Telefonat „ein verzerrtes Bild von der Lage an der Front“ vermittelt habe. Hierdurch solle Trump schließlich dazu bewegt werden, den Druck auf die Ukraine zu erhöhen, damit Kyjiw endlich den Forderungen Moskaus nachgebe.
2. Angriff auf anderes Land
Selenskyj zufolge habe Putin noch eine weitere Möglichkeit, sich in Anbetracht des steigenden Drucks einen Sieg zu verschaffen – nämlich „indem man jemand anderen angreift. In etwa mit der Drohung: ‚Hört zu, ich werde noch weiter gehen, wenn ihr das nicht unterbindet.‘“
Der Ukrainer glaubt, der Kremlchef handle mit folgender Intention: Wenn Kyjiws Partner sehen, was ihnen gewissermaßen bei fortsetzenden Militärhilfen blüht, könnten sie von weiteren Unterstützungsleistungen absehen.
Eine russische Invasion in ein anderes Land könnte demnach auch in europäischen Bevölkerungen Ängste schüren und Gesellschaften in Europa hinsichtlich weiterer Waffenlieferungen spalten, mutmaßt der 48-Jährige.
Selenskyj gab vor den Journalisten zu bedenken, dass die Bedrohung für europäische Ukraine-Verbündete längst real sei: „Was Putin gerade tut: Mit Drohnen greift er Moldawien und Rumänien an, überschreitet die Grenzen zu Polen, zu deutschen Flughäfen und zu den nordischen Ländern. Er wird also damit weitermachen.“
Der Ukrainer resümierte: „Deshalb ist das Risiko einer Offensive mit Drohnen, Raketen oder Bodenoperationen gegen andere Länder, die vielleicht direkt an Russland oder auch Belarus grenzen, sehr hoch.“ Auf die Nachfrage der Fox-News-Reporterin, was die europäischen Staaten seiner Einschätzung nach nun tun sollten, antwortete Selenskyj mit Nachdruck: „Reagieren! Wenn man den Russen nicht entgegentritt, werden sie noch weiter gehen.“
Russische Angriffe auf Europa? Das sagen Sicherheitsexperten
Kürzlich äußerten die Geheimdienst-Chefs von Tschechien, Lettland und Schweden gegenüber dem britischen „Guardian“ ihre Einschätzung hinsichtlich der Möglichkeit russischer Angriffe auf Nato-Gebiete. Dabei waren sich die Experten darin einig, dass russische Sabotageversuche in Europa in den kommenden Monaten weiter zunehmen dürften.
Hinsichtlich möglicher Militärangriffe Russlands auf Nato-Gebiet waren sich die Geheimdienstler allerdings uneins. Während Michal Koudelka vom tschechischen Geheimdienst sogar eine kleinere Invasion in russlandnahes Nato-Territorium für möglich hält, sieht der Generaldirektor des lettischen Staatssicherheitsdiensts, Normunds Mežviets, „keine Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Angriff.“
Ähnlich sieht es Militärexperte Gustav Gressel, der einen Militärvorstoß Russlands „im Sinne der Landbesetzung zumindest für diesen Zeitraum für weniger wahrscheinlich“ hält, wie er dem ZDF in einem Interview sagte. Als Begründung gab er an, dass Russland eine solche Eskalation erst einmal kontrollieren müsse. Die Armeeführung könne in der Ukraine demnach „keine großen Kräfte entbehren und an die Nato-Ostflanke werfen“.
Allerdings wisse man auf geheimdienstlicher Ebene laut Gressel schon länger, dass Russland „die Eskalation mit der Nato plant und vorbereitet“, worauf unter anderem der Ausbau militärischer Infrastruktur an der Ostflanke hindeute. Was in zwei bis drei Jahren passiere, hänge demnach von vielen Faktoren ab – etwa davon, wie der Krieg in der Ukraine ausgeht und wie sich die USA künftig verhalten werden. In einer Phase der politischen Schwäche in Europa könnte Putin dann einen klassischen Angriff auf einen europäischen Staat starten.
Derweil nannte der Chef des schwedischen Geheimdienstes, Thomas Nilsson, den jüngsten Zwischenfall mit einer Sprengstoffdrohne am Leipziger Flughafen, für den Russland verantwortlich gemacht wurde, einen „Gamechanger“. Mit solchen Attacken wolle Moskau gezielt die Spaltungen innerhalb der Nato fördern, die europäische Bevölkerung in Alarmbereitschaft versetzen und schließlich eine Reduzierung der Ukrainehilfen bezwecken.
Der Sicherheitsexperte Peter R. Neumann sagte dem Tagesspiegel in einem Interview, dass man die Warnungen der Geheimdienstler „sehr ernst nehmen“ sollte. Zwar halte er einen konventionellen Krieg Russlands gegen Nato-Gebiet „derzeit für weniger wahrscheinlich“, da hierdurch der Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages und damit eine gemeinsame Reaktion auf den Angriff ausgelöst werden würde. Allerdings sei ein begrenztes Eindringen auf russlandnahes Nato-Territorium, etwa durch Provokationen unter falscher Flagge, durchaus denkbar.
Auch der Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer teilt die Befürchtungen der Geheimdienstler. Am Dienstagabend sprach er auf einer Veranstaltung in der Potsdamer Garnisonkirche in Anbetracht des gescheiterten Drohnenanschlags am Leipziger Flughafen von einer „neuen Qualität der Bedrohung“. Der designierte neue Nato‑Spitzenmilitär erläuterte: „Wir werden getestet. Russland nutzt Schwachstellen aus, beobachtet, wie wir reagieren.“