Putins versteckte Luxusyacht: Das Phantom von Seweromorsk
Vier Jahre lang war sie ein Phantom. Seit August 2022 sendete die mutmaßlich Wladimir Putin gehörende Luxusyacht „Graceful“ kein AIS-Signal mehr. Wer ihren Standort verfolgen wollte, hatte kaum eine Chance. Ende Juni dieses Jahres änderte sich das plötzlich: Die mehr als 82 Meter lange Yacht tauchte wieder auf den Bildschirmen internationaler Schiffsbeobachter auf – begleitet vom russischen Kriegsschiff „Severomorsk“ und dem Schiff „Voevoda“. Nach der Passage durch deutsche und dänische Gewässer verschwand das Ortungssignal erneut. Inzwischen gilt als wahrscheinlich, dass die über 100 Millionen Euro teure Yacht ihr Ziel erreicht hat. Nach einer Auswertung von Satellitenbildern und Schiffsdaten durch den dänischen Sender DR befindet sich die „Graceful“ mittlerweile in der russischen Marinebasis Seweromorsk am Kolafjord – rund 2000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Doch warum wurde eines der wertvollsten Schiffe Russlands ausgerechnet jetzt dorthin verlegt? „Man wollte offenbar verhindern, dass die Yacht beschädigt wird“ Für Henrik Schilling, Marineexperte vom Institut für Sicherheitspolitik der Uni Kiel (ISPK), ist das die plausibelste Erklärung. „Vieles deutet darauf hin – auch die Tatsache, dass sie mit Drohnennetzen ausgestattet war –, dass man Angst vor einer Beschädigung dieses Eigentums hat“, sagt Schilling im Gespräch mit FOCUS online. ANZEIGE ANZEIGE Die Yacht sei nicht irgendein Schiff. Sie gilt seit Jahren als eines der prestigeträchtigsten Besitztümer des russischen Präsidenten. Im Mai 2021 nutzten Wladimir Putin und der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko nach Angaben aus US-Geheimdiensts- und Regierungsunterlagen die 82 Meter lange „Graceful“ für eine gemeinsame Bootsfahrt während eines Staatsbesuchs in Sotschi. Das Schiff besitzt damit nicht nur einen hohen finanziellen, sondern auch erheblichen symbolischen Wert. „Die Yacht ist eine hohe Summe wert. Sollte es der Ukraine gelingen, das Schiff zu versenken oder stark zu beschädigen, wäre das auch ein relativ großer Propagandaerfolg. Dem möchte man offenbar vorbeugen“, sagt Schilling. Ukrainische Drohnenangriffe: Auffällige Netze an Putins Yacht Besonders ein Detail springt auf aktuellen Bildern der Yacht ins Auge. Über Teilen des Oberdecks sind großflächige Netze gespannt. Allerdings: „Die Netze sind natürlich etwas, womit eine solche Yacht normalerweise nicht ausgestattet ist. Sie wurden offensichtlich nachträglich angebracht“, so Schilling. Auf den Aufnahmen seien außerdem auffällige Antennen zu erkennen. Der Marineexperte hält es für möglich, dass Russland zusätzlich Systeme zur elektronischen Drohnenabwehr installiert hat. „Es könnte sich möglicherweise auch um Störsender gegen Drohnen handeln“, lautet die Erklärung. Solche Anlagen könnten GPS-Signale von Drohnen stören. „Man kann immer wieder beobachten, dass es zu GPS-Störungen kommt, wenn Putin irgendwo öffentlich auftritt. Vereinfacht gesagt wird über einer bestimmten Fläche eine Art Dom erzeugt, innerhalb dessen das GPS-Signal gestört wird. Dadurch können Drohnen nicht einfliegen.“ Ob genau solche Systeme auf der „Graceful“ installiert wurden, lasse sich anhand der Bilder zwar nicht sicher feststellen. Auffällig sei die zusätzliche Technik jedoch. Deutsche Behörden beobachteten die Fahrt genau Auch den deutschen Sicherheitsbehörden blieb die Passage des Konvois nicht verborgen. Wie Wulf Winterhoff von der Bundespolizeidirektion Bad Bramstedt gegenüber FOCUS online bestätigte, überwachten Einsatzschiffe der Bundespolizei den Verband während seiner westgehenden Fahrt durch die deutsche Ausschließliche Wirtschaftszone am 28. Juni zwischen 11.25 Uhr und 21 Uhr. „Dabei wurde kein regelwidriges Verhalten festgestellt.“ Auch die Deutsche Marine erklärte auf Nachfrage von FOCUS online, dass russische Kriegsschiffe grundsätzlich beobachtet werden. Ein Sprecher: „Schiffe und Boote der Marine zeigen Präsenz in der Ostsee. In enger Absprache mit der Bundespolizei werden russische Kriegsschiffe oder staatlich betriebene Forschungsschiffe der Russischen Föderation beobachtet, gegebenenfalls überwacht und bei Bedarf durch deutsche Küstengewässer begleitet.“ Enge Zusammenarbeit der Nato-Staaten in der Ostsee Nicht nur Deutschland beobachtet solche Fahrten. Die schwedische Küstenwache erklärte FOCUS online, sie äußere sich zwar grundsätzlich nicht zu einzelnen Schiffen. Man bestätige jedoch, „dass wir in enger Zusammenarbeit mit unseren Partnern und Verbündeten eine Seeüberwachung durchführen, bei der wir Luftaufklärung, Überwachung von Bord aus und Satellitenbilder kombinieren.“ Die dänische Seefahrtsbehörde bekräftigte gegenüber FOCUS online zudem, dass Schiffe in den Meerengen eng überwacht würden. „Die dänischen Behörden überwachen Schiffe, die die dänischen Meerengen durchfahren, sehr genau.“ Zur „Graceful“ wollte sich die Behörde nicht äußern. Für Schilling ergibt sich daraus insgesamt ein schlüssiges Bild. Bereits am 7. Februar 2022 hatte die „Graceful“ Hamburg verlassen und eine Werft in Kaliningrad angesteuert. Nur zwei Wochen später begann Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine. Anschließend verschwand die Yacht jahrelang von den Radarschirmen. Yacht „aus Urlaubsgründen“ verlegt? Jetzt liegt sie ausgerechnet in einer stark gesicherten Marinebasis weit im Norden Russlands. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Putin seine Yacht aus Urlaubsgründen ins Nordmeer verlegt. Es ist schließlich nicht das gemütlichste Meer“, sagte Schilling. Der neue Standort spreche vielmehr für einen militärischen Sicherheitsgedanken. Je größer die Entfernung zur Ukraine sei, desto mehr Zeit bleibe, mögliche Drohnenangriffe abzufangen. Innerhalb einer Marinebasis verfüge Russland zudem über weitere Verteidigungsmöglichkeiten.