Radikale Schul-Reform gefordert: Zwei Forscher wollen das Scheitern abschaffen
"Das PISAster"
Radikale Reform gefordert: Zwei Forscher wollen das Scheitern in der Schule abschaffen
Stand: 12.09.2026 10:14 Uhr
In deutschen Schulen belegen alle Kinder dieselben Fächer, und wer nicht mitkommt, sammelt schlechte Noten. Zwei Forscher aus Bochum schlagen vor, das umzudrehen: Jedes Kind soll nur so viele Fächer haben, wie es auch bewältigen kann, vor allem Deutsch und Mathe – und darin dann mindestens auf eine Zwei kommen können. Für die Leistungsstarken ändere sich nichts. Für die Schwächsten alles.
von Robert Rönsch, MDR WISSEN
Die Reaktion auf die neue PISA-Studie läuft ab wie seit 25 Jahren: schlechte Zahlen, Entsetzen, Rufe nach mehr Lehrern, kleineren Klassen, mehr Geld. Stefan Winter kennt das Muster. "Was hat sich seitdem strukturell geändert?", fragt der Wirtschaftswissenschaftler vom Lehrstuhl für Human Resource Management an der Ruhr-Universität Bochum. "Meine Antwort ist: gar nichts." Zusammen mit seiner Mitarbeiterin und Doktorandin Deborah Maffia hat er gerade ein Buch veröffentlicht, das die Debatte an einer ungewohnten Stelle angreift – nicht bei den zur Verfügung stehenden Mitteln, sondern beim Bauplan des Schulsystems selbst.
Ihr Ausgangspunkt klingt banal, aber ist es nicht. Der Lehrplan ist derzeit für alle Kinder gleich, verschieden sind nur die Noten. Wer nicht mitkommt, bekommt Vieren und Fünfen oder wechselt die Schulform – aber er macht dieselben Fächer weiter, Jahr für Jahr. "Das Schulsystem atmet im Augenblick über Schultypen und über Noten", sagt Winter, "aber es atmet nicht über die Breite der Curricula." Mit Curricula sind die Fächerkataloge gemeint.
Die beiden schlagen vor, es umzudrehen: Nicht der Fächerkatalog soll für alle gleich sein, sondern das ungefähr erreichte Niveau. "Jedes Kind macht nur so viele Fächer, dass es in jedem Fach, das es macht, auf einer 2 steht. Mindestens." Im Zentrum stehe damit die Individualisierung, sagt Maffia – die Forderung, "die Lernzeit an den tatsächlichen individuellen Bedarf eines Kindes anzupassen".
Leonie, Theo und Leon
Um ihre These vorzuführen, haben die beiden im Buch drei Kunstfiguren erfunden. Leonie bringt nur Einsen und Zweien nach Hause, lernt nebenbei Klavier und geht reiten. Theo ist im Mittelfeld, bringt vor allem Dreien und Vieren nach Hause. Und Leon kommt in keinem Fach mit: Er kann nicht richtig lesen, schreiben und rechnen, und von Erdkunde, Geschichte und Kunst hat er, wie es im Buch heißt, "keinen Schimmer". Sogar in Kunst fängt er sich eine Fünf ein – weil er sprachlich nicht in der Lage ist, eine Bildbeschreibung zu formulieren. Nach zehn Jahren verlässt er die Schule ohne Abschluss. Für Kinder wie ihn, schreiben Winter und Maffia, steigen die statistischen Wahrscheinlichkeiten, in Kriminalität, politische Radikalität oder Alkoholismus abzudriften.
Der Unterschied zwischen den dreien ist für die Autoren nicht nur einer der Begabung, sondern einer der Kosten. Eine Stunde Kunstunterricht kostet Leonie fast nichts, sie bekommt alles Wichtige sowieso hin. Dieselbe Stunde kostet Leon aber die Zeit, in der er hätte besser lesen lernen können. Weil derselbe Unterricht für verschiedene Kinder verschieden teuer ist, sei ein einheitlicher Fächerkatalog eben nicht neutral, sondern "ein ganz massives Diskriminierungsinstrument, dem vor allem die Kinder aus bildungsfernen Schichten zum Opfer fallen", sagt Winter. "Die brauchen verdammt nochmal Deutsch und Rechnen." Maffia fügt hinzu: Wenn ein Kind in Deutsch schlecht sei, werde es in der Schule "gleich doppelt und dreifach bestraft", weil es dann auch dem Unterricht in allen anderen Fächern nicht folgen könne.
Die neue PISA-Studie liefert dazu eine passende Zahl: In Deutschland gehen 15,8 Prozent der Unterschiede in der Lesekompetenz auf die soziale Herkunft zurück, im OECD-Schnitt sind es nur 9,2 Prozent. Der Zusammenhang ist hier also gut 1,7-mal so stark wie im Durchschnitt. Und nur sechs der 89 Teilnehmerstaaten haben einen noch höheren Wert als Deutschland.
Wie ihr Modell praktisch aussehen soll, rechnen Winter und Maffia an einem Schuljahreswechsel vor. Steht Leonie in allen Fächern wie gewohnt auf Eins oder Zwei, macht sie alle Fächer im nächsten Jahr im gewohnten Umfang weiter. Steht Leon in Deutsch und Mathe auf Vier oder Fünf, wird er im kommenden Schuljahr von anderen Fächern befreit und bekommt stattdessen zusätzlichen Deutsch- und Mathe-Unterricht. So geht es weiter, bis er wieder mindestens auf Zwei steht, ab dann kann er auch wieder andere Fächer belegen. Für Theo, den Mittelfeld-Schüler, gibt es einen entsprechend abgestuften Plan.
Nicht mehr Lehrer, nicht mehr Geld
Der Vorschlag richtet sich ausdrücklich gegen das, was nach jeder schlechten Schulstudie gefordert wird. Verkleinere die Klassen, sagt Winter, und Leon sitze trotzdem weiter in Fächern, die ihn nicht weiterbringen. Bilde die Lehrer besser aus, und man habe besser ausgebildete Geschichtslehrer – "aber Geschichte ist für Leon nicht das richtige Fach". Gib ihm Nachhilfe in Erdkunde, und es fehle ihm danach immer noch das Deutsch. Maffia verweist auf die Forschungslage: Die durchschnittlichen Wirkungen solcher Maßnahmen seien "häufig kleiner, uneinheitlicher und kontextabhängiger, als es die Debatten vermuten lassen".
Ihr eigenes Modell komme dagegen ohne zusätzliche Mittel aus, argumentiert Winter: Die Gesamtzahl der Unterrichtsstunden bleibe gleich, sie verteile sich nur anders. Und das Modell solle natürlich nicht ungeprüft eingeführt, sondern erst einmal ausprobiert werden. "Wir bräuchten vielleicht zehn Schulen. Vielleicht reichen schon sechs, drei so, drei so." Die Kosten dafür seien "für ein Land unseres Reichtums absolut lächerlich", die Effekte würden seiner Meinung nach schon nach zwei Jahren messbar sein.
Auf den Einwand, ein solches Experiment mache etwas mit Kindern, was diese für sich selbst dann nicht mehr rückgängig machen können, antwortet Deborah Maffia mit einer Umkehrung. Nicht nur das angestrebte Modell sei ein Experiment, auch das bestehende: "Wir experimentieren gewissermaßen bereits mit unseren Kindern, nur wir nennen es nicht so, weil das bestehende Schuldesign historisch gewachsen ist."
Was offen bleibt
Ein echtes Vorbild für ihr Modell haben die beiden Forscher nirgends gefunden, kein Land und keine Schulform arbeitet schon so. Am nächsten kommt noch ein Programm aus Chicago: Seit 2003 mussten Neuntklässler mit schwachen Mathematikergebnissen dort eine zweite Mathestunde besuchen, zulasten eines Wahlfachs. Die Wirkung war messbar bis hinein in spätere Studienabschlüsse, und am größten fiel sie bei Schülern mit schwachen Lesefähigkeiten aus. Sie verschwand allerdings dort, wo die Doppelstunden ausschließlich mit den Schwächsten besetzt wurden. Für ein Modell, das genau diese Kinder in eigene Gruppen zusammenfassen möchte, könnte das eine Warnung sein.
Offen bleibt auch, wer den zusätzlichen Deutschunterricht geben soll. Die Gesamtzahl der Stunden mag konstant bleiben, ihre Verteilung auf die Fächer tut es nicht. Für die Grundschule hat Winter darauf eine Antwort, weil dort notfalls jede Lehrkraft Deutsch unterrichten könnte. Aber für die weiterführenden Schulen gilt das nicht. Widerstand erwarten die beiden ohnehin, vor allem von den Lehrern der übrigen Fächer. "Wir leben im Zeitalter der Shitstorms", sagt Winter. "Der Shitstorm wird kommen."
Bleibt die Frage, was aus Leon wird, wenn er die Schule mit kaum mehr verlässt als Deutsch und Mathematik (aber dort mit guten Kenntnissen). Stefan Winter dreht die Frage um. An der Bildungsdebatte nähmen nur die Gebildeten teil, sagt er: "Die Verlierer des Systems werden überhaupt nicht gefragt. Eigentlich müssten wir diese Bildungsdiskussionen in unseren Jugendgefängnissen führen." Sechs bis sieben Prozent jedes Jahrgangs verlassen in Deutschland die Schule ohne Abschluss, rechnen Winter und Maffia vor – jedes Jahr um die 50.000 weitere junge Menschen mit schlechten Perspektiven. Viel ist Lesen, Schreiben und Rechnen tatsächlich nicht. Aber es sei mehr als das, was Leon heute mitbekommt: zehn Jahre Unterricht in einem Dutzend Fächer, an deren Ende er nichts davon wirklich kann.