Rafael van der Vaart: "Jetzt kann Klopp mich wieder ernst nehmen"
16.08.2026 • 14:06 Uhr Rafael van der Vaart ist bekannt für seine ehrlichen Worte. Im Gespräch mit SPORT1 äußert sich der ehemalige HSV-Star zum frühen WM-Aus der Niederlande und spricht über Jürgen Klopp. Rafael van der Vaart ist um klare Worte selten verlegen – und auch im exklusiven SPORT1-Interview hält sich der frühere HSV-Star nicht zurück. Der 109-malige Nationalspieler der Niederlande spricht über den überraschenden Oranje-Coup mit Xavi und die enttäuschende WM – und erklärt, warum Ajax mit Julian Brandt und Marc-André ter Stegen wieder Meister werden muss. Spannend wird es beim Thema Jürgen Klopp: Nach dem öffentlichen Zoff um Virgil van Dijk steht van der Vaart weiter zu seiner Kritik – räumt aber auch ein, etwas überzogen zu haben. Auch zu Klopps neuem Job als Bundestrainer äußert sich der 43-Jährige. Xavi? „Überrascht war ich schon“ SPORT1: Herr van der Vaart, Xavi ist neuer Nationaltrainer der Niederlande. Hand aufs Herz: Als Sie den Namen zum ersten Mal gehört haben – waren Sie begeistert oder überrascht? Rafael van der Vaart: Überrascht war ich schon. Damit habe ich nicht gerechnet. Aber ich finde es spannend. Xavi ist zwar Spanier, aber wenn du seine Vorstellung vom Fußball kennst, dann steckt da sehr viel Niederlande drin. Johan Cruyff hat den FC Barcelona enorm geprägt und diese Verbindung ist immer noch da. Xavi will den Ball haben, er will Fußball spielen, er will dominieren. Das passt grundsätzlich sehr gut zu uns. Jetzt muss er zeigen, ob er das auch als Nationaltrainer hinbekommt. SPORT1: Xavi bezeichnet sich selbst sogar als „Sohn des niederländischen Fußballs“. Kaufen Sie ihm das ab? Van der Vaart: Ja, warum nicht? Natürlich ist er kein Niederländer, aber es geht dabei um seine Fußball-DNA. Er ist mit dieser Philosophie groß geworden. Ballbesitz, Technik, Räume schaffen, immer eine Lösung mit dem Ball suchen – das ist sehr niederländisch. Vielleicht brauchen wir sogar jemanden von außen, der uns wieder daran erinnert, was unseren Fußball einmal ausgezeichnet hat. SPORT1: Ist seine Verpflichtung trotzdem auch ein Zeichen an die niederländischen Trainer? Zum ersten Mal seit 48 Jahren übernimmt wieder ein Ausländer Oranje. Hat der niederländische Fußball seine eigene Trainerschule vielleicht überschätzt? Van der Vaart: Nein, so würde ich das nicht sehen. Wir haben gute niederländische Trainer. Aber entscheidend ist doch nicht der Pass. Entscheidend ist: Wer ist jetzt der beste Mann für diese Mannschaft? Wenn der Verband überzeugt ist, dass das Xavi ist, muss man diesen Weg gehen. Wir Niederländer erzählen immer, dass wir mutig Fußball spielen wollen. Dann sollten wir bei der Trainerwahl auch mutig sein. „Mit der Qualität musst du bei einer WM mehr zeigen“ SPORT1: Ronald Koeman hat mit Oranje 2024 noch das EM-Halbfinale erreicht, bei der WM war gegen Marokko schon in der ersten K.-o.-Runde Schluss. Hat Koeman aus dieser Generation zu wenig herausgeholt? Van der Vaart: Koeman hat allgemein einen guten Job gemacht, auch in seiner ersten Amtszeit. Mit ihm war es nicht schlecht, nur zuletzt war es einfach zu wenig. Wir haben gute Spieler, wirklich gute Spieler. Natürlich sind wir nicht Frankreich oder vielleicht Spanien, was die Breite angeht. Aber mit dieser Qualität musst du bei einer WM mehr zeigen. Mir hat zu oft die Überzeugung gefehlt. Ich möchte bei Holland sehen: Wir gehen raus und wollen den Gegner beherrschen. Bei der WM hatte ich dieses Gefühl nicht immer. SPORT1: Ist Xavi der bessere Trainer für diese Mannschaft als Koeman? Van der Vaart: Das muss er erst beweisen. Ronald hat sehr viel Erfahrung und kennt den niederländischen Fußball wie kaum ein anderer. Aber Xavi bringt etwas Neues mit. Eine andere Energie, eine sehr klare Vorstellung davon, wie seine Mannschaft Fußball spielen soll. Genau das kann Oranje jetzt guttun. SPORT1: Was muss Xavi als Erstes verändern? Van der Vaart: Mut. Und Freude. Ich möchte eine Mannschaft sehen, die gerne den Ball hat und bei der du merkst: Die wollen etwas kreieren. Wir haben Spieler dafür. Xavi muss ihnen eine klare Idee geben und ihnen gleichzeitig das Gefühl vermitteln, dass sie Fehler machen dürfen. Wenn du offensiv spielen willst, verlierst du auch mal einen Ball. Das gehört dazu. Zwei Bundestrainer-Newcomer: Xavi gegen Klopp SPORT1: Xavis erstes Spiel hat es gleich in sich: Am 24. September geht es gegen Deutschland – und gegen den neuen Bundestrainer Jürgen Klopp. Van der Vaart: Das ist natürlich großartig. Xavi gegen Klopp, Holland gegen Deutschland – besser kannst du eigentlich nicht anfangen. Für uns Niederländer ist Deutschland sowieso nie ein normales Spiel. Und jetzt haben beide Mannschaften auch noch einen neuen Trainer. Ich freue mich sehr darauf. SPORT1: Auch im niederländischen Vereinsfußball tut sich einiges. Ajax hat mit Julian Brandt und Marc-André ter Stegen zwei große deutsche Namen geholt. Ist Ajax endlich wieder Ajax? Van der Vaart: Das hoffe ich. Ajax gehört für mich an die Spitze. Die letzten Jahre waren teilweise wirklich schwierig anzuschauen. Jetzt zeigt der Klub wieder Ambition. Ter Stegen bringt unglaubliche Erfahrung mit und Brandt kann natürlich Fußball spielen. Das sind Namen, bei denen auch die Konkurrenz merkt: Ajax will wieder etwas. SPORT1: Bei Brandt klang das bei Ihnen zuletzt allerdings weniger begeistert. Sie haben ihn als „Schönwetter-Fußballer“ bezeichnet und sogar gesagt, er habe nicht einmal 20 Prozent Ihrer Qualität. Was kann Julian Brandt eigentlich besser als Rafael van der Vaart? Van der Vaart: (lacht) Das soll Julian Ihnen lieber selbst sagen. Vielleicht findet er etwas. Nein, im Ernst: Manchmal sage ich Dinge ein bisschen deutlich. Aber ich habe auch gesagt, dass er ein guter Fußballer ist. Das ist er. Julian hat eine fantastische Technik und kann Spiele entscheiden. Meine Frage bei ihm war immer: Was passiert, wenn es nicht läuft? Wenn das Spiel hässlich wird, wenn du kämpfen musst, wenn alle auf dich schauen? Bei Ajax wird genau das passieren. Dort musst du jede Woche liefern. SPORT1: Bleiben Sie bei den 20 Prozent? Van der Vaart: (lacht) Fragen Sie mich nach der Saison noch einmal. Vielleicht muss ich mich dann entschuldigen. Das wäre doch auch schön. Brandt und ter Stegen: Was geht für Ajax? SPORT1: Brandt ist 30, ter Stegen 34. Ajax war jahrzehntelang dafür berühmt, die Stars von morgen auszubilden. Kauft der Klub jetzt die Stars von gestern? Van der Vaart: Nein. Gerade eine junge Mannschaft braucht Erfahrung. Bei Ajax kannst du nicht mit elf Talenten spielen und sagen: Schauen wir mal, was passiert. Du musst Meister werden. Ter Stegen hat beim FC Barcelona alles erlebt. Brandt kennt Dortmund, die Bundesliga, die Champions League. Solche Spieler können den Jungen enorm helfen. SPORT1: Peter Bosz, Trainer der PSV Eindhoven, hat angesichts der Ajax-Transfers ironisch gesagt, er könne schon nicht mehr ruhig schlafen. Muss der PSV-Trainer tatsächlich Angst bekommen – oder muss Ajax erst einmal beweisen, dass große Namen auch eine große Mannschaft ergeben? Van der Vaart: (lacht) Peter schläft bestimmt noch ganz gut. Er kennt den Fußball zu lange, um im August nervös zu werden. Aber natürlich sieht er, was Ajax macht. Und ich finde es gut, dass wieder diese Rivalität entsteht. Ajax gegen PSV muss ein großes Duell sein. Wenn Peter schon ein bisschen schlechter schläft, haben wir in Amsterdam zumindest etwas richtig gemacht. SPORT1: Dann legen Sie sich fest: Ist Ajax jetzt Titelfavorit? Van der Vaart: Für mich ja. SPORT1: Wer wird Meister? Van der Vaart: Ajax. SPORT1: Ohne Zögern? Van der Vaart: Ich bin Rafael van der Vaart. Was soll ich denn sonst sagen? (lacht) „Jürgen Klopp darf doch seine Meinung haben“ SPORT1: Dann müssen wir über einen Mann sprechen, mit dem Sie während der WM ein kleines Scharmützel hatten: Jürgen Klopp. Sie haben Virgil van Dijk kritisiert und seine Beweglichkeit mit einer Boeing 747 verglichen. Klopp fand das überhaupt nicht lustig. Van der Vaart: Nein, offensichtlich nicht. (lacht) Aber das ist okay. Jürgen kennt Virgil sehr gut, sie haben bei Liverpool große Erfolge gefeiert. Ich stehe zu meiner Meinung. Ich analysiere das, was heute ist. Klopp hat aber natürlich jedes Recht, Virgil zu verteidigen. Ich bin Experte und muss sagen, was ich sehe. Wenn ich jedes Mal darüber nachdenke, ob ein ehemaliger Trainer oder ein Spieler sauer auf mich sein könnte, kann ich meinen Job nicht machen. SPORT1: Klopp hat ziemlich hart zurückgeschossen und sinngemäß gesagt: Wenn Rafael van der Vaart irgendwann einmal etwas Positives über einen Spieler sagt, kann ich ihn vielleicht wieder ernst nehmen. Im Grunde hat er Ihnen damit die Kompetenz als TV-Experte abgesprochen. Hat Sie das wirklich überhaupt nicht geärgert? Van der Vaart: Nein. Warum? Jürgen darf doch seine Meinung haben. Ich habe meine. Vielleicht schaut er nicht jedes niederländische Fernsehen und weiß deshalb nicht, dass ich durchaus positive Dinge sage. (lacht) Aber ich mag Menschen, die ihre Meinung sagen. Jürgen macht das und ich mache das auch. Dann kracht es eben manchmal. SPORT1: Wenn Klopp Ihnen heute gegenübersäße und sagen würde: „Rafael, du hast Virgil bei dieser WM Unrecht getan“ – was würden Sie ihm antworten? Van der Vaart: Dass ich das anders sehe. Ich habe Virgil nicht kritisiert, weil ich ihn nicht mag. Im Gegenteil: Ich halte ihn für einen der besten niederländischen Verteidiger überhaupt. Aber gerade deshalb darf ich doch sagen, wenn ich von ihm mehr erwarte. Jürgen hat seine Sicht auf Virgil und ich habe meine. Wir müssen uns da auch nicht einigen. SPORT1: Sie haben nach Klopps Kritik noch einmal nachgelegt. Ist zwischen Ihnen beiden etwas hängen geblieben? Van der Vaart: Von meiner Seite überhaupt nicht. Ich kenne Jürgen und schätze ihn. Er ist ein fantastischer Trainer und ein großer Charakter. Aber nur weil ich jemanden mag oder respektiere, muss ich doch nicht plötzlich sagen: Du hast recht und ich habe unrecht. So funktioniert Fußball nicht. So denkt van der Vaart über van Dijk SPORT1: Aber bei Van Dijk sind Sie anschließend zumindest etwas zurückgerudert. War die Boeing vielleicht doch ein bisschen zu groß? Van der Vaart: Vielleicht hätte es auch eine kleinere Maschine getan. (lacht) Nein, im Ernst: Natürlich war das zugespitzt. Fernsehen ist auch Unterhaltung. Aber hinter meiner Kritik stand ein fußballerischer Punkt. Virgil war über Jahre einer der besten Verteidiger der Welt und ist immer noch ein sehr guter Spieler. Gerade deshalb erwarte ich von ihm als Kapitän der Niederlande sehr viel. SPORT1: Wie bewerten Sie seine WM heute mit etwas Abstand? Van der Vaart: Er war nicht so schlecht, wie manche nach meiner Aussage vielleicht gedacht haben. Aber er war für mich auch nicht der Virgil van Dijk, den diese Mannschaft gebraucht hätte. Bei einem Kapitän geht es nicht nur darum, keinen Fehler zu machen. Er muss die Mannschaft führen, ausstrahlen: Folgt mir, wir gewinnen dieses Spiel. Davon hätte ich mir mehr gewünscht. SPORT1: Müssen wir Ihre heutige Einschätzung trotzdem als kleines Eingeständnis verstehen, dass Klopp zumindest ein bisschen recht hatte? Van der Vaart: Nein. (lacht) Das wäre jetzt zu einfach. Jürgen hat Virgil verteidigt, ich habe seine Leistung bewertet. Beides kann doch gleichzeitig passieren. Vielleicht war meine Formulierung sehr hart. Aber deshalb war meine grundsätzliche Kritik nicht falsch. „Jürgen Klopp passt perfekt zu Deutschland“ SPORT1: Klopp wirft Ihnen vor, zu negativ über Spieler zu sprechen. Sie vergleichen Van Dijk mit einer Boeing. Wer von Ihnen beiden hat überzogen? Van der Vaart: Vielleicht wir beide ein bisschen. (lacht) Ich bin auch nicht perfekt. Manchmal sitzt du im Studio, bist emotional und formulierst etwas härter, als du es am nächsten Morgen formulieren würdest. Aber ich möchte lieber ein Experte sein, der eine Meinung hat, als einer, der 90 Minuten redet und danach weiß niemand, was er eigentlich denkt. SPORT1: Nun bekommt die Geschichte eine schöne Pointe: Ausgerechnet Klopp soll jetzt den deutschen Fußball retten. Müssen Sie als Niederländer sagen: Leider eine verdammt gute Entscheidung? Van der Vaart: Ja. Deutschland hat genau den richtigen Mann bekommen. Jürgen passt perfekt zu Deutschland. Nach dieser WM braucht die Mannschaft Energie, Selbstvertrauen und jemanden, der die Menschen wieder begeistert. Das kann kaum jemand besser als Klopp. SPORT1: Ausgerechnet Sie loben Klopp jetzt so überschwänglich. Van der Vaart: (lacht) Jetzt kann Klopp mich wieder ernst nehmen.