Raketeneinschläge vor Luftalarm: Bisheriger Höhepunkt des Krieges erschüttert Kiew
In viereinhalb Jahren Krieg macht Kiew alles durch, was eine europäische Hauptstadt unter Dauerbeschuss aushalten kann. Der Juli 2026 jedoch sticht als besonders brutal heraus: Auf den schwersten Kriegswinter folgt der schwerste Kriegssommer. Die ukrainische Hauptstadt hat den bisher tödlichsten Monat im vollumfänglichen russisch-ukrainischen Krieg hinter sich. Die aktuelle Welle der massiven Luftangriffe auf die Stadt mit rund drei Millionen Einwohnern begann bereits Ende Mai. Doch im Juli waren die Attacken mit ballistischen Raketen besonders deutlich zu spüren. Elfmal, also jede dritte Nacht, wurde Kiew mit größeren Angriffen konfrontiert. Rund 60 Zivilisten sind dabei bisher ums Leben gekommen - die bisher höchste monatliche Anzahl von Todesopfern. In viereinhalb Jahren hat Kiew beinahe alles durchgemacht, was eine moderne europäische Hauptstadt unter Dauerbeschuss aushalten kann. Vor allem sind die Erinnerungen an den letzten Winter noch frisch. Bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad mussten Hunderttausende Menschen Tage und Nächte ohne Strom und ohne Heizung verbringen. Wie befürchtet ist nun auf den bisher schwersten Winter in der modernen Geschichte Kiews der bislang mit Abstand schwerste Kriegssommer gefolgt. Obwohl massive russische Luftangriffe spätestens seit Herbst 2022 zum Alltag der Hauptstadt gehören - Kiew ist schon immer das attraktivste Ziel für die Russen im Hinterland gewesen -, war gerade in der Nacht auf den Donnerstag vollkommen neue Nervosität in der Bevölkerung zu spüren. Die Anzeichen verdichteten sich, dass der nächste massive Beschuss in der Nacht unmittelbar bevorstand. Viele Menschen warteten den Luftalarm nicht ab und suchten schon zuvor Schutz in der U-Bahn. Bei der aktuellen Beschusswelle ist das keine Panik, sondern nüchterne Kalkulation. Einschläge vor dem Luftalarm Die russischen Streitkräfte setzen inzwischen gezielt auf ballistische Raketen, die Kiew binnen weniger Minuten erreichen. Zum Einsatz kommen dabei auch immer häufiger umgebaute S-400-Flugabwehrraketen, die im Boden-Boden-Modus zwar äußerst ungenau, aber extrem schwer zu orten sind. Bei zwei der elf Angriffen im Juli waren die ersten Einschläge daher schon hörbar, bevor der Luftalarm ertönte. Während die U-Bahn um 22:30 Uhr schließt und ab Mitternacht die Ausgangssperre gilt, verbringen manche Kiewer inzwischen von vornherein jede Nacht in den U-Bahn-Stationen. Plötzliche Einschläge um ein oder zwei Uhr nachts sind keine Ausnahme mehr. Sie sind Teil eines neuen Alltags. Die Verunsicherung möchte Russland allzu gerne für seine psychologische Kriegsführung ausnutzen. In der Masse gelingt dies nach wie vor nicht. Wenn es etwa um konkreten Schutz geht, wird das Ringen um einen Platz in der Metro allerdings zur traurigen Realität einer europäischen Hauptstadt mitten im Verteidigungskrieg. In der Nacht zu Donnerstag übernachteten mehr als 56.000 Menschen in den U-Bahn-Stationen: ein weiterer jener "Rekorde", die in den vergangenen Wochen wiederholt neu aufgestellt wurden. Die Zahl ist sehr nah an der absoluten Kapazitätsgrenze der U-Bahn. Im gesamten östlichen Teil Kiews gibt es zudem kaum unterirdische U-Bahnhöfe, was die Lage dort verkompliziert. Deshalb wird seit Längerem kontrovers diskutiert, ob man leere Züge in den als Schutzräume dienenden Haltestellen abstellen könnte, um mehr Menschen unterzubringen. Technisch ist das schwer umsetzbar. Die Kiewer U-Bahn ist angesichts der Größe der Stadt mit nur drei Linien vergleichsweise klein. Eine nächtliche Sperrung des Schienennetzes würde die notwendigen Wartungsarbeiten massiv erschweren. Ebenso wird in der Stadt nun heftig darüber diskutiert, dass einzelne U-Bahnhöfe am späten Mittwochabend Schutzsuchende abweisen mussten, weil schlicht kein Platz mehr da war. Eine wirkliche Lösung gibt es dafür nicht. Umso stärker steht jedoch parallel Bürgermeister Vitali Klitschko unter massivem Druck, der seit zwölf Jahren im Amt, und für die meisten Kiewer hauptsächlich eine Art "PR-Bürgermeister" ist. Die Situation um Luftschutzkeller jenseits der Metro ist auch viereinhalb Jahre nach dem Ausbruch des großangelegten Angriffskriegs alles andere als zufriedenstellend. Viele Probleme in der Verwaltung der Stadt haben mit andauernden politischen Konflikten zu tun – der Streit zwischen Klitschko und Präsident Wolodymyr Selenskyj dauert seit 2019 an -, aber auch mit verwirrender Kompetenzverteilung zu Kriegszeiten. Kaum jemand in Kiew glaubt, dass Klitschko in den vergangenen Jahren genug im Hinblick auf Luftschutzkeller getan hat. Während des Krieges und unter ständigem Beschuss ist der Ausbau zwar kompliziert. Doch die sowjetische Grundinfrastruktur der Stadt wurde einst mit Blick auf einen möglichen Atomkrieg errichtet. Oft ginge es lediglich darum, bereits vorhandene Anlagen in Ordnung zu bringen. Tödlicher Mangel an Patriots Untergangsstimmung herrscht deshalb keineswegs. Schließlich hatte die Ukraine im gesamten Jahr 2022 noch gar keine technischen Kapazitäten, um Ballistik abzuwehren, trotzdem konnte sich das Land effektiv verteidigen. Außerdem glänzt die ukrainische Flugabwehr beim Abfangen der üblichen Marschflugkörper und Drohnen, und die monatlichen Produktionskapazitäten Russlands für ballistische Raketen haben ihre Grenzen. Doch die Blicke auf den kommenden Winter sowie mögliche neue Angriffe auf die Energieinfrastruktur sind von tiefer Sorge geprägt. Bereits für die nächste Woche warnt die Regierung vor erneuten Stromausfällen, die in diesem Sommer in Kiew schon vorgekommen sind. Die Temperaturen werden voraussichtlich steigen - und mit ihnen der Stromverbrauch.