Raketenengpass ab 2029? Das Ende der Falcon 9 und die möglichen Folgen
Das amerikanische Raumfahrtunternehmen SpaceX kann optimistisch in die Zukunft blicken. Ende September schwenkte das Starship erstmals in eine Erdumlaufbahn ein und setzte dort 26 Starlink-Satelliten der neuesten Generation aus. Sie sollen das satellitenbasierte Internet des Unternehmens noch schneller und attraktiver für Kunden machen.
Was für SpaceX Anlass zur Freude ist, sorgt in der Raumfahrtbranche für lange Gesichter. Denn je erfolgreicher das Starship ist, desto weniger Grund gibt es für SpaceX, an der älteren und kleineren Falcon-9-Rakete festzuhalten. Schon jetzt nimmt das Unternehmen von Elon Musk keine Aufträge für Transportflüge mehr an, die über das Jahr 2028 hinausgehen. Und die Raketen von anderen Anbietern lassen auf sich warten. Ab 2029 zeichnet sich deshalb ein Raketenengpass ab, der die Satellitenindustrie, die Raumfahrtbehörden und das Militär hart treffen könnte.
Keine Rakete ist so zuverlässig wie die Falcon 9
Die Falcon-9-Rakete ist nicht irgendeine Rakete. Sie ist seit Jahren das Arbeitspferd für kommerzielle Transporte in den Weltraum. Vergangenes Jahr ist sie 165 Mal geflogen. Mehr als 70 Prozent der Starts dienten zwar dem Aufbau des firmeneigenen Starlink-Netzwerks. Doch auch die verbleibenden Flüge übertreffen die Möglichkeiten der europäischen und amerikanischen Konkurrenz. Und in eine Abhängigkeit von China möchte sich niemand begeben.
Zudem ist die Falcon 9 unschlagbar günstig. Für einen Start verlangt SpaceX 74 Millionen Dollar. Dafür transportiert die Rakete bis zu 22,8 Tonnen Fracht in die erdnahe Umlaufbahn. Das macht etwa 3200 Dollar pro Kilogramm. Das können sich sogar Universitäten oder kleinere Unternehmen leisten, wenn sie eine sogenannte Rideshare-Mission buchen, sich die Falcon 9 also mit anderen Kunden teilen.
Doch trotz dem Erfolg ist die Falcon 9 ein Auslaufmodell. SpaceX verdient mit den Raketenstarts zwar Geld, aber noch mehr Geld verdient das Unternehmen mit seinem Satelliteninternet Starlink und – das ist zumindest die erklärte Absicht – mit zukünftigen KI-Rechenzentren im Weltall. Um die in grosser Stückzahl dorthin zu bringen, braucht es eine grössere Rakete – eben das Starship.
Sobald das Starship mehrmals pro Woche zuverlässig fliege, sei es sinnvoll, die äusserst knappen Entwicklungs- und Produktionsressourcen von SpaceX auf das Starship zu verlagern und das Falcon-Programm schrittweise einzustellen, teilte Elon Musk kürzlich auf X mit.
Diese Ankündigung schickte Schockwellen durch die Raumfahrtbranche. Das zeigte sich zum Beispiel an der World-Space-Business-Week-Konferenz, die Mitte September in Paris stattfand. Laut einem Bericht im Fachmagazin «Space News» äusserten zahlreiche Teilnehmer des Branchentreffens ihre Sorge, bald einen günstigen Zugang zum Weltraum zu verlieren. «Es wäre äusserst unerwünscht, wenn der für uns wichtigste Anbieter von Transportdiensten vom Markt verschwinden würde», sagte etwa Peter Olsen von Space Norway, einem Unternehmen für Satellitenkommunikation, auf einem Panel.
Die Konkurrenten von SpaceX rechnen sich Chancen aus
Der sich abzeichnende Engpass ist allerdings auch eine Chance für Unternehmen, die bisher nicht mit den tiefen Preisen von SpaceX konkurrieren konnten. Seine Firma werde derzeit mit Anfragen überhäuft, sagte etwa Giulio Ranzo an einer Bilanzpressekonferenz im September. Ranzo ist CEO des italienischen Raumfahrtunternehmens Avio, das die europäische Rakete Vega C für kleine bis mittlere Nutzlasten herstellt.
SpaceX habe über mehrere Jahre hinweg Preisdruck ausgeübt, indem es Satelliten zu sehr günstigen Preisen ins All gebracht habe, so Ranzo. «Diese Party ist nun vorbei.»
Zu den Unternehmen, die vom Wegfall der Falcon 9 profitieren könnten, gehört Isar Aerospace. Das deutsche Startup feierte Anfang September den Erstflug seiner Spectrum-Rakete für Nutzlasten bis zu einer Tonne. Die Nachfrage nach der Rakete ist gross. Schon vor dem Erstflug hatte das Startup Verträge mit der ESA und mit verschiedenen Anbietern von kleinen Satelliten abgeschlossen. Um alle Aufträge erfüllen zu können, muss Isar Aerospace nun rasch seine Startfrequenz erhöhen.
Wie das geht, hat die amerikanisch-neuseeländische Firma Rocket Lab vorgemacht. Deren Electron-Rakete hat im vergangenen Jahr 21 erfolgreiche Flüge absolviert. Mit einer Nutzlast von bis zu 300 Kilogramm wird sie vor allem für den Transport von kleinen Radar- oder Erdbeobachtungssatelliten genutzt.
Neben Isar Aerospace drängen zahlreiche andere Firmen in den Markt für den Transport von Kleinsatelliten. Wer allerdings grosse Telekommunikationssatelliten oder Tausende von Internet-Satelliten im Weltall aussetzen möchte, ist auf leistungsfähigere Raketen angewiesen. In diesem Segment gibt es derzeit nur wenige Alternativen zur Falcon 9. Manche Satellitenbetreiber weichen auf die japanische H3- oder die indische LVM3-Rakete aus. Auch die europäische Ariane 6 ist stark nachgefragt.
Die Ariane 6 soll vor allem Nutzlasten von europäischen Institutionen ins All befördern. Aber auch das amerikanische Unternehmen Amazon hat 24 Flüge für den Ausbau seines Satellitennetzwerks Amazon Leo gebucht. Das bringt die Ariane 6 an die Grenze ihrer Kapazität. Für Satellitenbetreiber, die nach einem raschen Ersatz für die Falcon 9 suchen, ist die Ariane 6 deshalb keine Option.
Auch in den USA kauft Amazon zusammen, was zu haben ist. So hat das Unternehmen einen Vertrag über 38 Flüge mit der United Launch Alliance (ULA) abgeschlossen. Zudem hat Amazon eine Option auf bis zu 27 Starts mit der New Glenn von Blue Origin. Andere Satellitenbetreiber müssen sehen, was übrig bleibt. Viel ist das nicht, weil auch die US Space Force, das Pentagon und die Nasa auf die amerikanischen Raketen bauen.
Eine gewisse Entspannung könnten neue Raketen bringen. So baut Rocket Lab derzeit einen Nachfolger für die Electron-Rakete. Die Rakete mit einer Nutzlast von 13 Tonnen sollte ursprünglich schon 2024 fliegen. Vor 2027 ist aber kaum mit ihr zu rechnen. Solche Verzögerungen sind in der Raumfahrtbranche die Regel. Man kann sich also nicht darauf verlassen, dass neue Raketen bis 2029 in ausreichender Stückzahl zur Verfügung stehen, um den Wegfall der Falcon 9 zu kompensieren.
Was bleibt, ist die Hoffnung auf das Starship von SpaceX. Mit einer Nutzlast von 100 bis 150 Tonnen könnte die riesige Rakete locker die Lücke füllen, die die Falcon 9 hinterlässt. Allerdings braucht SpaceX das Starship für den Ausbau seines Starlink-Netzwerks und für den Bau von KI-Rechenzentren im Weltall. Wie viele Starts für kommerzielle Kunden übrig bleiben, lässt sich derzeit schwer abschätzen.
Offensichtlich werde es in den nächsten Jahren eine sehr grosse Nachfrage nach einem relativ kleinen Angebot geben, sagte Peter Olsen von Space Norway an der World Space Business Week in Paris. Die gute Nachricht ist: Dieser Engpass ist vorübergehend. Wenn einige der Firmen, die jetzt auf den Markt drängen, Erfolg haben, dürfte die Abhängigkeit von SpaceX ein Ende haben.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»