Rattengift verboten: Wie Schädlingsbekämpfung künftig läuft
Ratten in SH: Wie man sie auch ohne Gift loswird
Stand: 05.10.2026 05:00 Uhr
Nach dem Verkaufsstopp endet im Oktober auch die Nutzungserlaubnis von Rattengift. Betroffene brauchen nun Profis. Kommunen in SH helfen, indem sie mit festen Tonnen und Unterflursystemen Futterquellen versperren.
von Antonia Ross
Sie leben im Verborgenen, direkt unter den Gehwegplatten, in Hinterhöfen oder Parks: Ratten sind ein fester Bestandteil des urbanen Ökosystems. Doch beliebt sind die kleinen Nager nicht. Sie gelten als unhygienisch durch ihre Nähe zur Kanalisation und zum Müll. Wer einen Befall feststellt und etwas dagegen tun möchte, steht ab diesem Herbst vor einer ganz neuen Situation.
Rattengift für Privatpersonen verboten
Hintergrund ist eine Verschärfung des EU-Umwelt- und Artenschutzrechts. Wie der Naturschutzbund (NABU) betont, sollen so Qualen für die Tiere, Resistenzen und Vergiftungen von Fressfeinden wie Greifvögeln verhindert werden.
Seit dem 1. Januar können Privatleute im Baumarkt kein Rattengift mehr kaufen. Frei verkäufliche Köderpräparate wurden aus den Regalen genommen. Ab dem 23. Oktober dürfen auch bereits gekaufte Altbestände nicht mehr angewendet werden. Die schnelle Schädlingsbekämpfung auf eigene Faust ist damit rechtlich nicht mehr möglich.
Ratten und der Müll: Die ganze Doku in der ARD Mediathek
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Schädlingsbekämpfer ebenfalls eingeschränkt
Um die Rattenpopulation einzudämmen, muss fortan ein Profi gerufen werden. Doch auch Schädlingsbekämpfer dürfen Rattengift nicht mehr einfach vorsorglich auslegen. Laut Vorgabe der Umweltbehörden müssen sie vorab durch ein Monitoring nachweisen, dass tatsächlich ein Befall vorliegt.
Da nur noch Fachleute Gift nutzen dürfen, rechnet Schädlingsbekämpfer Dennis Zwandulla künftig mit deutlich mehr Anfragen. Was auf den ersten Blick wie ein gutes Geschäft für die Branche wirkt, stößt in der Praxis jedoch an Grenzen.
Wenn man überlegt, wie viele Hausbesitzer wir in Deutschland haben, das können wir natürlich gar nicht alles auffangen. Dennis Zwandulla, Schädlingsbekämpfer
Mülltonne nie offen stehen lassen
Doch wo kommen die Tiere plötzlich her? Wie Abfallbetriebe und Umweltverbände in Schleswig-Holstein betonen, ist das Futterangebot der zentrale Schlüssel: Wo Müll und Essensreste offen herumliegen, finden Ratten ideale Bedingungen. Eine zentrale Brücke aus dem Untergrund nach oben bauen die Menschen dabei oft selbst: Über die Toilette entsorgte Speisereste spülen die Nahrung direkt in die Kanalisation.
An der Oberfläche angekommen, geht das Festmahl weiter: Überfüllte Mülltonnen mit offenstehenden Deckeln, zerfetzte Gelbe Säcke oder wild abgelagerter Unrat auf Stellplätzen bieten Schlaraffenland-Bedingungen. Experten betonen: Solange dort frische Speisereste liegen, wirken selbst ausgelegte Giftköder nicht.
Bevor eine Ratte an einen Köder geht, holt sie sich lieber irgendwelche Pommesreste. Dennis Zwandulla, Schädlingsbekämpfer
Ekel-Alltag an der Mülltonne
An Müllplätzen mit akutem Befall wird die Entsorgung für Servicekräfte schwieriger. Thorsten Dittmann vom Dienstleister Innotec Abfallmanagement räumt im Auftrag von Eigentümern solche Müllplätze auf und sortiert Tonnen nach. Dabei kommt er den Tieren mitunter sehr nahe: "Wenn ich die Tonnen sortiere, dann springen die hier aus den Dingern und über die Arme." Auch Müllwerker erschrecken sich regelmäßig vor eingenisteten Tieren.
Wenn die Müllabfuhr die Reißleine zieht
Beim Abfallwirtschaftsbetrieb Kiel (ABK) gilt bei akutem Befall aus Arbeitsschutzgründen ein Abholstopp auf Grundstücken. Die Mitarbeiter holen die Behälter dann nicht mehr direkt ab.
Erst wenn der Eigentümer den Befall bekämpft hat oder die Tonnen selbst an die Straße stellt, wird wieder geleert. Wenn die Tonnen allerdings wegen des Befalls stehen bleiben, entsteht schnell ein Teufelskreis: Der Müllberg vor Ort wächst weiter an, was wiederum noch mehr Ratten anzieht und das Problem auf dem Grundstück schrittweise verschärft.
Rattengift nur in verschlossenen Boxen
Wird ein Schädlingsbekämpfer gerufen, bringt er das Rattengift nicht frei auf dem Erdboden aus. Wie der Schädlingsbekämpfer Dennis Zwandulla erklärt, kommen verschließbare Köderboxen zum Einsatz. So wird verhindert, dass Kinder an das Präparat gelangen oder Wild- und Haustiere den Köder fressen.
Die eingesetzten Rattengifte sind sogenannte Blutgerinnungshemmer und wirken zeitverzögert. Nach der Aufnahme ziehen sich die meisten Nager in ihre Bauten zurück und verenden dort innerhalb weniger Tage. Dass die Tiere nicht sofort sterben, ist entscheidend, erklärt Zwandulla: "Wenn jetzt die Ratte das Gift fressen würde und sie würde noch am gleichen Tag tot umfallen, dann könnten andere Tiere einen Zusammenhang herstellen." Die vorsichtigen Nager würden den Köder sonst sofort meiden.
Aushungern statt Chemie
Für Umweltschützer lösen chemische Mittel das Problem aber nicht nachhaltig. Der NABU fordert stattdessen, den Tieren konsequent die Lebensgrundlage zu entziehen. Wo Mülltonnen verschlossen bleiben und keine Speisereste herumliegen, finden die Nager keine Nahrung, vermehren sich nicht und ziehen von alleine weiter.
Wie Kommunen das Rattenproblem anpacken
Da Gift allein das Problem nicht löst, setzen auch einige Kommunen auf die Ursachenbekämpfung. Das wirksamste Rezept heißt: Aushungern. Immer mehr Kommunen steigen deshalb auf sogenannte Vollunterflursysteme um: tief im Boden versenkte Müllbehälter, die für Nagetiere völlig unzugänglich sind. In Rendsburg verzeichnete eine Wohnungsbaugesellschaft nach dem Einbau solcher Anlagen schlagartig gar keine Rattenprobleme mehr.