Rechenzentren - Frust und Hoffnung
Der KI-Boom führt zum Bau von zahlreichen Rechenzentren. Diese haben aber einen großen Ressourcenbedarf und werden oft über die Köpfe der Anwohner hinweg geplant. In Deutschland regt sich immer häufiger Widerstand gegen die energiehungrigen Serverfarmen. Eine Analyse von Thomas Eldersch Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Thomas Eldersch sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten. Deutschland ist Vizeweltmeister – nicht im Fußball, aber im Bau von Rechenzentren. Trotz zahlreicher Funklöcher und schleppendem Glasfaserausbau kann Deutschland anscheinend doch digital. Über 500 solcher Serverfarmen stehen bereits auf deutschem Boden und es sollen noch viel mehr werden. Gleichzeitig nimmt auch der Protest gegen die schmucklosen Bauten voller Kabel und Elektronik zu. Ein Konfliktpunkt stößt den Bürgern dabei besonders auf: Schon jetzt haben die deutschen Rechenzentren einen enormen Energiehunger. Die aktuelle Rechenleistung aller Zentren in Deutschland liegt bei rund drei Gigawatt. Das entspricht etwa der Strommenge, die drei größere Atomkraftwerke erzeugen oder drei Millionen Haushalte an Strom verbrauchen. Bis 2037 sollen Rechenzentren rund zehn Prozent des deutschen Stromverbrauchs ausmachen, prognostiziert die Bundesnetzagentur. Rechenzentren brauchen viel Energie: Das ist mit Erneuerbaren nicht zu machen Zahlen, die einen schwindlig werden lassen. Woher soll der ganze Strom dafür kommen? Rein mit erneuerbaren Energien wird das wohl vorerst nicht zu stemmen sein. Geht es nach einigen Betreibern, sollen eigens gebaute Gaskraftwerke den Strom dafür liefern. Das läuft nicht nur dem deutschen Klimaziel, bis 2045 klimaneutral zu werden, entgegen und bringt Umweltschützer auf die Barrikaden, sondern auch die Bevölkerung vor Ort auf. Ein Projekt, bei dem der Widerstand bereits zum Stopp eines Projektes geführt hat, befindet sich im Maintal, südlich von Frankfurt – dem Hotspot des deutschen Rechenzentrumbaus. Das Gaskraftwerk zum Betreiben des geplanten Rechenzentrums hätte im Jahr 633.000 Tonnen CO₂ ausgestoßen. Das entspricht in etwa der Menge CO₂, die 57.000 Deutsche im Jahr produzieren. Es ist nicht das einzige Projekt dieser Art, dass jüngst den Unwillen der Bevölkerung auf sich gezogen hat. Das Rhein-Main-Gebiet wird praktisch überflutet mit Rechenzentren: Die Betreiber suchen die Nähe zum größten Internetknoten der Welt, dem DE-CIX in Frankfurt. Der Protest beschränkt sich aber nicht nur auf Deutschland. Besonders in den USA, dem Spitzenreiter mit weit über 5.000 Rechenzentren und dem Sitz von KI-Giganten wie Google, OpenAI und Meta, hat sich eine wahre Protestbewegung etabliert. Selbst die bekannte Umweltaktivistin Erin Brockovich mischt inzwischen mit. Sie und ihre Helfer haben eine Karte erstellt, auf der Bürger sehen können, ob in ihrer Nähe ein Rechenzentrum geplant ist. In zahlreichen Bundesstaaten gehen Menschen regelmäßig gegen den enormen Ressourcenhunger der Rechenzentren auf die Straße. Bedenken bei den Ausmaßen, die die KI- und Rechenzentrumsentwicklung annimmt, hat auch Julian Bothe von AlgorithmWatch, einer NGO, die sich unter anderem für die sozialgerechte Entwicklung von Technologie einsetzt. "Wir sprechen inzwischen von Rechenzentren mit einem Stromverbrauch einer Großstadt. Elon Musk und Mark Zuckerberg wollen KI-Rechenzentren von der Größe von halb oder sogar ganz Manhattan bauen. Um solche Rechenzentren mit genügend Strom zu versorgen, werden reihenweise Gaskraftwerke gebaut. Das hat dazu geführt, dass es einen weltweiten Engpass bei Gasturbinen gibt", ordnet Bothe ein. KI und Rechenzentren als Zukunftsoption Eine natürliche Entwicklung, sagt hingegen der Geschäftsführer des KI-Bundesverbands, Daniel Abbou. "Für andere Industriezweige wie die chemische Industrie wird auch eine Menge Energie verwendet. Die Welt dreht sich weiter. Die zukünftige Wertschöpfung in diesem Land wird in großen Teilen datenbasiert sein und muss aus Rechenzentren kommen", prognostiziert der Branchenvertreter. Abbou sagt aber auch: "Für mich ist entscheidend, dass ein hoher Anteil am Stromverbrauch aus Erneuerbaren kommt." Ein anderer Branchenverband, der Digitalverband Bitkom, führte jüngst eine Umfrage bei mehr als 600 Unternehmen durch. Alle gaben an, dass sie Deutschland als Standort für die Server ihrer Cloud-Dienstleister vorziehen würden. Einen Standort in einem anderen EU-Mitgliedsland präferieren 68 Prozent der Unternehmen. Zwölf Prozent bevorzugen Rechenzentren in den USA, die aber für 51 Prozent nicht infrage kommen. Hoher Ressourcenverbrauch von Rechenzentren Nicht nur der Energiehunger bereitet den Menschen Sorgen. Auch der Wasserverbrauch ist enorm. Es wird vorwiegend zur Kühlung der Rechner genutzt und verdampft in großen Kühltürmen. Neun Milliarden Kubikmeter Wasser könnten so 2030 im Jahr in die Luft geblasen werden, heißt es in einem Bericht des UN-Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit. Das entspricht in etwa dem Süßwasser-Bedarf von 1,3 Milliarden Menschen südlich der Sahara in Afrika. Eine enorme Menge eines Guts, das durch den Klimawandel von Jahr zu Jahr wertvoller wird. Rechenzentrumsexperte Bothe sagt, man kann das Kühlungsproblem auf mehrere Weisen lösen. Zum einen könnte man die Rechenzentren in Gegenden bauen, die ohnehin ein kühleres Klima aufweisen. Oder "man investiert in einen geschlossenen Wasserkühlungskreislauf – ohne Verdunstung". Die Technologie existiere bereits, nur sei sie im Moment noch ein wenig teurer als die verschwenderische Alternative. KI-Verbandschef Abbou geht sogar noch weiter. Er denkt, dass Deutschland in puncto Nachhaltigkeit den Ton angeben könnte: "Die Deutschen waren schon immer gut in Effizienzgewinnung." Würden wir sinnvolle Konzepte für kreislauffähige Hardware, Einsatz von erneuerbarem Strom und sinnvolle Abwärmenutzung entwickeln und an andere Länder – wie die USA – verkaufen, "könnten wir hier zum Exportschlager werden". Wärme ist ein großes Problem bei Rechenzentren. Die Temperatur rund um solche Gebäude erhöhe sich im Schnitt um rund zwei Grad, sagt Bothe. Für ihn wäre es daher nur sinnvoll, wenn die Betreiber auf die örtlichen Stadtwerke zugehen und die Abwärme anbieten würden. Damit könnten Schwimmbäder, öffentliche Gebäude und auch Privathaushalte versorgt werden. Aber: "Bei der Größenordnung, in der derzeit Rechenzentren gebaut werden, ist es oft schwierig, die erzeugte Wärme loszuwerden." Für all diese technischen Probleme, die ein Rechenzentrum mitbringt, gäbe es bereits Lösungen oder Lösungsansätze. "Die kosten aber ein bisschen mehr", sagt Bothe. Für ihn wäre daher eine Option, kleinere, dezentrale Rechenzentren zu bauen – sie also über ganz Deutschland zu verteilen. Diese könnten nachhaltiger betrieben werden. Abbou bringt hier als Gegenargument die Latenz, also die Geschwindigkeit mit denen Rechner kommunizieren. Diese würde sich bei vielen kleinen Zentren erhöhen. Zudem würde es schwieriger, das nötige Personal an all die Orte zu bekommen. Deutschland will bei Rechenzentren vorne mitspielen Bei der Umsetzung will die Bundesregierung jedenfalls aufs Gaspedal treten. Die beiden Ministerien Wirtschaft und Digitales haben gemeinsam eine Rechenzentrumsstrategie veröffentlicht. Fazit des etwa 30-seitigen Positionspapiers: Bauen, bauen, bauen. Es beinhaltet aber auch Konzepte für eine nachhaltige Nutzung der Rechenzentren sowie dem sinnvollen Umgang mit Ressourcen. "Wir haben sicherlich noch eine gewaltige Wegstrecke vor uns aufzuholen, aber es ist verdammt viel in Bewegung gekommen in Deutschland", sagte Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) im ZDF "Morgenmagazin". Für entscheidender hält KI-Experte Bothe allerdings das Energieeffizienzgesetz des Wirtschaftsministeriums. Ähnlich wie bei der überarbeiteten Version des Heizgesetzes nimmt man bei diesem ebenfalls Abstand von der kompletten Fixierung auf erneuerbare und nachhaltige Energien. Rechenzentren dürfen auch weiterhin fossile Energieformen nutzen, heißt es dort. Auch müssen sie nicht mehr ihren individuellen Energieverbrauch öffentlich machen. "Man sieht hier klar die fossile Agenda des Bundeswirtschaftsministeriums unter Katherina Reiche", sagt Bothe. Auch die Behauptungen vieler Big-Tech- und KI-Unternehmen, ihren Strom komplett aus Erneuerbaren gewinnen zu wollen, hält Bothe für Greenwashing. "Die großen Rechenzentrumsbetreiber weigern sich, Daten zu Energie und Abwärme öffentlich zu machen, deshalb sind all diese grünen Behauptungen Makulatur." Bürger werden zudem häufig vor vollendete Tatsachen gestellt, wenn vor ihrer Haustür mit dem Bau eines Zentrums begonnen wird. In Stromnutzungs- oder Abwärmeplanung werden sie selten eingeweiht, geschweige denn eingebunden. Eben diese im Geheimen zwischen Betreibern und Kommunen ausgehandelten Projekte sind es, die Menschen gegen Rechenzentren und ihre Betreiber aufbringen. Denn viele der Gegner seien alles andere als Technologie-Verweigerer, sagt Bothe. Viele würden konstruktiv in die Debatten gehen. "Sie wollen durch ihren Protest lediglich bessere Lösungen für die Gesellschaft erreichen." Deutschland muss sich für einen Weg entscheiden Deutschland will und wird sich dem KI-Wettlauf und dem damit verbundenen Rechenzentrumsbau nicht verweigern können. Doch sowohl für Branchenvertreter Abbou als auch für Nachhaltigkeitsexperte Bothe ist klar, mit den Branchenriesen aus den USA wird man nicht mithalten können. Man müsse sich seine Nische schaffen. "Wir sind eher in anwendungsspezifischen Modellen stark. Spezialisierte KI für die Industrie beispielsweise", sagt Bothe. Hierfür bräuchte man auch weniger Rechenleistung. Empfehlungen der Redaktion "Erschreckend hoch": Minister alarmiert über neue Missbrauchszahlen Deutschland soll kollektiv an die Börse – kann das gutgehen? "Für den Kampf gegen Ungleichheit ist die AfD die falsche Partei" Für Abbou ist es wichtiger, dass die Politik aufhört, Gelder mit der Gießkanne zu verteilen. "Wir müssen uns auf die Top zehn oder Top 15 Projekte konzentrieren, die gefördert werden sollen, und dann müssen die öffentlichen Gelder darauf verteilt werden." Dabei würden manche Projekte hinten runterfallen, aber damit müsse man leben. "Dafür braucht es politische Führung. Das erwarte ich von der Politik."