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Rechtspopulist Farage wieder ins britische Parlament gewählt

Allgemein

Auf grosse Effekte versteht sich Farage. «Ich habe beschlossen, dass die Einwohner von Clacton über mein Handeln urteilen sollen», hatte er erklärt. «Dies wird eine Nachwahl sein, bei der das Volk gegen das Establishment antritt.» Nach seinem Sieg, mit dem er fest rechnete, hatte Farage eine von seiner Partei als «wichtig» angekündigte Rede halten wollen. Doch Reform UK sagte die Rede kurzfristig ab, ohne einen Grund dafür zu nennen. Die Nachwahlen fanden deshalb statt, weil Farage im Juli 2026 von seinem Parlamentssitz zurückgetreten war, um sich direkt der Wiederwahl durch seine Wähler zu stellen. Grund für seinen Rücktritt waren eine parlamentarische Untersuchung und Ermittlungen der Polizei wegen nicht ordnungsgemäss deklarierter finanzieller Zuwendungen. Dabei ging es unter anderem um ein Geldgeschenk von umgerechnet 5,4 Millionen Franken, das Farage nicht deklariert hatte. Abgeordnete müssen ihre Nebeneinkünfte und Spenden, die sie bis zu einem Jahr vor ihrer Wahl erhalten haben, offenlegen. Nigel Farage bestritt seine Schuld. Der Rücktritt von seinem Parlamentssitz und die Nachwahl waren ein politisches Manöver und auch eine Volte mit maximaler Öffentlichkeitswirksamkeit. Die etablierten Parteien boykottierten die Wahl Das Volk trat bei dieser Wahl keineswegs gegen das Establishment an, wie Farage angekündigt hatte. Stattdessen begann eine Farce. Die etablierten britischen Parteien wie Labour, die Konservativen, die Liberaldemokraten und die Grünen boykottierten die Wahl, die sie als eine «politische Show» betrachteten. Sie nominierten keine eigenen Kandidaten. Über einen Mangel an Mitbewerbern konnte Farage trotzdem nicht klagen. Mit insgesamt 34 Konkurrenten stellten die Nachwahlen in Clacton-on-Sea die höchste Anzahl an Kandidaten bei einer britischen Wahl überhaupt. Auch sorgte die hohe Zahl der Kandidaten für den längsten Stimmzettel in der britischen Wahlgeschichte. Im Jahr 2024 gab es in Clacton nur 9 Kandidaten. Damals wählten ihn 21 225 Menschen, und Farage gewann seinen Sitz in Clacton mit 46 Prozent der Stimmen. Dieses Mal befand sich unter Farages 33 Konkurrenten kein ernstzunehmender Gegner. Sein prominentester Widersacher war ein Mann, der sich «Count Binface», Graf Mülltonnengesicht, nannte und öffentlich mit der Attrappe einer Mülltonne über dem Kopf auftritt. Das ist exzentrisch, aber nicht aussergewöhnlich: In Grossbritannien haben Spasskandidaten bei Wahlen eine lange Tradition. Unter dem Kostüm des «intergalaktischen Weltraumkriegers» mit dem Mülltonnenhelm versteckte sich der britische Comedian Jonathan David Harvey. Der gebürtige Londoner schloss in Oxford ein Studium der klassischen Philologie ab und beteiligte sich als Drehbuchautor an den satirischen Fernsehprogrammen «The Thick of It» und «Have I Got News for You». Harvey nutzte die Figur des «Count Binface» schon in der Vergangenheit, um das britische Politiksystem zu parodieren. Bei den Wahlen nahm er den zweiten Platz nach Farage mit 9455 Stimmen ein. Eine Wahl in einem vergessenen Städtchen am Meer Die üppige Berichterstattung in den englischen – und internationalen – Medien verdankt sich vor allem dem Spektakel dieser Nachwahlen. Denn es ist nicht so, als sei diese Nachwahl, bei der 80 000 Wähler registriert sind, von eminenter nationaler Bedeutung. Nigel Farage taucht nur zu seltenen Fototerminen in seinem Wahlbezirk auf und kümmert sich nicht weiter darum. Für ihn ist Clacton-on-Sea ein Karrierevehikel. Farage und die meisten Mitglieder seiner Partei Reform UK waren bei der Bekanntgabe der Wahlergebnisse nicht vor Ort. Angeblich habe ihn die Polizei davor gewarnt. Die Polizei aber bestritt dies auf Nachfrage der BBC. Normalerweise erhält der siegreiche Kandidat Jubel und Applaus. Die offizielle Bekanntgabe des Wahlsiegs von Nigel Farage stiess in der Sporthalle von Clacton grösstenteils auf Schweigen. Clacton-on-Sea zählt zu den vergessenen Städten an Englands Küsten, die seit den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen steilen Niedergang erlebten: Mit der Ankunft des Billigtourismus blieben die Feriengäste von einst aus, die lieber in den sonnensicheren Süden flogen. Die Stadt ist nicht einmal repräsentativ für Grossbritannien, sondern ein ziemlich spezielles Biotop. «Clacton brauchte nicht noch mehr Aufmerksamkeit für Farage, Farage, Farage, während die tiefsitzenden und komplexen Probleme der Region von ihm und der Regierung weiterhin ignoriert werden», schrieb die ortsansässige Historikerin Sarah Elizabeth Cox in der Tageszeitung «The Guardian». Sie sagte, die Nachwahl sei für die vielen Menschen, die dort unter schwierigen Bedingungen zu kämpfen hätten, «ein schrecklicher Zirkus.» Gegen Farage werden die Ermittlungen indes wieder aufgenommen. Wenn der Beauftragte für parlamentarische Standards ein schweres Fehlverhalten feststellen sollte, könnte Farage ein offizieller Ausschluss aus dem Parlament bevorstehen, was eine erneute Nachwahl erzwingen würde.

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