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Reeperbahn Festival

Unterhaltung

Seit Ende der 1970er-Jahre steht es für Frauen im Iran unter Strafe, öffentlich zu singen. Das hielt die 1990 in Teheran geborene Musikerin Faravaz aber nicht davon ab, genau dies zu tun. Bereits mit zwölf Jahren begann sie mit dem Gitarrespielen. Später folgten Klavier, Harmonica und Ney-Anban, ein dudelsackähnliches Instrument, das im südlichen Iran Verwendung findet.

Ihre Musik präsentiert Faravaz Farvardin im Untergrund: digital auf der im Iran eigentlich gesperrten Videoplattform YouTube und analog auf Untergrundpartys. Als die BBC auf Faravaz aufmerksam wird und ihre Musik spielt, verändert das ihr Leben grundlegend. Denn Wind davon bekommt nun auch das iranische Regime. Es folgen Razzien gegen Musiker*innen. Faravaz wird festgenommen und es kommt zum Prozess. Glücklicherweise befindet sich die Musikerin während der Verurteilung gerade für ein Konzert in Berlin und beschließt, dort zu bleiben und Asyl in Deutschland zu beantragen.

Hier hat sie sich nun eine neue Existenz aufgebaut - als Musikerin, Pädagogin und Aktivistin. Ihr 2025 erschienenes Debütalbum "Azadi" (Freiheit) ist ein musikalisches Manifest: elf Tracks, die in Zusammenarbeit mit dem britischen Produzenten Charlie McClean entstanden und von Exil, Widerstand und dem Recht auf eine eigene Stimme erzählen. Songs wie "Mullah", "Enemy of God" oder "Dessert" fanden international Beachtung. Das Motto der Freiheit spiegelt sich hier auch klanglich wider. Genregrenzen spielen keine Rolle, und so ist Faravaz' Musik ein Mix aus Trap, persischem Folk und Pop, der sich auch auf ihrer neuen EP "Saffron" finden wird. Die erscheint am 17. September, einen Tag nach ihrem Auftritt auf dem Reeperbahn Festival. Dort kann man sie am Mittwoch um 21 Uhr im 25 Club live erleben.

Im Grunde genommen begann die musikalische Laufbahn von James Emmanuel in einer Kirche. Allerdings nicht in der St.-Pauli-Kirche, in der er am Donnerstag um 19 Uhr auftritt, sondern in einer Kirche in Nigeria. Dort meldete ihn sein Vater, ein Priester in der örtlichen Gemeinde, im Kirchenchor an und legte damit unwissentlich den Grundstein für eine Karriere, die Jahre später einige tausend Kilometer entfernt in Edinburgh Fahrt aufnahm.

Hierhin zog es James Emmanuel, nachdem sein Vater starb, als er gerade einmal 16 Jahre alt war. Um über die Runden zu kommen, arbeitete er zunächst als Reinigungskraft in einer Sportsbar, sang während seiner Schichten zur Freude seiner Kolleg:innen und Gäste. Es folgten regelmäßige Auftritte in einer Karaoke-Kneipe und kurze Zeit später ein fester Platz im Programm einer Jazzbar. Mit dem ersparten Geld nahm Emmanuel 2023 sein erstes Demo auf. Der Track "Lonesome Man" brachte ihm neben vielen begeisterten Hörer:innen auch den lang ersehnten Plattenvertrag ein. Und somit auch die Voraussetzung, um endlich sein Debüt veröffentlichen zu können. "Time To Heal" heißt es es ist im vergangenen Jahr erschienen und mit seinem kraftvollen Soul genauso heilsam, wie es der Titel verspricht. Selbiges gilt auch für seine Liveshows - egal, ob in kleinen Clubs oder bei großen Festivals, im Besonderen wohl aber in einer Kirche.

Neben einem vielfältigen Konzertprogramm bietet das Reeperbahn Festival mit der sogenannten "Conference" Fachbesucher*innen die Möglichkeit, sich bei Workshops, Paneldiskussionen und Gesprächsrunden weiterzubilden. Etwa 200 dieser Programmpunkte gibt es auch in diesem Jahr, denn zu besprechen gibt es in der Musikbranche viel - beispielsweise die Vergütung bei Streamingdiensten, generative KI oder Barrierefreiheit. Letzterem Thema nimmt sich das Panel "Nicht mitgedacht = nicht im Lineup. Warum Behinderung kein Karrierehindernis sein darf" an. Wenn auch nicht in allen Clubs umgesetzt, gibt es seit einigen Jahren immerhin die Erkenntnis, dass Venues für Besucher*innen barrierearm sein sollten. Ein noch größeres Problem aber bietet sich für Musiker*innen, die barrierefreie Bühnen benötigen, um überhaupt auftreten zu können.

Dazu tauschen sich Felix Brückner (Sänger), Johanna Krins (Musikerin und Autorin für Audiodeskription) und Katja Lucker von der Initiative "Mus" aus. Moderiert wird das Panel von DJ, Produzentin und Bookerin Paula Hilton.

Eher durchwachsen kommt der Wetterbericht für die kommenden Tage daher. Wer trotzdem noch ein wenig sommerliche Leichtigkeit tanken will, dem sei das Konzert von Chinese American Bear am Freitag um 20:35 Uhr im Mojo ans Herz gelegt.

Das Duo aus Seattle macht seit 2019 bilingualen Indie-Pop auf Englisch und Mandarin und ist auch abseits der Musik als Duo beziehungsweise Ehepaar unterwegs. Was als lockeres Quarantäne-Projekt begann, um Ehemann Bryce Barsten Mandarin beizubringen, entwickelte sich zu einer Band, die mittlerweile mehrere Alben und EPs herausgebracht hat und damit eine stetig wachsende Fangemeinde begeistert. Die findet sich nicht nur in den USA, sondern auch in China, dem Geburtsland von Sängerin und Keyboarderin Lingbo Anne Tong.

Die Texte des Duos handeln von Alltäglichem: Essen, Familie oder auch dem Leben als chinesisch-amerikanisches Paar. So ist beispielsweise auf dem 2026 erschienenen Album "Dim Sum & Then Some" der Track "Dim Sum (点心)" zu finden, der die chinesischen Snacks als Mittel gegen Kummer und Weltschmerz anpreist. "Dim sum makes it all right / Dim sum makes me all right / Dim sum makes you all right" heißt es darin. Und damit: Guten Appetit und frohes Tanzen!

Sucht man gerade nach spannenden Bands aus Hamburg, dann erscheinen Bleach TV recht schnell auf der Karte. Kein Wunder also, dass auch sie ihren Platz im Line-up des Reeperbahn Festivals finden.

Im Gepäck haben sie ihre selbstbetitelte Debüt-EP, die erst im März erschienen ist und deren fünf Songs sich irgendwo zwischen introspektivem Post-Punk und grungigem Indie verorten lassen. Erschienen ist das Ganze stilecht natürlich nicht etwa auf Vinyl, sondern auf Kassette und macht zum einen Lust auf alles, was da noch kommen mag, zum anderen aber auch auf den Live-Auftritt. Spannend wird hier, wie die Band ihre Musik auf die Bühne bringt und ob man in den ruhigeren Fahrwassern der veröffentlichten Tracks bleibt oder aber ein bisschen mehr Post-Punk rauskitzelt.

Auf Platte - oder eben auf Tape - klingen Bleach TV trotz erst einjährigem Bandbestehen auf jeden Fall schon nach einer gewachsenen Band, von der man noch mehr hören wird.

Neben jeder Menge vielversprechender Newcomer*innen finden sich auf dem Reeperbahn Festival auch immer wieder etablierte Acts. In diesem Jahr ist das unter anderem bei der englisch-isländischen Band Dream Wife der Fall. Ihren ersten Auftritt auf dem Festival hatten die drei Musiker*innen bereits vor neun Jahren - damals mit gerade mal einer Handvoll veröffentlichter Tracks und ein Jahr vor Release ihres selbstbetitelten Debütalbums.

Ursprünglich gründeten Rakel Mjöll (Gesang), Alice Go (Gitarre, Gesang) und Bella Podpadec (Bass, Gesang) Dream Wife 2014 als ein Performance-Art-Projekt an der Brighton University, die sie gemeinsam besuchten. In diesem Rahmen entstanden auch die ersten Songs; 2016 fiel dann die Entscheidung, eine Band zu sein. Egal, ob als Kunstprojekt 2014 oder heute als Band: Gleich geblieben sind die Themen, die in der Musik von Dream Wife behandelt werden - Feminismus, Queerness und patriarchale Strukturen.

Dass die Musik der Groß- oder Urgroßeltern für die junge Generation des Pop wieder wirkmächtig wird, konnte man schon auf diversen Newcomer- und Showcasefestivals der letzten Jahre erleben. Jetzt kommt eine Band aus Dublin und bringt ihr frisches Derivat von Irish-Folk aufs Hamburger Reeperbahnfestival: fabelhaft! Das Bordun-Dauersurren der Truhenorgel, akustische Gitarre, irische Flöten, Mandoline und der atemberaubend intensive und schroffe Stimmklang von Frontmann Paul Banks. Das erinnert an die guten alten Dubliners, The Pogues oder an den virtuosen US-Folks von Nickel Creek oder den Punch Brothers.

Dabei verwalten Madra Salach (gälisch für "dreckige Hunde") dieses musikalische Erbe nicht wie ein Heimatmuseum - die Dubliner eskalieren, schreiben fort, deuten um. Die Pubs von Dublin haben die sechs Iren längst erobert. Höchste Zeit für den Sprung auf den europäischen Kontinent!

Im Dunkel der aktuellen Konflikte vergessen wir gern den Glanz der Pop- und Tanzmusiktraditionen des arabischen Raums. Sie werde übertönt von "Musikverboten" der Islamisten und Extremisten. Die syrische Sängerin Leen Hamo floh im Bürgerkrieg 2014 aus dem Alptraum von Aleppo ins kanadische Toronto. Hier traf sie den libanesischen Jazz-Musiker John Abou Chacra. Gemeinsam entwickeln die beiden eine Vision von arabischer Musik, wie sie in einer freien Welt sein könnte: Funkrhythmen, Discoglanz, hochvirtuose Jazz-Phrasierung und diese atemberaubend schwerelose Intonation der "Maquam", der arabischen Vierteltonleitern, die Leen Hamo auf die Bühne bringt. "Kazdoura" bedeutet im Arabischen "spazieren gehen" - das tun diese beiden! Durch arabische Disco, Soul, Psychodelic, Trip Hop und die Utopie einer freien Welt.

Zur Gegenwart unserer Gesellschaften wäre ja einiges zu sagen. Im aktuellen Pop blieb es in den letzten Jahren allerdings erstaunlich still. Das scheint sich mit diesem Reeperbahnfestival-Jahrgang zu ändern: Es ist zurück, das politische Lied! Ein Beispiel ist die Band "Fruchtiger Beigeschmack". Die drei Münchener montieren poetische Agitationstexte auf blitzsauberen Jazz-Arrangements. Ein weiteres wunderes Beispiel für die positive Wirkung der deutschen Musikhochschul-Jazz-Absolventen für die Musik unserer Zeit. Wenn Milena Hehl in ihren Chansons dazu aufruft, den Löschzug zu holen, der vielleicht noch etwas retten könnte, wenn wir nicht alle auf dem Schlauch ständen, ist das große Textkunst. Wenn diese Lyrics dann auch noch so gutgelaunt und virtuos arrangiert sind, wird die Freude unendlich!

Der blitzsaubere Jazz-Pop, den Steely Dan, die Doobie Brothers oder Toto einst groß machten, ist schon seit einigen Jahren wieder da. Die Jonas Brothers, Charlie Puth oder die deutsche Band Zimmer90 sind fasziniert vom perfektionistisch Bombastischen dieser überdrehten späten 70er- und frühen 80er-Jahre - von diesem Genre, das man irgendwann "Yachtrock" nannte.

Auch die jungen Waliser von WRKHOUSE haben diese alten Kult-Alben wohl in den Plattenschränken ihrer Großeltern oder irgendwo im Netz gefunden. Ihre Version dieser Musik bliebe bei Zitat und Tümelei, wenn sie nicht durch diese Lust am Klangexperiment und durch die walisische Sprache erweitert würde. Wie schön das klingt, wenn diese Form des Keltischen durch große Gitarren- und Synthesizer Hallräume weht!

Das ist schon erstaunlich! Den großen international erfolgreichen Sommerhit von 2026 "Gut genug" von Kitschkrieg und Blumengarten entwarf der Rheinländer Haller schon 2018 mit seinem faltest-geraunten "Du bist schön genug!". Die großen Themen der Zeit, zum Beispiel wie man klarkommt auf der Social-Media-Bühne, die keine Ruhe im Backstage zulässt, oder wie man umgeht mit dem Informations-Dauerfeuer unserer Gegenwart, all sie verhandelt Martin Haller aus Aachen in seinen Songs. Das wirkt zwar therapeutisch, ist aber musikalisch und lyrisch virtuos und ausgefuchst. Er selbst verortet sich dabei zwischen Kummer, Bon Iver und Frank Ocean.

Als Amy Winehouse, D’Angelo oder The Roots in den frühen 00er-Jahren den Begriff "Neo-Soul" aufkommen ließen, waren diese Musiker gerade erst oder noch nicht geboren: Sūn Bird aus Oslo sind die norwegische Soul-Formation der Stunde. Ob "Neo" oder "Retro" scheint hier völlig zweitrangig. Stattdessen feiert man die Energie dieser Musik von frühem Motown bis zu Raphael Saadiq oder Sharon Jones.

Die perfekt ausgebildeten norwegischen Jazzmusiker entrücken mittlerweile weltweit ihr Publikum. Johan Hellands Kopfstimme wirkt hypnotisch, die pulsierende Band treibt dem Publikum ihre Beats in die Beine und holt auch mal die guten alten Philadelphia-Streicher der 70er-Jahre aus der Repertoirekiste. Große Soulkunst!

Vom 16. bis 19. September geben sich in Hamburg wieder Newcomer und bekannte Acts beim größten Clubfestival Europas das Mikro in die Hand.

Die geplanten Kürzungen beim Reeperbahn-Festival stoßen in der Hansestadt auf Kritik. Staatsminister Weimer will eine "faire Verteilung" der Finanzierung.

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