Reeperbahn Festival
Auftakt beim Reeperbahn Festival 2026: Endlich Musik ohne Algorithmen
Stand: 17.09.2026 10:46 Uhr
Bereits zum 21. Mal findet das Reeperbahn Festival in den großen und kleinen Clubs rund um Hamburg St. Pauli statt - und wie immer gibt es jede Menge Talente zu entdecken. Schon der Festivalauftakt am Mittwoch sorgt für ordentlich Gänsehaut.
von Johanna Schmidt
Schon nach Verlassen der U-Bahn sind die ersten Töne Musik zu hören. Hier allerdings noch nicht von einem der über 400 Newcomer:innen, die sich im Line-Up des Reeperbahn Festivals finden, sondern von einem Straßenmusiker, der Hozier covert.
Die ersten Festival-Acts sind dann beim Abholen des Einlass-Bändchens auf dem Festival Village zu sehen. Ihr Publikum aber eher überschaubar. Die Laune auf den Bühnen gut. Meine ebenfalls.
Welche Karriere könnte hier beginnen?
Vorherrschend ist Vorfreude. Begleitet von einer milden Panik, ich könnte beim heutigen Festivalbesuch irgendeinen wichtigen Act verpassen, von dem dann in ein paar Jahren alle sagen, dass dessen Karriere hier und heute begonnen hat. Dieses Gefühl gilt es aber schnellstmöglich abzuschütteln. Es geht nämlich nicht um den einen Act, sondern ums Entdecken vieler spannender Musiker:innen.
Bei solchen Veranstaltungen gehöre ich zum Team "durchgeplant", wobei ich ein bisschen Spielraum lasse, um meinen Zeitplan auch mal kurz über Bord werfen zu können. Bloß nicht zu dicht takten ist die Devise.
Nicht bloß durchskippen
Im Gespräch mit einer anderen Festivalbesucherin erfahre ich, dass auch sie eine Art Planungsritual hat. Vor dem Besuch höre sie sich alle der auftretenden Acts an. Und das, wie sie sagt, nicht nur fünf Sekunden, sondern konzentriert und ohne Ablenkung.
Konzentriertes Zuhören. Das begegnet mir auch bei den Konzerten. Bei Dov'è Liana im Mojo zum Beispiel. Dabei hätte die französische Band, die mit ihrem Italo-Disko-Sound für den Anchor Award nominiert ist, eigentlich genug Energie und Bässe um den ganzen Saal zum Tanzen zu bringen, aber das Publikum bleibt ruhig. Gut ist die Stimmung trotzdem. Vielleicht ist gerade einfach nicht die Zeit der großen Ekstase.
Gänsehautmomente in der Kirche
Es gibt aber auch ganz andere Anreize als eine Award-Nominierung, um ein Konzert zu besuchen. Vor der St. Pauli Kirche höre ich von einer Besucherin, sie sei gerade hier beim Konzert, weil es in den Zeitplan passe und sie die Location mag.
Ich mag sie ebenfalls. Kirchenkonzerte bereiten mir ganz vorhersehbar Gänsehaut und manchmal wird auch das ein oder andere Tränchen verdrückt. Als die englische Singer-Songwriterin Clara Mann anfängt zu singen, ganz ohne instrumentale Begleitung, da gibt’s von beidem ein bisschen.
Einfach treiben lassen
An der Bar im Betty warte ich auf einen Act, der in einer Kirche sicher auch spannend wäre. Das Beat aus Berlin macht Musik für Menschen, die gerne schwarz tragen und/oder sehr jung sind.
Ich trage gerne schwarz und komme an der Bar mit Vanessa und Jana ins Gespräch. Die beiden wissen noch gar nicht, wen sie in den kommenden Tagen live sehen wollen. Vanessa findet das aber auch nicht weiter schlimm, "weil's so viele Bands gibt, die so klein sind und die man irgendwie entdecken kann." Ich habe Das Beat für mich entdeckt und verbuche die Band als mein Konzerthighlight des Tages.
Musik selbstbestimmt erleben
Neue Musik lässt sich oft gut entdecken, wenn man auf die Tipps von Freund:innen hört. Das habe ich im Fall von Faravaz getan und wurde nicht enttäuscht. Auch ihre Performance im 25 Club war klug und witzig und politisch.
Es ist schön zu merken, wie gut es tut, Musik ab und zu (und am liebsten viel öfter) so zu erleben, wie und wann man sich das eben aussucht: Nicht im Supermarkt beschallt zu werden von Songs, bei denen es fast schon egal ist, ob sie echt sind oder mit KI gemacht. Und Musik nicht nur über vorgefertigte Playlists oder Streaming-Algorithmen präsentiert zu bekommen.
Dieses Thema im Programm:
NDR Kultur | Der Morgen | 17.09.2026 | 06:00 Uhr