Reeperbahn Festival 2026: Spielfreude am Donnerstag steckt an
Stand: 18.09.2026 10:32 Uhr
Ein Festival gegen die Übermacht von Musikmaschinen: Auf dem Hamburger Reeperbahn Festival 2026 zeigen wieder zahlreiche Acts, wieso Künstliche Intelligenz niemals die Menschen in der Musik ersetzen kann. Das waren die Highlights am Donnerstag.
von Mischa Kreiskott
Ein flimmerndes E-Piano, Mundharmonika, messerscharfe E-Gitarrensounds und ein Bass wie ein Felsblock: Früher hätte man die Musik der Franko-Kanadier rund um den Frontmann Sam Mallais wohl "Altherrenblues" genannt, hier lässt dieses uralte Genre schon am Nachmittag einen Kiez-Club aus allen Nähten platzen und vibrieren. Blues? Wer hätte das gedacht?
Dabei ist die Musik der vier zotteligen kanadischen "Acadians", also der Tanzmusiker im Stile der 1950er- und 60er-Jahre, gerade in ihrer Rückwärtsgewandtheit fortschrittlich: Sam Mallais ist gelernter Tontechniker und lebt hier, bis hin zu speziellen historischen Mikrophonen, in einer perfekten Retro-Klangwelt. Das wirkt vielleicht etwas versponnen, aber nicht museal, denn wann hat man schon einmal französischsprachigen Blues mit bretonischem Einschlag gehört? Es gibt doch immer wieder Farben, die so bisher noch nie gemischt worden sind.
WRKHOUSE verblüffen Publikum mit musikalischem Handwerk
Auch wenig später, als WRKHOUSE gratis vor dem HVV-Bus auf dem Spielbudenplatz auftreten, ist es die virtuose Kombination von Sounds, die die Münder der Passanten offen stehen lässt. Die vier Waliser sehen aus wie eine Schulband beim ersten Auftritt, klingen aber wie ausgebuffte Bühnenprofis.
Da hören wir den glitzernden Prachtrock von Toto, die Experimentierfreude der Talking Heads und die Frechheit einer britischen Garagenband. Dazu immer wieder diese Lyrics auf Walisisch, dieser Variation des Keltischen, die "uralt" klingt und der Musik von WRKHOUSE trotz der vielen Zitate und Einflüsse etwas Großes und Erhabenes verleiht.
Und auch hier fällt wieder auf, wie perfekt doch das musikalische Handwerk solcher Teenagerbands auf Newcomer-Festivals inzwischen ist. Auch das Lernen eines Instruments oder der Stimme ist zu einer vernetzten Tätigkeit geworden.
YouTube, TikTok und Instagram sind voll mit Tipps, Tutorials und Möglichkeiten der Abkürzung auf dem langen Weg zur Perfektion. Das hört und sieht man. Die Themen "Bass", "Gesang" oder "Schlagzeug" scheint diese Musikergeneration eher als theoretisches Phänomen zu betrachten, dass es rasch zu lösen gilt.
Atemberaubender Auftritt von Tarta Relena
Auch das Duo Tarta Relena, das später in der St.-Pauli-Kirche singt, scheint über technische Fragen völlig erhaben zu sein. Helena Ross und Marta Torrella lernten sich in den besten Kinder- und Jugendchören ihrer katalanischen Heimat kennen. Jetzt jonglieren sie mit gregorianischen Chorälen, Flamencogesang, den Chortraditionen des ganzen Mittelmeerraums und kombinieren all das mit ein paar wohlgesetzten elektronischen Klängen. Atemberaubend!
Und ja, auch sakraler Gesang gehört inzwischen zum Repertoire eines sogenannten Popfestivals. Viele Musikerinnen und Musiker der jungen Generation entwerfen ihre Position auf dem Fundament ihrer kulturellen Identität, die Jahrhunderte zurückreichen kann. Ihrer Musik verleiht das Tiefe und Glaubwürdigkeit.
Kanadische Band Kazdoura zeigen arabischen Funkjazz
Bei Kazdoura aus Kanada ist dieses traditionelle Fundament eine Utopie: Wie würde eine Musik des arabischen Raums klingen, wenn dieser nicht andauernd durch Konflikte erschüttert und religiösen Extremismus kulturell beschnitten würde? Leen Hamo und Johnny Abou Chacra flüchteten aus Syrien und dem Libanon nach Kanada. Mit Kazdoura (arabisch für "spazieren gehen") entfalten sie einen luftigen und verspielten arabischen Funkjazz. Wie zwei Wüstenfüchse streichen die beiden durch die Musiken von Orient und Okzident. Fabelhaft!
Sonic Interventions holt Tochter auf die Bühne
Auch Sonic Interventions aus Berlin sind so ein musikalischer Schmelztiegel. Das globale Jazz-Fusion-Kollektiv formte sich bei Sessions auf dem Tempelhofer Feld. Fetter Bläsersatz, luftige Flöte, der Twang der westafrikanischen E-Gitarre, hypnotischer mehrstimmiger Gesang und als seien das noch nicht genug Zutaten im Topf, dominiert ein Ausdrucks-Tänzer die Bühne.
Das verleiht der Schau von Sonic Interventions diesen performativen Happening-Charakter. Als dann noch die sechsjährige Tochter eines der Bandmitglieder mit diesen riesigen Kinder-Ohren-Schützern auf die Bühne tritt um mitzutanzen, gibt es kein Halten mehr.
All diese so unterschiedlichen Acts eint eine Spielfreude, die auch etwas Selbstbezügliches und Therapeutisches hat. Warum machen Menschen Musik, wenn die Automaten das doch schneller und billiger erledigen? Weil es ihnen und ihrem Publikum Freude und Lust bereitet. Die kann man weder algorhythmisieren noch digital kopieren. Wenn der neueste Pop von heute wirklich so etwas wie ein Blick in die Zukunft unserer Kultur ist - auf diesem Hamburger Reeperbahn Festival gibt es einige positive Nachrichten!