Reform: „Bodenloser Schachzug“ – Fußball
Audioplayer wird geladen Anzeige Jetzt eskaliert der Zoff um die Reform des deutschen Ligensystems in den Stadien. Nicht nur, dass die gesamte Regionalliga Nordost zum Saisonauftakt streikte – es gab zusätzlich ein Begleitschreiben bundesweiter Ultra-Szenen und die Fans des FC Bayern München sorgten mit einer XXL-Choreo für Aufsehen. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die Proteste in die Bundesliga und die 2. Liga schwappen. Hintergrund: Bisher gibt es fünf Regionalligen, aber nur vier Drittliga-Aufsteiger. Darum sollten die Viertliga-Staffeln im Rahmen einer Klub-Abstimmung zwischen zwei Modellen (Kompassmodell und Regionenmodell) auf vier reduziert werden. Die brisante Bedingung der Verbände: Statt einer deutschlandweiten Mehrheit wurde plötzlich gefordert, dass sich alle Regionen für dasselbe Modell entscheiden müssen, damit es zur Umsetzung kommt. Anzeige Im Westen (60,9 Prozent), Norden (61,5 Prozent) und Nordosten (76,3 Prozent) bekam das Kompassmodell die meisten Stimmen. Im Südwesten erreichte das Regionenmodell die Mehrheit (93,1 Prozent), in Bayern sprachen sich die Vereine (52,4 Prozent) mehrheitlich für die Ausarbeitung neuer Modelle aus. Trotz eines Gesamtergebnisses von 50,9 Prozent reichte es für die Kompasslösung nicht. „Der letzte Funke Vertrauen ist meilenweit ins Abseits gestellt“ Die Fanszenen favorisieren das Kompassmodell. Die dann vier Regionalligen werden anhand eines Algorithmus nach der kürzesten Fahrstrecke eingeteilt. Bei dem Regionenmodell würden die derzeit fünf Regionalligen auf vier reduziert werden. Die Staffeln Nord, Nordost und Bayern würden zwei Ligen ergeben, die Regionalligen West und Südwest würden erhalten bleiben. Anzeige Lesen Sie auch Mindestens 47 Ultra-Gruppierungen (u.a. FC Bayern, HSV, Union Berlin) formulieren es so: „Viel zu lange litten die Regionalligisten unter dem Opportunismus der Verbandsfunktionäre, ließen sich gegeneinander ausspielen und letztlich betrügen. Der Reformwille ist geheuchelt, der letzte Funke Vertrauen meilenweit ins Abseits gestellt. Der deutsche Fußball braucht strukturelle und personelle Veränderungen.“ Lesen Sie auch Dass die fertige Kompass-Kompromisslösung direkt vor der Klub-Abstimmung verändert und acht Startplätze weggestrichen wurden (72 statt 80 Plätze), bezeichnen sie als „Skandal“ und „bodenlosen Schachzug der Regionalfürsten“. Es heißt: „Die argumentative und auf einem fair ausgehandelten Kompassmodell fokussierte Geschlossenheit der Vereine wurde durch aufkommende Ängste geschwächt.“ Jetzt droht auch der Bundesliga die nächste Protestwelle. Wahrscheinlich ist, dass es schon im DFB-Pokal konzertierte Protest-Aktionen geben wird. Spielunterbrechungen sind denkbar, Banner und (ungefährliche) Wurfgeschosse sowieso. Weil sich unter anderem auch die Fans des FC Bayern klar für das Kompassmodell positionieren, sind weitere Aktionen im Laufe der Bundesligasaison geplant. Schon im Pokalfinale hatten die Bayern-Fans protestiert und die DFB-Bosse mit verkehrt herum aufgehängten Bildern lächerlich gemacht. Denn die Wut der Basis über die Untätigkeit der Bosse ist groß. So heißt es in dem Schreiben auch: „Liebe Fans, wir haben spätestens jetzt einen Punkt erreicht, an welchem Köpfe rollen müssen. Die Regionalverbände haben ihre Maske abgelegt und der korrupte DFB scheint dem Gebären seiner Vizepräsidenten nichts Ehrliches entgegenzusetzen.“ Im internen DFB-Machtkampf wollen die Regionalbosse, die gleichzeitig DFB-Vize-Chefs sind, ihre fünf Regionalligen erhalten und dafür die 3. Liga auf 22 Teams mit fünf Aufsteigern aufstocken. Die DFB-Spitze um Bernd Neuendorf und DFL-Chef Hans-Joachim Watzke will dies verhindern und stattdessen das viergleisige Kompassmodell, setzt sich bisher aber nicht durch. Ultra-Szenen kündigen bundesweite Proteste über Wochen an Bayern-Fans präsentierten beim Auftakt ihrer zweiten Mannschaft in der Regionalliga Bayern eine aufwendige Wende-Choreo. Zu sehen war Neuendorf dicht an dicht mit dem bayerischen Verbandsboss Dr. Christoph Kern, der das Kompassmodell mit einem Magneten umpolt. Darunter stand in wechselnder Schrift: „Sie haben uns lang genug genarrt – jetzt gibt’s Feuer der Gegenwart!“ Neu: Die Ultra-Szenen kündigen bundesweite Proteste über Wochen an, werben um das Verständnis aller Fußball-Fans in anderen Stadionbereichen. Verknüpft wird das Ganze mit einem Ultimatum. So tauchten in mehreren Kurven Spruchbänder gegen die Regionalverbandsbosse auf. „Das wird eure letzte Saison! Vereine und Fans wehren sich“, hieß es zum Beispiel in Erfurt, bei Fans von Lok Leipzig, Jena und Zwickau. Halle-Ultras legten nach: „Eure Uhr tickt!“ Lesen Sie auch Währenddessen kam es in den neun Stadien der Nordost-Staffel zu Streiks aller 18 Klubs. In den ersten zwei bis drei Minuten rollte kein Ball, die Stadionsprecher wiesen bei Einblendungen auf den Anzeigetafeln mit Ansprachen auf die Problematik hin. Oftmals gab es im Anschluss donnernden Applaus von allen Tribünen. Pikant: Ausgerechnet der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV) gerät explizit ins Visier. Weil seine Vereine am meisten unter der Aufstiegsregel litten, könnte er den Antrag zur Einführung des Kompassmodells beim DFB-Vorstand stellen. Er tut es aber bislang nicht. In den Reden der Stadionsprecher gab es den Verweis, dass der NOFV die nachträglichen Veränderungen mitgetragen habe. Zum Beispiel in Aue kam es deshalb zu lauten „Scheiß NOFV“-Sprechchören. Kreativ waren auch die Anhänger vom dreifach nicht aufgestiegenen Meister Lok Leipzig. Sie schmissen in Luckenwalde (3:1) kleine Siegerpokale aufs Feld – als Zeichen für Wegwerf-Trophäen, wenn der Sprung in die nächste Spielklasse verwehrt bleibt.