Reiches Rentenplan: "Lottospielen" mit Altersvorsorge? So riskant ist er
Milliarden für Start-ups Darf der Staat mit Rentengeldern die Wirtschaft fördern? Von Leon Bensch Aktualisiert am 04.08.2026 - 12:37 UhrLesedauer: 5 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Mit Rentenbeiträgen deutsche Start-ups finanzieren? Wirtschaftsministerin Katherina Reiche will die Altersvorsorge und den Wirtschaftsstandort zugleich stärken. Doch Experten warnen vor den Risiken. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will einen Teil der geplanten kapitalgedeckten Rentenversicherung künftig in deutsche Start-ups investieren. Die Idee dahinter: Höhere Renditen sollen die Altersvorsorge stärken und zugleich den chronischen Kapitalmangel junger Technologieunternehmen lindern. Als Vorbilder nennt sie unter anderem Schweden und die USA. Doch solche Venture-Capital-Investments gelten als besonders risikoreich. Kann der Staat Rentenbeiträge in Start-ups investieren, ohne die Altersvorsorge der Bürger aufs Spiel zu setzen? Schweden macht es vor – Deutschland bislang nicht Schwedische und US-amerikanische Pensionsfonds investieren seit Jahren in Aktien und Venture-Capital, also Risikokapital für junge Unternehmen. Anders als etablierte Konzerne schreiben viele Start-ups zunächst Verluste und benötigen über Jahre frisches Kapital. Im Video | Geld im Alter reicht nicht aus: "Wir gehen beide noch arbeiten" Player wird geladen Nach Angaben von Katherina Reiche erzielten schwedische Pensionsfonds damit in den vergangenen Jahren Renditen zwischen sieben und zehn Prozent. Die Erträge kommen den Rentnern zugute. Deutsche Pensionsfonds, die ausschließlich der betrieblichen Altersvorsorge dienen und nichts mit der gesetzlichen Rentenversicherung zu tun haben, schneiden laut Reiche deutlich schlechter ab. Ihre durchschnittliche Rendite liege derzeit bei minus 0,6 Prozent. Höhere Erträge aus Start-up-Beteiligungen sollen das ändern. Deutschlands Start-ups fehlt das große Geld Branchenvertreter beklagen seit Jahren, dass Deutschland und Europa zu wenig Wachstumskapital für junge Unternehmen bereitstellen. Das berichtete unter anderem das "Handelsblatt". Der Digitalverband Bitkom warnt, dass vielen Technologieunternehmen in der Wachstumsphase das Geld ausgeht oder sie ins Ausland abwandern. Deshalb richtet sich der Blick immer wieder auf große Altersvorsorgeeinrichtungen. Eine Studie von KfW Research zeigt jedoch, dass Versicherungen, Pensionskassen und Pensionsfonds den deutschen Venture-Capital-Markt weitgehend meiden. Obwohl institutionelle Anleger hierzulande mehr als 2,8 Billionen Euro verwalten, fließen lediglich rund 400 Millionen Euro in Start-ups. Als Gründe nennt die Studie die hohe Volatilität, also die Schwankungsanfälligkeit, fehlende Erfahrung sowie unsichere Renditeaussichten. Während Pensionsfonds in den USA zu den wichtigsten Geldgebern für Venture-Capital zählen und Billionen bewegen, spielen deutsche Pensionsfonds bei der Finanzierung heimischer Start-ups bislang statistisch kaum eine Rolle. Eine Idee, zwei Probleme zugleich zu lösen Mit ihrem Vorschlag verfolgt Reiche zwei Ziele zugleich. Zum einen soll eine kapitalgedeckte Rente höhere Erträge erwirtschaften und so das durch den demografischen Wandel belastete Rentensystem stabilisieren. Zum anderen geht es Reiche um die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Vor allem in der Wachstumsphase fehlt es jungen Unternehmen an nationalem Wagniskapital. Reiche befürchtet, dass deutsche Technologieunternehmen dadurch zunehmend auf ausländische Investoren – insbesondere aus den USA – angewiesen sind. Mit dem Kapital drohten langfristig auch Know-how, Wertschöpfung und künftige Steuereinnahmen ins Ausland abzuwandern. Ihre Idee klingt deshalb zunächst logisch: Statt allein auf staatliche Förderprogramme zu setzen, soll auch institutionelles Kapital – etwa aus der kapitalgedeckten Rentenversicherung – in das deutsche Start-up-Ökosystem fließen. So sollen Know-how, Talente, Wertschöpfung und Steuereinnahmen langfristig im Land bleiben. Venture-Capital: Hohe Renditechancen, hohes Verlustrisiko Dazu muss man allerdings wissen: Investitionen von Rentenbeiträgen in Wagniskapital bergen ein hohes Verlustrisiko. Je nach Studie scheitern zwischen 70 und 90 Prozent aller Venture-Capital-finanzierten Start-ups. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Start-up zum Unicorn wird – also zu einem privat gehaltenen Unternehmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde US-Dollar –, liegt je nach Quelle lediglich zwischen 0,07 und 0,1 Prozent. Genau auf diese wenigen Ausnahmen setzen Investoren. Sie hoffen auf sogenannte Homeruns, bei denen sich das eingesetzte Kapital um ein Vielfaches erhöht. Die Realität sieht jedoch meist anders aus: Selbst viele erfolgreiche Start-ups bleiben vergleichsweise klein oder werden für deutlich geringere Summen übernommen. Venture-Capital gilt deshalb als eine der risikoreichsten Anlageklassen. Investiert werden sollte grundsätzlich nur Geld, dessen Verlust die eigene finanzielle Situation nicht gefährdet. Warum soll ausgerechnet der Bürger mit seinen Rentenbeiträgen dieses Risiko tragen, wenn professionelle Investoren es bislang weitgehend meiden? Loading... Loading... Loading... "Mit der Altersvorsorge wird nicht gezockt" Reiches Strategie stößt parteiübergreifend auf deutliche Kritik. Heidi Reichinnek, Parteivorsitzende der Linken, wirft der Ministerin vor, mit den gesetzlichen Rentenbeiträgen der Bürger "Lotto" zu spielen. Die geplante Ausweitung der Kapitalrente auf den Wagniskapitalmarkt bezeichnet sie als staatlich verordnete "Zwangsspekulation". Rentenbeiträge dienten der sozialen Absicherung – nicht dazu, Lücken in der Wirtschaftsförderung zu schließen. Auch die Grünen äußern Zweifel. Die finanzpolitische Sprecherin Katharina Beck bezeichnete die Gesamtstrategie bei "Gründerszene" als "schwach" und "unambitioniert". Aus ihrer Sicht könnte eine solche Strategie das Vertrauen in eine kapitalgedeckte Altersvorsorge beschädigen. Auch Renten- und Sozialpolitiker der SPD betonen, dass das Geld der gesetzlich Versicherten unantastbar bleiben müsse. Die gesetzliche Rente sei ein Schutzversprechen – kein staatlicher Investmentfonds zur Finanzierung von Hochtechnologien. Reicht eine Zwei-Prozent-Grenze als Schutz? Reiche verweist auf Sicherheitsmechanismen wie die sogenannte Zwei-Prozent-Regel. Danach sollen lediglich rund zwei Prozent der kapitalgedeckten Rentenmittel in Wagniskapital fließen. Die übrigen 98 Prozent blieben in vergleichsweise sicheren Anlagen wie Aktien-ETFs und Staatsanleihen investiert. Mit der neuen kapitalgedeckten Rente und steigenden Beiträgen könnte dennoch auf einen Schlag ein gewaltiger Kapitalpool entstehen. Schon ein Anteil von nur ein oder zwei Prozent würde Milliardenbeträge mobilisieren – Summen, die private Investoren allein kaum aufbringen könnten. Nach Vorstellung der Ministerin könnte der Staat so strategisch wichtige Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz oder Verteidigungstechnologien stärken und die Wertschöpfung im eigenen Land halten. EU-Recht setzt dem Plan enge Grenzen Viele Wirtschaftswissenschaftler bleiben dennoch skeptisch. Venture-Capital widerspreche den Grundprinzipien der Altersvorsorge, weil die Anlage weder besonders sicher noch liquide sei. Das Kapital sei häufig über viele Jahre gebunden. Hinzu kommen rechtliche Fragen. Da Rentenbeiträge verpflichtend gezahlt werden, sehen Juristen eine besondere Schutzpflicht des Staates gegenüber den Versicherten. Zudem verweist die IORP-II-Richtlinie der EU auf das sogenannte Prudent-Person-Prinzip. Danach müssen Altersvorsorgeeinrichtungen ihre Anlagen so streuen, dass Sicherheit und Liquidität des Gesamtportfolios gewahrt bleiben. Eine staatlich vorgeschriebene Investitionsquote für hochriskante Start-ups könnte damit nur schwer vereinbar sein. "Wir sind kein Förderfonds" Um die strengen Vorgaben des EU-Rechts zu umgehen, könnte die Politik theoretisch einen staatlichen Sonderfonds innerhalb des Kenfo schaffen, der rechtlich in Start-ups investieren darf. Der Kenfo ist der erste staatliche Fonds in Deutschland, der wie ein echter Großinvestor an den weltweiten Finanzmärkten Geld anlegt. Das Grundproblem bliebe aus Sicht der Kritiker jedoch bestehen: Weil Bürger ihre Rentenbeiträge verpflichtend zahlen, trägt der Staat eine besondere Schutzverantwortung. Schreibt die Politik vor, dass ein Teil dieses Geldes in hochriskante Jungunternehmen fließt, würde sie verpflichtende Altersvorsorgebeiträge für wirtschaftspolitische Ziele einsetzen. Kritiker sehen darin eine politisch motivierte Wirtschaftsförderung. Die scheidende Kenfo-Chefin Anja Mikus brachte ihre Haltung in der Rentendebatte deshalb unmissverständlich auf den Punkt: "Wir sind kein Förderfonds."