Reinhold Messner: Was sein Everest-Rekord über Konsum lehrt | Tagesanbruch
Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,
heute vor 40 Jahren, am 16. Oktober 1986, stellte ein Mann einen spektakulären Rekord auf: Der Südtiroler Reinhold Messner stand auf dem Himalaya-Gipfel Lhotse, 8.516 Meter über dem Meer, und auf der ganzen Erde gab es keinen Achttausender mehr, den er nicht bezwungen hatte. Vierzehn Gipfel, alle ohne Flaschensauerstoff. Begonnen hatte Messner 1970 am Nanga Parbat, wo er seinen Bruder Günther verlor und später sieben Zehen. Andere Menschen hätten nach dieser Erfahrung aufgehört. Messner ging weiter, sechzehn Jahre lang, dorthin, wo die Luft zu dünn zum Denken ist. Er verzichtete auf die Krücke aus der Flasche, weil er wissen wollte, was der Mensch aus eigener Kraft zu leisten vermag. Die Antwort lautete: mehr, als die Lehrbücher erlaubten.
Man muss diesen Mann nicht uneingeschränkt mögen, um ihn zu bewundern. Messner war nie ein bequemer Held. Eher ein Vulkan auf zwei Beinen, voller Energie und Eigensinn, oft rechthaberisch, manchmal unerträglich. Um den Nanga Parbat führte er jahrzehntelang Fehden und Prozesse. Kompromisse waren ihm so fremd wie Halteseile. Doch genau dieser Starrsinn trug ihn hinauf. Ein Mensch, der sich von Zweifeln umstimmen lässt, bleibt im Basislager.
Millionen haben Messners Meisterleistungen verfolgt, in Büchern, Vorträgen und Filmen. Sie lernten von ihm, dass das Unmögliche oft nur das noch nicht Versuchte ist. Es braucht Entschlossenheit, Ausdauer, eine gehörige Portion Glück und, ja, auch viele Helfer. Daraus erwuchs ein Versprechen, das weit über den Extremsport hinausreicht: Wer will, kann Berge versetzen.
Doch der alpine Ehrgeiz hat eine Kehrseite, und sie ist am Mount Everest zu besichtigen. Dort stauen sich Bergsteiger in langen Schlangen unterhalb des Gipfels. An den Hängen bleiben Müll, leere Sauerstoffflaschen und manchmal Tote zurück. Bezahlte Sherpas schleppen gutbetuchte Kunden hinauf, die ohne Seil und Flasche keinen Tag überleben würden. Messner hat diesen Pistenalpinismus immer verachtet. Ganz unschuldig ist er trotzdem nicht daran. Wer den Gipfel zur Bühne macht, darf sich über Publikum nicht wundern. Seine Glanztaten verwandelten das Dach der Welt in eine Marke, und Marken wollen konsumiert werden. Der Pionier öffnete eine Tür, durch die nach ihm die Masse drängte.
Darin steckt ein Sinnbild, das dem Dilemma des Homo sapiens ähnelt. Was im Einzelnen Größe darstellt, wird in der Masse zur Lawine. Ein Mensch auf dem Everest ist ein Abenteuer, Hunderte sind ein Problem. Ein Pionier, der neues Land betritt, ist eine Legende. Acht Milliarden Menschen, die immer mehr Raum beanspruchen, sind eine biologische Bombe. Menschen und ihre Nutztiere machen heute den weit überwiegenden Teil der Biomasse aller Säugetiere aus. Wildtiere sind zur Fußnote degradiert worden. Der Mensch hat den Planeten erobert wie einen Berg und dabei vergessen, dass er auf dem Gipfel nicht bleiben kann.
Deshalb besteht die größte Leistung unserer Zeit nicht im nächsten Rekordziel, sondern in der Selbstbeschränkung. Wer heute wirklich Übermenschliches vollbringen will, sollte nicht mehr wollen, sondern weniger: weniger Fläche, weniger Verbrauch, weniger Konsum.
Ausgerechnet Messner hat dafür das Stichwort geliefert. 1968, als junger Kletterer, schrieb er den Aufsatz "Mord am Unmöglichen". Darin wandte er sich gegen Bohrhaken, mit denen sich jede Steilwand technisch bezwingen lässt. Das Unmögliche, so sein Gedanke, müsse unmöglich bleiben dürfen, sonst verliere der Berg seine Würde und der Mensch sein Maß. Übertragen auf den Planeten heißt das: Nicht alles, was wir können, dürfen wir auch tun. Nicht jeder Wald muss gerodet und nicht jedes Meer leergefischt werden. Der Mensch muss nicht jeden Ort erobern, nur weil er es kann.
Tagesanbruch – Der Newsletter für den Wissensvorsprung
Die Analyse zu den Themen, die Deutschland bewegen – kostenlos abonnieren.
Selbstbeschränkung bedeutet nicht Stillstand. Eher Ehrgeiz mit umgekehrtem Vorzeichen. Sie verlangt dieselbe Willenskraft, mit der Messner auf Sauerstoff verzichtete, nur gegen den eigenen Appetit gerichtet. Sie lässt sich auch nicht verordnen, sie muss gewollt werden. Und weil die reichsten Menschen auf dem Planeten die größten Umweltsünder sind, sollten sie sich als Erste an die eigene Nase fassen.
Bergsteiger kennen eine eherne Regel: Der Gipfel ist freiwillig, die Rückkehr ist Pflicht. Auch Messner musste oft umkehren, kurz vor dem Ziel, gegen seinen Stolz. Vielleicht besteht darin seine wahre Meisterschaft. Wer hinaufsteigt, braucht Mut. Wer umkehrt, braucht Größe. Vierzig Jahre nach dem Lhotse-Abenteuer ist es deshalb Zeit für eine neue Erstbesteigung. Der Gipfel des 21. Jahrhunderts liegt nicht über uns, sondern in uns. Er hat keine Höhenangabe, nur einen Namen: Genug.
Anzeige
Florian Harms: "Anstand"
Erfahren Sie mehr zu unseren Affiliate-Links
Wenn Sie über diese Links einkaufen, erhalten wir eine Provision, die unsere redaktionelle Arbeit unterstützt. Der Preis für Sie bleibt unverändert. Diese Affiliate-Links sind durch ein gekennzeichnet.
Der Mann von der Basis
In den Straßen reiht sich ein Schlagloch ans nächste, das Schwimmbad kann nicht saniert werden und auf den Termin beim Bürgeramt wartet man Monate: Solche Missstände an ihren Wohnorten kennen viele Bürger. Die Geldnot der bundesdeutschen Kommunen ist so dramatisch wie nie zuvor. Gleichzeitig wollen sich immer weniger Menschen engagieren – etwa im Gemeinderat oder als Bürgermeister. Viele Amtsträger berichten von Respektlosigkeit, Drohungen oder sogar Angriffen.
Wenn jedoch immer weniger Menschen kommunale Ämter übernehmen wollen, wer trägt dann die Basis der Demokratie? Im Podcast "Vorangedacht" spreche ich mit engagierten Menschen über die Frage, wie sich Missstände beheben, das Land und die Gesellschaft voranbringen lassen. Mein neuer Gast hat sich früh entschieden für ein Amt, vor dem viele zurückschrecken: Michael Salomo wurde im Alter von gerade einmal 25 Jahren zum jüngsten Bürgermeister Deutschlands gewählt. Heute ist er Oberbürgermeister der baden-württembergischen Stadt Heidenheim und Vorsitzender eines besonderen Netzwerks, das Deutschland mit neuen Ideen voranbringen will. Was er aus seinem Alltag berichtet, hat mich ebenso beeindruckt wie seine bemerkenswerte Erklärung, warum immer mehr Menschen dem Staat misstrauen und radikale Parteien wählen: Das Problem ist offenkundig zu einem Teil hausgemacht. In unserem Gespräch erklärt Salomo den Hintergrund und erläutert, wie es sich lösen lässt.
Ich sage es mal so: Wenn Sie heute nur Zeit für einen einzigen weiteren Medienbeitrag haben, sollte es dieser sein. Sie werden es nicht bereuen.
Loading...
Embed
Selenskyj sucht Solidarität
Wenn der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj heute zum EU-Gipfel nach Brüssel kommt, sind die Begleitumstände dramatisch. Denn offensichtlich hat sich der irrlichternde Donald Trump erneut auf die Seite Russlands geschlagen. Zunächst forderte der US-Präsident die kriegsgebeutelte Ukraine auf, ihre Gegenangriffe auf russische Ölraffinerien einzustellen. Dann verkündete er einen 300.000-Tonnen-Diesel-Deal mit seinem Kreml-Kumpel Wladimir Putin, um vor den US-Zwischenwahlen im November die Spritpreise zu senken. Und schließlich erhöhte er den Druck noch zusätzlich, indem er Kiew seit Tagen wichtige Geheimdienstinformationen über anfliegende ballistische Raketen aus Russland vorenthält. Zudem schränkte das Unternehmen SpaceX des Trump-Buddys Elon Musk die Nutzung seines Satellitennetzwerks Starlink für das ukrainische Militär offenbar zeitweise ein, was Einsätze an der Front erschwert.
Umso wichtiger ist für Selenskyj, der aus seiner Enttäuschung über Trump keinen Hehl mehr macht, nun die Solidarität der Europäer. Diese wiederum scheinen es aufgegeben zu haben, die transatlantische Spaltung zu kitten oder wenigstens zu überspielen. "Der Europäische Rat bedauert die Entscheidung der Vereinigten Staaten, die Sanktionen gegen russischen Diesel vorübergehend aufzuheben", heißt es nüchtern bis resigniert in einer Erklärung, die heute beschlossen werden soll.
Immerhin einen Trumpf hat die EU noch in der Hinterhand: die eingefrorenen mehr als 200 Milliarden Euro, die der russischen Zentralbank gehören. Versuchen der Amerikaner, an das Geld zu gelangen, tritt Kanzler Friedrich Merz entschieden entgegen: "Das ist unsere Angelegenheit, und darüber entscheiden wir." Gut so.
Frühstartrente im Bundestag
Eine staatlich geförderte private Altersvorsorge bereits im Kindesalter: Das ist die Idee hinter der Frühstartrente. Das Gesetzesvorhaben, auf das sich die Koalitionsfraktionen von Union und SPD verständigt haben, soll heute im Bundestag beschlossen werden. Konkret will der Staat für jedes Kind, das sechs Jahre alt wird, bis zum 18. Lebensjahr monatlich zehn Euro in ein Altersvorsorgedepot einzahlen. Nach Berechnungen des Finanzministeriums auf der Grundlage zurückliegender Renditen könnten dadurch bis zum Rentenbeginn mehr als 50.000 Euro zusammenkommen. Das Gesetz soll zum 1. Januar 2027 in Kraft treten.
Lesetipps
Der Comedian Kurt Krömer bezeichnet AfD-Wähler bei seinen Shows als unerwünscht. Richtig oder falsch? Meine Kollegen Janna Halbroth und Steven Sowa sagen es Ihnen.
Artikel lesen
Donald Trump lockert den Druck auf Putin und setzt die Ukraine massiv unter Druck. Der Machtpoker um Energie, Geheimdienste und Starlink hat brisante Folgen, zeigt mein Kollege Simon Cleven.
Artikel lesen
In Äthiopien marschieren Soldaten mit schwerem Kriegsgerät auf. In der Region Tigray droht ein neuer Krieg, vor dem Millionen Menschen flüchten könnten, schreibt mein Kollege Tobias Schibilla.
Artikel lesen
Die Tabaksteuer soll weiter steigen. Doch dem Staat geht es dabei nicht um die Gesundheit der Bürger, kommentiert mein Kollege Philipp Heinemann.
Artikel lesen
Ohrenschmaus
Der beste Freund von Reinhold Messner? Genau, der heißt Helge.
Zum Schluss
Ich wünsche Ihnen einen friedlichen Wochenausklang.
Herzliche Grüße und bis morgen
Ihr
Florian Harms
Chefredakteur t-online
Mit Material von dpa und Reuters, Recherche unterstützt von Google Gemini und Claude (Anthropic).
Erfahren Sie mehr zu unseren Affiliate-Links
Wenn Sie über diese Links einkaufen, erhalten wir eine Provision, die unsere redaktionelle Arbeit unterstützt. Der Preis für Sie bleibt unverändert. Diese Affiliate-Links sind durch ein gekennzeichnet.