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Rekonstruktion eines Absturzes: Kai Wegners dramatische 72 Stunden vor dem Rückzug

Nation

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zog am Ende die Reißleine. Nichts ging mehr, nicht für ihn, nicht für seine Partei. Der einzige Ausweg für beide war, dass Wegner am Freitagnachmittag verkündet, nicht mehr als Spitzenkandidat seiner Partei anzutreten und den Landesvorsitz abzugeben. Dabei ging es gar nicht mehr nur um die Kritik an seiner missglückten Krisenkommunikation zum Stromausfall Anfang Januar. Den berühmten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, lieferte Tage vorher ein Tagesspiegel-Bericht, der Wegner erneut unwahrer Aussagen zum großen Stromausfall am Morgen des 3. Januar überführt. Es vergehen dann 72 dramatische Stunden, in denen über Wegner eine Dynamik hereinbricht, die schließlich zu seinem Rückzug führt. Am Dienstag, den 7. Juli, berichtet der Tagesspiegel um 15 Uhr exklusiv darüber, dass Wegner in der Öffentlichkeit über seine Telefonate am Morgen des Stromausfalls am 3. Januar offenbar wissentlich gelogen hat. Um an die Informationen zur Krisenkommunikation des Regierenden Bürgermeisters zu gelangen, musste der Tagesspiegel vor das Verwaltungsgericht ziehen. Die Senatskanzlei hatte eine Auskunft zuvor verweigert. Nach gerichtlicher Anordnung teilt die Senatskanzlei mit, dass Wegner „vor 12:45 Uhr kein Telefonat geführt“ habe. Vielmehr habe der Austausch per Textnachricht stattgefunden. Dadurch wird klar: Wegner hat vorher die Unwahrheit gesagt. Denn am 7. Januar hatte Wegner in einem Interview mit „Welt TV“ zu seinem Agieren am ersten Tag des Blackouts wörtlich gesagt: „Ich habe in der Tat um 8 Uhr 8 begonnen, die Telefonate zu führen.“ Es ist nicht das erste Mal, dass Wegner die Unwahrheit über seine Krisenkommunikation sagt. So hatte Wegner zunächst erklärt, er habe sich den ganzen Tag „zu Hause eingeschlossen“, um per Telefon zu koordinieren. Vier Tage später kommt raus: Wegner war nicht den ganzen Tag zu Hause, sondern am Mittag eine Runde Tennis spielen. Sechs Monate nach dem Stromausfall der dritte Fall Das begründete er damit, dass er zuvor Gespräche geführt hatte und dann eine Stunde Tennis gespielt habe, weil er „einfach den Kopf frei kriegen wollte“. Er hatte suggeriert, zuvor mit den Krisenstäben, mit Stromnetz, auch mit der Bundesregierung, dem Bundeskanzleramt und dem Bundesinnenminister gesprochen zu haben. Auch dies war unzutreffend, wie der Tagesspiegel Mitte März nach einem verwaltungsgerichtlichen Eilverfahren berichtet hatte. Nun also – sechs Monate nach dem Stromausfall – wird öffentlich, dass Wegner auch in einem dritten Fall die Unwahrheit gesagt hat. Dass er nämlich bis 12.45 Uhr überhaupt nicht telefoniert hat. Für Wegner kommen die Tagesspiegel-Recherchen zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Für Dienstagabend hat der Regierende zu seinem alljährlichen Hoffest eingeladen. Tausende Gäste aus der Stadtgesellschaft, aus Landes- und aus Bundespolitik haben sich angekündigt. Vor und im Roten Rathaus gibt es am Abend dann vor allem ein Thema: Wegners weitere Lüge. Der CDU-Politiker lässt sich, sollte er schlechte Stimmung haben, diese nicht anmerken. Er geht von Stand zu Bühne zu Stand, führt Gespräch um Gespräch. Hinter den Kulissen wächst der Unmut: Zuerst hätten sich vor Ort beim Hoffest und in den Parteichats die üblichen Verdächtigen gemeldet, sagt ein wichtiger Parteifunktionär. Jene, die noch eine Rechnung mit Wegner offen hätten und bei jeder Gelegenheit gegen den Regierenden und CDU-Landeschef stänkern würden. Aber dabei bleibt es nicht. Plötzlich äußern auch andere Mitglieder kritischere Töne. Sie äußern Zweifel, wie man mit diesem Spitzenkandidaten die Wahl gewinnen wolle. Einer berichtet: „Wenn man tiefer in die Partei hereinhorcht und sie dort sagen, ‚Ich weiß nicht, wie die Geschichte im Wahlkampf mit Kai Wegner klingen soll‘, dann haben wir ein Problem.“ Der Regierende selbst wird auf dem Hoffest in einem Liveinterview mit dem rbb auf seine unwahren Aussagen angesprochen – und sorgt erneut für Verwirrung. „Das hatten wir ja schon im März bestätigt, dass ich zwei Telefonate am Vormittag geführt habe, den Rest über Textnachrichten“, sagt Wegner da. Später muss ein Senatssprecher bei dem Sender erneut klarstellen, dass Wegner am 3. Januar ein erstes Telefonat um 12.45 Uhr mit Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) geführt hat. Wachsender Unmut – und erste Rücktrittsforderungen Der Mittwoch wird zum Kater-Tag – aber nicht wegen des auf dem Hoffest konsumierten Alkohols. Es mehren sich die Stimmen, die an Wegner deutliche Kritik üben. „Man schüttelt nur noch den Kopf, man schämt sich nur noch“, heißt es aus den Reihen des CDU-Bundesvorstands. Bürgerlich-konservative Medien wie die „Neue Zürcher Zeitung“ fordern Kai Wegner in Kommentaren zum Rücktritt auf. Die Entrüstung über den Berliner CDU-Chef erreicht das eigene Wählermilieu. Und auch die eigene Partei. Auf der Plattform X fordern Berliner CDU-Mitglieder von der Basis wie der bekannte Investor Christian Miele oder Thorsten Alsleben, Geschäftsführer der wirtschaftsnahen Lobbyorganisation „Neue Soziale Marktwirtschaft“, von Wegner, auf die Spitzenkandidatur zu verzichten. Später mündet dies in einen offenen Brief von Basismitgliedern an Wegner, der am Donnerstag die Runde macht – einen Monat nachdem Wegner auf einem Landesparteitag zum Spitzenkandidaten gekürt wurde. Die Initiatoren wollen mit ihrem Schreiben den Druck auf ihren Landesparteichef erhöhen. Dutzende unterzeichnen den Brief nach Aussage der Initiatoren anschließend. „Es geht nicht mehr um Sie, Herr Wegner. Es geht um das Amt, die Partei und diese Stadt“, heißt es in dem Schreiben. Am Mittwochabend bekommen die Kreisparteichefs der Berliner CDU eine kurzfristige Einladung zum Krisengespräch mit Wegner, der Termin ist für Freitagabend angesetzt. Die Berliner CDU steht vor einer schwierigen Entscheidung: Mit einem angeschlagenen und selbst aus den eigenen Reihen demontierten Spitzenkandidaten in die Wahl zu gehen oder nur zwei Monate vor der Wahl den Kandidaten auszutauschen und den Wahlkampf umzuwerfen. Nicht wenige in der Partei sehen im letzteren Schritt ein „Himmelfahrtskommando“ oder „Harakiri“. Es wäre ein Akt der Verzweiflung und ein Eingeständnis der eigenen Fehleinschätzung. Die Frage ist: Reicht das noch als Grund aus, diesen Schritt nicht zu wagen? Wegner selbst lässt am frühen Donnerstagnachmittag ein seit einem halben Jahr angefragtes und seit vielen Wochen verabredetes Interview mit dem Tagesspiegel eine Stunde und 15 Minuten vor dem Termin absagen. In der Funktionärsebene setzt ein Umdenken ein. Kai Wegner hatte bereits bis dahin kein gutes Jahr: sein Tennisspiel während des Stromausfalls, der Skandal um seine unwahre Kommunikation über den Tag. Später der Fördermittelskandal, in dessen Folge Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson (parteilos, für die CDU) zurücktreten musste. Dann noch Wegners missratene Berufung des offensichtlich ungeeigneten Matthias Hundt für den Posten des Chief Digital Officers, der nach nur 69 Tagen von Wegner wieder entlassen wurde. All das war in der Partei übel aufgestoßen, wurde immer häufiger mit Kopfschütteln quittiert. Wegner sei schon eine Weile ein Kandidat „auf Bewährung“ gewesen, sagt einer der Kreischefs. Trotzdem gab es die Hoffnung, dass sich die Situation noch einmal ändern könnte. Spätestens nach den Sommerferien hätte man dann frisch in den Wahlkampfendspurt starten können. Doch es setzt sich langsam die Erkenntnis durch: „Das kriegste nicht mehr gebogen, das Ding.“ Zu dieser Einsicht kommen nach Tagesspiegel-Informationen nicht zuletzt die mächtigen Kreisverbände Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf. Am Donnerstag verständigen sich deren Vorsitzende Lukas Krieger und Stephan Standfuß dem Vernehmen nach darauf, dass es mit Wegner an der Spitze nicht weitergehen kann. Evers gilt sofort als Favorit Unterstützung bekommen sie schnell von den kleineren Verbänden im Osten. Ein konzertiertes Treffen war es wohl nicht, stattdessen „viele Einzelgespräche“. Ihr Favorit für Wegners Nachfolge: Finanzsenator Stefan Evers. Am Donnerstag laufen auch schon Gespräche mit Evers. Seine Haltung wird als zögerlich beschrieben. Ohne Risiko ist die Kandidatur schließlich nicht. Letztlich habe er jedoch gesagt, bereit zu sein, auch zum Wohle der Partei. Wegner kann die Kreischefs nicht umstimmen Wegner versucht noch, die Parteifunktionäre auf seine Seite zu bringen. An der medialen Berichterstattung sei nichts neu, und sie werde schnell wieder verpuffen, lautet seine Erzählung. Sein Kreisverband Spandau hält noch zu ihm. Doch umstimmen kann er die anderen Kreischefs damit nicht mehr. Diese Nachricht wird Wegner am Donnerstag nicht mit einem Ultimatum überbracht, sie wird ihm eher sanft zu verstehen gegeben. Aber klar ist: Es geht auch nicht ohne Wegner. Er muss den Weg mittragen, sonst wird es schwierig, sagt ein Kreischef. Ab Donnerstagnachmittag sagt Wegner reihenweise weitere Termine ab. Bei seiner im Bundesrat angekündigten Rede am Freitagvormittag lässt sich Wegner von dem Mann vertreten, der ihm bislang loyal zur Seite stand und ihn nun ersetzen soll: Stefan Evers. Am frühen Freitagnachmittag zeigt sich Wegner kurz vor dem Roten Rathaus zum Hissen der Regenbogenflagge. Dann geht es schnell: Für 15 Uhr lädt Wegner zum Pressestatement ein. Was da noch nicht bekannt ist: Der Regierende kommt damit einer weiteren Enthüllung zuvor. In einem am Freitagmittag überraschend vom Kanzleramt an den Tagesspiegel übermittelten Schreiben heißt es, „dass, soweit feststellbar, der Bundeskanzler während der Dauer des fragegegenständlichen Stromausfalls in Berlin im Januar 2026 kein persönliches Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin Wegner geführt hat, weder in Anwesenheit persönlich noch telefonisch“. Der Tagesspiegel hatte Ende Juni einen Eilantrag eingereicht, nachdem das Kanzleramt Informationen zu angeblichen Merz-Telefonaten mit Wegner über Wochen verweigerte. Wegner hatte im Januar den Eindruck erweckt, während der Krise mehrfach mit Merz telefoniert zu haben. Als Wegner kurz nach 15 Uhr, 72 Stunden nach der Tagesspiegel-Recherche vom Dienstag, vor die Presse tritt, blickt er zunächst auf seine Regierungszeit zurück, lobt seine Erfolge und sagt dann: „Ich kriege es nicht mehr hin, Botschaften zu senden, weil eine andere Debatte alles überlagert.“

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