Rekord-El Niño im Aufbau: In Deutschland beginnt das große Winter-Rätseln
Historischer El Niño erwartet
In Deutschland beginnt das große Winter-Rätsel
Von Ellen Ivits
Aktualisiert am 31.08.2026 - 10:29 UhrLesedauer: 4 Min.
Im Pazifik baut sich ein historischer El Niño auf – ein Phänomen, das in vielen Teilen der Welt das Wetter beeinflussen kann. Und schon verbreiten sich Spekulationen um einen Jahrhundertwinter in Deutschland. Aber was ist dran?
Im tropischen Pazifik zeichnet sich derzeit ein Ereignis ab, das sich zu den stärksten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen entwickeln könnte: der El Niño. Vor der Küste Südamerikas wurden teilweise Abweichungen von mehr als 3 Grad gegenüber der Referenzperiode 1991 bis 2020 gemessen.
Gleichzeitig zeigen die Prognosen, dass sich der El Niño im weiteren Verlauf noch verstärken dürfte. Seinen Höhepunkt könnte er demnach im Spätherbst oder Frühwinter erreichen. Nach Angaben der US-Klimabehörde (NOAA) wird es mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent zu einem "sehr starken" Ereignis kommen. Das ist die höchste von vier Kategorien. Es könnte der stärkste El Niño der Geschichte werden.
Der Meteorologe Özden Terli erklärt auf Anfrage von t-online: "Inzwischen sind die Temperaturen enorm hoch. Die Oberflächentemperatur im Pazifik ist bereits sehr weit fortgeschritten. Wahrscheinlich steuern wir auf einen historischen El Niño zu."
Der El-Niño-Effekt kommt zu Extremwetter hinzu
"Entscheidend ist dabei, dass dieser El Niño auf eine ohnehin bereits stark erwärmte Welt trifft", betont der Experte des ZDF. "Die Weltmeere sind schon deutlich wärmer als normal. Zu dieser Ausgangslage kommt nun der El-Niño-Effekt hinzu. Extremwetterereignisse entstehen häufig dadurch, dass sich verschiedene Faktoren überlagern. Die aktuelle Entwicklung ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich solche Effekte in einer global erwärmten Welt gegenseitig verstärken können", warnt er.
Bei den besonders starken El-Niño-Ereignissen 1997/98 und 2015/16 lag der sogenannte Relative Oceanic Niño Index bei etwa plus 2,4 Grad. Die aktuellen Prognosen besagen, dass dieser Wert im kommenden Winter höchstwahrscheinlich überschritten wird. Damit rückt auch für Deutschland eine Frage in den Mittelpunkt: Kann ein derart starker El Niño den Winter hierzulande beeinflussen?
El Niño und das Wetter
Der El Niño kann das Wettergeschehen in vielen Teilen der Welt bestimmen. Das Phänomen ist die warme Phase der natürlichen Klimaschwankung ENSO, der "El Niño Southern Oscillation". Dabei erwärmt sich das Oberflächenwasser im zentralen und östlichen tropischen Pazifik ungewöhnlich stark. Das Naturereignis tritt ungefähr alle drei bis vier Jahre auf.
Die Folgen zeigen sich zunächst rund um den Pazifik. In Teilen Südamerikas kann es auch in normalerweise trockenen Regionen stark regnen, während in Teilen Südostasiens schwere Dürren auftreten können.
So wirkt sich der El Niño auf das Wetter in Deutschland aus
Anders als in zahlreichen Regionen Amerikas, Australiens, Asiens und Afrikas sind die Auswirkungen des Phänomens auf Europa vergleichsweise schwach. Sie entstehen vor allem indirekt, weil der El Niño die großräumige Zirkulation der Atmosphäre beeinflussen kann.
"Auf Deutschland wirkt sich El Niño eher über sogenannte Telekonnektionen aus, also beispielsweise über großräumige Strömungsmuster und möglicherweise den Jetstream", erläutert Terli.
Eine Rolle spielt auch der stratosphärische Polarwirbel. Er befindet sich in großer Höhe über der Arktis. Studien zeigen, dass ein starker El Niño im Verlauf des Winters die Wahrscheinlichkeit für Veränderungen dieses Polarwirbels erhöhen kann. Bei vergangenen El-Niño-Ereignissen trat zudem häufiger eine negative Phase der Nordatlantischen Oszillation (NAO) auf. Eine solche Wetterlage kann wiederum Kaltlufteinbrüche nach Europa begünstigen.
Polarwirbel bestimmt über den Winter in Deutschland
Doch zwischen dieser erhöhten Wahrscheinlichkeit und einem kalten deutschen Winter liegt ein entscheidender Unterschied. Ob der Polarwirbel tatsächlich stark gestört wird und kalte Luft weit nach Süden gelangt, hängt von einer Vielzahl an weiteren Faktoren ab.
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) warnt deshalb vor einer vorschnellen Schlussfolgerung: "Damit lässt sich aus einem starken El Niño allein kein kalter Winter in Europa ableiten!", schreiben die Meteorologen.
Auch der Wetterexperte Terli stellt klar: "Einen konkreten Wettervorgang in Deutschland unmittelbar auf El Niño zurückzuführen, ist schwierig und eigentlich nicht möglich."
Polarwirbel und Amoc schwächeln: "Es droht ein langer, arktischer Winter"
Jahrhundertwinter in Deutschland?
Was bedeutet das für den Winter 2026/27? Möglich sind unterschiedliche Entwicklungen, die vor allem davon abhängen, wie sich die großräumigen Strömungsmuster über dem Atlantik und Europa entwickeln.
Winter-Szenario 1: Nass und stürmisch
Setzt sich eine ausgeprägte Westwindzirkulation durch, könnten wiederholt Tiefdruckgebiete vom Atlantik nach Deutschland ziehen. Häufiger Regen und starker Wind wären die Folge, auch schwere Stürme wären möglich. Schnee könnte vor allem in höheren Mittelgebirgslagen fallen, während er sich im Flachland kaum länger halten dürfte. Ein solcher Verlauf würde zu der Tendenz passen, die bei vergangenen El-Niño-Ereignissen insbesondere im Frühwinter in Teilen Mittel- und Westeuropas beobachtet wurde.
Winter-Szenario 2: Mild und wechselhaft
Denkbar ist auch ein Winter, in dem längere milde Abschnitte immer wieder von kurzen Kältephasen unterbrochen werden. In tieferen Lagen könnte dann zeitweise Schnee fallen, der bei steigenden Temperaturen wieder taut. Dauerfrost bliebe die Ausnahme. Ein solcher Verlauf wäre möglich, wenn der Polarwirbel nicht nachhaltig gestört wird und sich zugleich keine stabile Hochdruckblockade über dem Nordatlantik entwickelt. Einzelne kalte Tage oder Schneefälle würden dabei noch keinen insgesamt kalten Winter bedeuten.
Loading...
Loading...
Loading...
Winter-Szenario 3: Kalt und schneereich
Anders könnte es aussehen, wenn der Polarwirbel im Verlauf des Winters deutlich gestört wird. Dann könnte arktische Kaltluft weiter nach Süden bis nach Europa vorstoßen. Trifft sie dort auf feuchte Atlantikluft oder auf ein Mittelmeertief, wären auch kräftige Schneefälle bis in tiefere Lagen möglich. Ein solcher Kaltluftvorstoß wäre insbesondere im Januar oder Februar 2027 denkbar und könnte selbst nach einem milden Winterbeginn noch eine ausgeprägte Kältephase auslösen.
Was die Wettermodelle für den Winter zeigen können
Doch gerade beim dritten Szenario gilt die entscheidende Einschränkung: El Niño kann unter bestimmten Bedingungen die Wahrscheinlichkeit solcher Wetterlagen erhöhen. Daraus folgt weder, dass der Polarwirbel tatsächlich stark gestört wird, noch, dass Deutschland anschließend wochenlang unter Schnee und Dauerfrost liegt.
Saisonmodelle können Monate im Voraus Tendenzen erfassen. Ob an Weihnachten Schnee liegt, wann ein Sturmtief Deutschland trifft oder ob im Januar eine Kältewelle einsetzt, können sie so weit im Voraus nicht bestimmen.