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Rekord-Niedrigwasser in der Donau: An der dürren, blauen Donau

Welt

E twas ist anders in diesem Sommer an der Mündung der Naab in die Donau. Das Ruder nach rechts gestellt, und mit leichten Schlägen bewegt sich das Kajak vorbei an der barocken Wallfahrtskirche von Mariaort in die Donau hinein. Gegen die Strömung, flussaufwärts. Vor einem Jahr noch kamen wir, geübte Paddler, kaum vom Fleck gegen die starke Strömung. Jetzt aber gleitet das Boot ohne größere Kraftanstrengung unter einer Eisenbahnbrücke hindurch und hält auf den Sportboothafen von Sinzing zu. Kein Frachtschiff begegnet uns, nur ein Motorboot sorgt für Wellenschlag. Schon kommt die nächste Brücke in Sicht. Nicht unsere Muskeln haben sich in einem Jahr wundersam verstärkt. Es ist der Fluss, der das Fahren erleichtert. Die Geschwindigkeit des Wassers hat sich enorm verringert, schlicht, weil es an diesem fehlt. Für das nahe Städtchen Kelheim meldet der Niedrigwasser-Informationsdienst Bayern Ende letzter Woche einen Abfluss von 79,2 Kubikmetern in der Sekunde und schreibt dazu: „neuer Niedrigstwert“. Die Flusskarten des Dienstes sind voller gelber und roter Warnpunkte, nicht nur an der Donau. „Sehr niedrig“, heißt es dazu fast überall. Dazu ist die Temperatur der Donau mit mehr als 25 Grad Celsius viel zu hoch, sagt Jörg Brandner vom Wasserwirtschaftsamt Regensburg. Das sorgt für Stress unter den Wasserbewohnern. Um den für Fische lebensnotwendigen Sauerstoffgehalt zu stabilisieren, hat Brandner dafür gesorgt, dass Baggern im Fluss derzeit verboten ist. Aber natürlich kann er nichts dagegen tun, dass die Laich- und Aufwuchsgebiete von Fischen und anderen Wasserbewohnern austrocknen und Altwasser zu Rinnsalen verkommen. Schiffsverbindungen unterbrochen Rechts und links des Stroms liegt die sonst unter Wasser liegende Uferbefestigung frei, man sieht vom Boot aus die großen Steine hässlich aus dem Wasser ragen. Dabei ist die Lage in Regensburg durch die dort bestehende Regulierung mithilfe von Wehren vergleichsweise günstig. Anderswo an dem 2.880 Kilometer langen Strom vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer schaut es dramatischer aus. Das sorgt für Störungen im Betriebsablauf in halb Europa. Die Donau berührt zehn Staaten – Deutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Serbien, Kroatien, Bulgarien, Moldau, die Ukraine und Rumänien. Das sind zehn Länder, die auf dem Strom Handel betreiben und dessen Wasser sie nutzen. Aber jetzt sind reguläre Schiffsbewegungen vielerorts nicht mehr möglich. Zum Beispiel in Matting, einem Dorf nur ein paar Kilometer stromaufwärts von der Kirche in Mariaort entfernt. Dort können Fußgänger und Radler mit einer Seilfähre, angetrieben nur vom Strom des Wassers, das Ufer wechseln. Oder besser: Sie konnten. Denn seit dem 3. August ist der Fährverkehr eingestellt, berichtet Thomas Kohlmeier von der Gemeinde Pentling, die den Betrieb unterhält. „Die Fließgeschwindigkeit der Donau ist zu gering“, sagt er. Es komme schon mal vor, dass der Betrieb bei zu viel oder zu wenig Wasser unterbrochen werden muss. Aber so lange sei das schon sehr ungewöhnlich. Wo die Donau frei ist Ein paar hundert Kilometer weiter südöstlich, im österreichischen Spitz, erzählt Fährmann Ivan Lobanow, dass er keine Autos mehr mitnehmen kann. Die Stufe am steil nach unten führenden Anleger auf seine Seilfähre sei wegen des Niedrigwassers zu groß geworden und deshalb gefährlich. Die Folge: Die Autos fahren einen Umweg von 30 Kilometern. In Ungarn stellte die Fähre zwischen Nagymaros und Visegrád ihren Verkehr ganz ein, nahm ihn aber vor kurzem wieder auf. Überhaupt entpuppt sich die liebliche Wachau mit ihren steilen Weinbergen, wo das Dorf Spitz liegt, als Problemstelle für den Verkehr, ebenso die Strecke zwischen Straubing und Passau oder die Region östlich von Wien bis ins slowakische Bratislava. Sie alle zählen zu den wenigen nicht von Staustufen zugebauten Stücken der Donau, wo der Fluss noch so fließen darf, wie er will. Das heißt aber auch, dass dort Niedrig- wie Hochwasser ausgeprägter ausfallen können. Manfred Rosenberger ist schon vor 50 Jahren als Bub mit dem Kajak auf der Donau gefahren. Heute arbeitet der 64-Jährige als Ranger im österreichischen Nationalpark Donau-Auen östlich von Wien und führt Besucher durch das von urwüchsiger Natur geprägte Gelände. „Das ist das extremste und vor allem am längsten andauernde Niedrigwasser, das ich in Erinnerung habe“, sagt er. Dabei seien ein geringer Wasserspiegel ebenso wie Hochwasser eigentlich ein alle 10 bis 12 Jahre wiederkehrendes Phänomen. Doch die Folgen dieses Wassernotstands für den Nationalpark sind drastisch: „Die Nebenarme sind auf viele Kilometer praktisch ausgetrocknet, bestenfalls eine Abfolge von Einzeltümpeln, von dicken Algenwatten gefüllt“, berichtet Rosenberger. Der Fischverlust sei sehr hoch. „Biber sind zunehmend an die Donauufer abgewandert. Das bedeutet, dass sie längere Strecken zu Fuß von ihren Bauten an den Nebenarmen an den Donaustrand unterwegs sind, um dort junge Weiden zu fressen.“ Vereinzelt seien Biberfamilien auch ganz weggezogen. Aus der Mücke wird ein Elefant Was Besucher erfreut, ist für Rosenberger ein schlechtes Signal – es gibt kaum noch Stechmücken in den Donau-Auen. „Mich haben in den letzten sechs Monaten vielleicht zwei, drei gestochen“, sagt er. Das bedeute „einen herben Verlust an Nahrungsmasse für Fische, Libellen, Fledermäuse und Vögel“. Seit Rosenbergers Kindertagen ist die Donau anders geworden. Der Strom hat sich immer tiefer in sein Bett eingegraben. Die Kraftwerke mit ihren Stauwehren halten den Schotter zurück, den der Fluss früher mit sich schleppte. Rosenberger sagt: „Als ich vor 50 Jahren Kajak gefahren bin, gab es beim Anlanden Schotterbänke auf Augenhöhe. Derzeit blickt man auf die Ufer steil ansteigend hinauf.“ Manche Vögel, wie der im Schotter brütende Flussregenpfeifer, fänden keinen Platz mehr, wo sie ihre Eier ablegen können. Die schnellen Katamarane brausen weiter zwischen Wien und Bratislava. Ihr Tiefgang ist besonders gering. Andere Schiffe dagegen wagen sich kaum noch auf diesen Flussabschnitt. Anders als bei einem Hochwasser, wo zum Beispiel die Gefahr besteht, dass Schiffsaufbauten mit Brücken kollidieren, gibt es bei Niedrigwasser kein Fahrverbot, erklärt Ewa Wisniewski vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Donau in Nürnberg: „Bei Niedrigwasser entscheidet der Schiffsführer selbst anhand seines Tiefgangs, ob er noch fahren kann. Das hängt unter anderem vom Gewicht seiner Ladung und der Fahrtrichtung und -geschwindigkeit ab.“ Faktisch ist es allerdings so, dass auf den Streckenabschnitten der frei fließenden Donau angesichts des Niedrigwassers ein Schiffsverkehr kaum mehr stattfindet. „Wir hören aus der Güterschifffahrt, dass bereits Transporte per Binnenschiff eingestellt wurden bzw. auf Bahn und Straße verlagert wurden“, sagt Uta Hauft vom österreichischen Wasserstraßenbetreiber viadonau. Und Wisniewski vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt ergänzt: „Es handelt sich um die niedrigsten Wasserstände seit Aufzeichnung. Eine Erhöhung ist in den nächsten Wochen nicht in Sicht.“ Kreuzfahrten durchkreuzt Die weißen Ausflugsschiffe auf der Donau machen sich rar. In der Wachau kommen sie von Krems nur noch die halbe Strecke weit durch. In Bayern ist der Verkehr durch den Donaudurchbruch bei Weltenburg ganz eingestellt. Ebenso betroffen ist das Geschäft mit den Kreuzfahrtschiffen. „Aktuell liegen 24 Flusskreuzfahrtschiffe in Wien. Eine derart hohe Anzahl ist für die Sommersaison grundsätzlich nicht ungewöhnlich. Auffällig ist jedoch, dass die Schiffe derzeit deutlich länger im Hafen verbleiben als üblich“, erklärt eine Sprecherin der Wien Holding, die die Anlegestellen in der österreichischen Hauptstadt betreibt. Eine Fahrt in Richtung Osten ist für viele der Kreuzfahrer nicht mehr möglich, spätestens im slowakischen Komarno ist Schluss. „Aufgrund der anhaltend niedrigen Wasserstände konnten zuletzt auch klassische achttägige Reisen von Passau nach Budapest und zurück nicht stattfinden“, bestätigt der Reiseveranstalter Nicko cruises der taz. Schwierigkeiten, so ist zu hören, gibt es inzwischen auch auf der „Hauptstrecke“ zwischen Passau und Wien in der Wachau. Das mag all jenen wurscht sein, die die Kreuzfahrerei für überflüssige CO2-Schleudern halten. Doch der Bruch geht dieses Mal tiefer. Es scheint, als zeige die Donau den Menschen die Grenzen ihrer Zivilisation. Über Jahrhunderte haben sie versucht, den Fluss zu bändigen, haben ihn sich zunutze gemacht, in Kriegen, als Transportweg, zur Stromerzeugung und als ein Ort der Entspannung. Sie haben ihn begradigt, seine Ufer befestigt, Häfen gegraben, ihn mit Staustufen zerstückelt. Das hat die Wirtschaft ganz wunderbar befördert – und nebenbei den Klimawandel. Energieprobleme Die Donau ist auch eine Straße menschlicher Entwicklung. Sie fungierte lange Zeit als Grenze des Römischen Reichs gegenüber den Barbaren genannten Nachbarn, aber dient bis heute auch als Weg des Austauschs der Kulturen. Migranten sind auf ihr in ferne Länder gereist, Flüchtlinge in die Freiheit, Krieger zu entscheidenden Schlachten, Kaufleute zu bedeutenden Abschlüssen. Und jetzt sorgt das Niedrigwasser dafür, dass Urlaubsreisen entfallen, Fähren nicht mehr verkehren, Benzin auf Lastwagen umgeladen werden muss, die Ernte der Bauern in Rumänien nicht verschifft werden kann und andere Güter liegen bleiben. Dass der Biber umziehen muss und der Flussregenpfeifer nicht weiß, wohin mit den Eiern. Und dass Fabriken stillgelegt werden müssen. In Rumänien hat man versucht, das einzige Atomkraftwerk des Landes so lange wie möglich in Betrieb zu halten. Das AKW Cernavodă holt sein Kühlwasser aus einem Seitenarm der Donau, doch das ist rar geworden. Vor zwei Wochen wurde ein Felsen im Fluss in die Luft gejagt, dazu Geröll aus Lastkähnen am Ufer versenkt, nur um das Wasser näher an das Kraftwerk zu bringen. Der Wasserspiegel stieg um ein paar Zentimeter, dann fiel er wieder. In der letzten Woche mussten beide Reaktoren abgeschaltet werden. Jetzt soll ein altes Braunkohle-Kraftwerk für Energie sorgen. Als letzten Ausweg werde es Einschränkungen beim Verbrauch für große Industriekunden geben, warnte das Energieministerium. Es geht um die Autobauer Dacia und Ford. Hervorragende Gegenstände In Ungarn stand das einzige Atomkraftwerk in Paks südlich von Budapest, das ebenfalls vom Donauwasser gekühlt wird, schon Ende Juli vor dem Aus, läuft aber gedrosselt weiter. Die Regierung ruft zum Stromsparen auf. Die nächtliche Beleuchtung des prächtigen Parlamentsgebäudes in Budapest ist abgeschaltet worden. So wie das mangelnde Donauwasser das Alltagsleben einer vermeintlich fortgeschrittenen Zivilisation durcheinanderbringt, so spuckt sie derzeit aber auch die Reste vergangener Zivilisationen aus. Denn der niedrige Wasserstand fördert nicht nur Inseln und Sandbänke ans Tageslicht. Sondern auch den Schutt von vorgestern. Es sind nicht immer liebliche Dinge, die da zum Vorschein kommen. In Budapest, gleich gegenüber dem Parlament, bargen Mitarbeiter des ungarischen Instituts und Museums für Militärgeschichte Anfang August die Gebeine zweier mutmaßlicher Wehrmachtsoldaten aus dem durch Gasöl konservierenden Uferschlamm. Dazu wurden ein gut erhaltenes Motorrad der Wehrmacht und mehrere Panzerabwehrminen gefunden, um die sich der Kampfmittelräumdienst kümmern musste. Einer der Toten war der Erkennungsmarke zufolge ein Soldat der Waffen-SS, so Arne Schrader vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Da die Erkennungsmarken beider Männer noch vollständig erhalten sind, spreche vieles dafür, dass ihre Familien bis heute nichts über deren Schicksal wissen. Weniger überraschend war das Auftauchen von deutschen Kriegsschiffen aus dem Zweiten Weltkrieg nahe dem serbischen Prahovo. Im Canyon vor dem Eisernen Tor hatten die Nazis damals Teile ihrer Donau-Flotte versenkt, um die Rote Armee bei ihrem Vormarsch zu behindern. Die Schiffe, die die Fahrrinne berührten, hat man damals schnell beseitigt, was weniger störte, blieb liegen. Bei niedrigen Wasserständen kamen Teile der Schiffe schon häufiger zum Vorschein. In diesen Tagen spazieren Ausflügler auf den Wracks herum. Jupiter-Tempel und Mammutzähne In der Slowakei gab eine britische Antischiffsmine derweil zu umfangreichen Sperrungen Anlass. Manfred Rosenberger stieß in den österreichischen Donau-Auen auf ein Stück Aluminium von einem Messerschmitt-Jagdflugzeug. Kriegsschrott scheint besonders häufig seinen Weg in den zweitlängsten Fluss Europas gefunden zu haben. Durchaus verständlich, denn was sich unter der Wasseroberfläche befindet, ist so unsichtbar, dass manche Menschen glauben mögen, es habe niemals existiert. Weniger kriegerisch ist der Fund, den Archäologen auf der ungarischen Donauinsel Szalki machten. Sie suchten nach Überresten eines Klosters und fanden stattdessen einen römischen Jupiter-Altar. Bulgarische Altertumsforscher lokalisierten dank der Dürre die Überreste einer Donaubrücke aus römischer Zeit. Altersmäßig ist das freilich nichts gegenüber dem Fund von Anwohnern des bulgarischen Dorfs Rjachowo nahe der Stadt Ruse. Sie bargen im Flussbett die Knochen eines Mammuts. Das Geschichtsmuseum von Ruse bestätigte, bei dem Fund handele es sich um einen Unterkiefer, zwei Stoßzähne und eine Rippe. Experten würden nun daran arbeiten, die genaue Herkunft und das Alter des urzeitlichen Tiers festzustellen. 4.000 Jahre sind es gewiss, denn so lange gelten Mammute als ausgestorben. Das meiste, was die Donau zum Vorschein bringt, ist aber einfach Schrott. So wie der Opel Corsa, der seinem Besitzer im ungarischen Szob vor 13 Jahren gestohlen worden war. Jetzt ragt ein Rad des Wagens aus dem Flussbett. Klimawandel ahoi! Fest steht aber: Es wird wieder regnen, früher oder später. Eher später. Und dann werden die meisten Menschen die sterbende Donau vom Sommer 2026 wieder vergessen, wie sie schon vergessen haben, dass vor gerade einmal zwei Jahren ein schweres Hochwasser die Umgebung des Stroms von Österreich bis nach Serbien heimgesucht hat und Tote, Verletzte und schwere Sachschäden hinterließ. Eine Analyse des europäischen Forschungskonsortiums ClimaMeter ergab damals, dass der Starkregen größtenteils auf den Klimawandel zurückzuführen sei. Der Klimawandel verschärfe aber auch Hitzeextreme, ist sich Samantha Burgess vom Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage angesichts dieses Sommers sicher. Die Donau, die dem Menschen so lange zu Diensten stand, zieht sich immer mehr vom Menschen zurück.

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