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Renaturierung von Flüssen: Effekte aufs Ökosystem gering - trotzdem dran festhalten?

Wissenschaft

Ökologie

Renaturierung von Flüssen: Wirklich so eine gute Idee?

Stand: 26.10.2026 10:48 Uhr

Hierzulande gibt’s zwar allerhand Flüsse, aber viele davon sehen längst nicht mehr so aus, wie sie sich ursprünglich mal durch die Natur geschlängelt haben. Das liegt daran, dass Menschen Flüsse an ihre Bedürfnisse angepasst haben und dabei vergessen, dass damit wertvolle Ökosystemleistungen abhandenkommen, zum Beispiel das Säubern von Wasser oder die Anpassung an klimawandelbedingtes Extremwetter. Die Wiederherstellung von Flusslandschaften, also die Renaturierung, ist deshalb von der EU beschlossene Sache. Aber möglicherweise nicht so erfolgreich, wie erhofft. Was heißt das jetzt?

von Florian Zinner

Da plätschert sie rum, die Mulde. Und darf – für einen Fluss muss das sehr angenehm sein – südlich von Dessau-Roßlau inzwischen wieder ihre wilde Seite zeigen – zum Beispiel das Flussufer unterspülen, Sedimente abtragen, sozusagen ein bisschen am Ufer nagen. An der Steinbefestigung, die da vorher zu finden war, hätte sich der Fluss gut und gerne die Zähne ausgebissen. Außerdem liegen jetzt hier und da tote Bäume im Wasser, Raubbäume heißen die. Das bedeutet: Das holzige Hindernis ist gewollt, die Stämme sollen den Flusslauf sozusagen herausfordern und die Strukturvielfalt erhöhen.

Warum müssen wir überhaupt Flüsse renaturieren?

"Renaturierungsmaßnahmen sind extrem wichtig, weil sie dazu beitragen, verlorengegangene Fließgewässerlebensräume und ihre Biodiversität wiederherzustellen", sagt Mario Brauns, Fließgewässerökologe am Leibniz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Soll heißen: Wildes Ufer, Baum im Wasser – das sieht nicht nur schön aus und bereichert jeden Sonntagsspaziergang, sondern dient vor allem dem Zweck, dass Ökosysteme wieder so funktionieren, wie vor dem Eingriff des Menschen, der befestigt, begradigt, kanalisiert und eingedeicht hat.

Die Forschenden um Mario Brauns haben jetzt in einer umfassenden Metaanalyse den Erfolg von Renaturierungsmaßnahmen nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt untersucht. Erfolg heißt: Wie gut funktioniert ein Ökosystem und hat es sich denn zum Besseren verändert? So gibt es bei der Artenvielfalt und -häufigkeit im Großen und Ganzen positive Veränderungen. Die Forschung zeigt aber auch: Allein durch Renaturierung erholen sich nicht automatisch die Funktionen eines Ökosystems, die auch für uns Menschen überlebenswichtig sind.

Lebenswichtige Ökosysteme bei Renaturierung noch zu wenig beachtet

Das zeigt sich zum Beispiel am Wachstum von Algen und Wasserpflanzen oder der Aktivität von Bakterien. Die Ergebnisse bedeuten allerdings nicht, dass Renaturierung Quatsch ist, betont Brauns. "Ganz im Gegenteil: Was wir mit unseren Ergebnissen zeigen können, ist, dass eine funktionelle Renaturierung großräumiger angelegt werden muss." Dazu zählt zum Beispiel auch das Anpflanzen von Ufergehölzen, aber auch generell die Funktion des Ökosystems mitzudenken und nicht nur den Fluss optisch und physisch natürlicher zu gestalten. Keine Frage, das ist wichtig, weil es auch die Menschen vor Hochwasser schützt und die Wirtschaft vor Niedrigwasser.

Aber: "Bei der Planung von Maßnahmen muss zukünftig stärker darauf geachtet werden, dass diejenigen Faktoren wiederhergestellt werden, die für die ökologischen Funktionen zwingend notwendig sind", so Brauns. Klingt einfacher als es ist, vor allem, weil die Beurteilung von Ökosystemfunktionen aufwendig ist und messbar sein muss. Etwas, woran das Team am Umweltforschungszentrum gerade intensiv arbeitet. Die Ergebnisse der Studie zeigen aber auch: Die Renaturierung von Flüssen kann noch so ambitioniert sein und eine Mulde nach Jahren der Mühe noch so wild – eine unangetastete Landschaft ersetzen kann sie allerdings nicht.

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