Rente mit 63: Die Älteren sollen später in Rente – und werden gleichzeitig aus den Jobs gedrängt
Ingo ist 57. Nach 35 Jahren hat der Disponent jetzt die Kündigung von seiner Firma erhalten. Personalabbau. Ingo fragt sich natürlich: Warum? Wo doch die Leute angeblich länger arbeiten sollen. Das ist zumindest einer der zentralen Punkte aus den viel gelobten Empfehlungen der Rentenkommission in diesem Sommer . (Mehr dazu lesen Sie hier .)
Warum soll Ingo nun mit 57 verschwinden?
Und nicht nur er. Denn so wie ihm geht es gerade vielen älteren Arbeitnehmern. In den vergangenen drei Jahren sind die Arbeitslosenzahlen leicht, aber kontinuierlich gestiegen, von 2,81 Millionen im Juli 2024 auf 3,01 Millionen im Juli 2026. Besonders hat es ältere, oft teurere Arbeitskräfte getroffen. Tausende hoch bezahlte Mitarbeiter bei Konzernen wie VW, Daimler-Benz oder SAP haben üppige Abfindungsangebote erhalten. Die VW-Tochter Audi rühmt sich sogar, den Abbau von Tausenden Stellen sozialverträglich einzig über Altersteilzeit und Frühverrentung hinzubekommen .
Welche älteren Fachkräfte werden wirklich noch gebraucht? Und was heißt das für die, für die es keine sechsstelligen Abfindungsangebote gibt wie bei den Konzernen?
Arbeitslosigkeit wird wieder so sehr als Bedrohung wahrgenommen, dass eine Versicherung wie die Düsseldorfer Arag eine ganze Werbekampagne für ihre Rechtsschutzversicherung rund um den drohenden Jobverlust geschaltet hat. »Ihr Chef stellt Sie aufs Abstellgleis? Der Arag Rechtsschutz hilft«, heißt es auf den Plakaten. Dazu veröffentlicht der Versicherer Zahlen, nach denen sich die Rechtsschutzfälle im Arbeitsrechtsschutz seit 2021 um 63 Prozent erhöht hätten .
Tatsächlich finden ältere Entlassene häufig nicht in den Arbeitsmarkt zurück, bestätigt mir Ulrich Walwei, Wissenschaftler am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) der Bundesanstalt.
2020, vor der Coronakrise, war einer der meistabgerufenen Ratgeber meiner Kollegen bei »Finanztip« noch einer, der sich mit einem ganz anderen Punkt des Arbeitsrechts beschäftigte. Damals ging es um die Frage: Wie schnell kann ich eigentlich den Arbeitgeber wechseln , wenn ich ein attraktiveres Angebot bekommen habe? Heute geht es auch bei den Anfragen bei »Finanztip« um die Bedrohung durch Arbeitslosigkeit .
Wen trifft es nun konkret? Schaut man auf die Bezieher von Arbeitslosengeld, also diejenigen, die gerade erst den Job verloren haben, nicht schon vor längerer Zeit, dann ist der Anteil der über 55-Jährigen dort besonders hoch. Immerhin ein Drittel der Arbeitslosengeldbezieher ist 55 und älter, 362.000 der insgesamt 1,05 Millionen aus der aktuellen Juli-Statistik der Bundesagentur für Arbeit .
Dabei hatten die Älteren gerade erst den Arbeitsmarkt erobert. Während 2015 nur gut die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen überhaupt noch gearbeitet (53 Prozent) habe, sei deren Erwerbstätigkeit allein von 2020 bis 2024 von 60,5 auf 67,6 Prozent nach oben geschossen, so der IAB-Forscher Walwei.
Gleichzeitig sind seit 2014 über drei Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nach 45 Jahren sozialversicherungspflichtigem Job vorzeitig abschlagsfrei in Rente gegangen. Noch einmal fast genauso viele sind mit Abschlägen seither vorzeitig in Rente gegangen. Das sind insgesamt sechs Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Als die Regelung damals eingeführt wurde, war eines der wesentlichen Argumente, dass es beim Ruhestand nicht nur um Geld ohne Arbeit, sondern auch um Freiheit geht, Selbstbestimmung zu einer Zeit, in der man sich noch fit genug fühlt, etwas mit der Selbstbestimmung anzufangen. Selbstbestimmung heißt in diesem Fall: Ich entscheide, ob ich weiterarbeiten kann und will. Mein Arbeitgeber macht mir womöglich ein attraktives Angebot. Solche Angebote forderte die Kanzlerin damals ein .
Stattdessen schlägt die Rentenkommission heute nicht nur vor, die Rente nach 45 Jahren ohne Abzüge abzuschaffen, sondern auch das Blockmodell in der Altersteilzeit. Blockmodell heißt, ich arbeite für zwei oder drei Jahre in Vollzeit bei halbem Gehalt. Anschließend arbeite ich genauso lange gar nicht, bekomme aber die andere Hälfte vom Gehalt. Ich bin also in einer Art Vorruhestand, bevor es dann tatsächlich in Rente geht. Dieses Blockmodell ist das bevorzugte Modell für Altersteilzeit in Deutschland. Diese Woche appellierten die privaten Banken an die Bundesregierung, das Blockmodell zu erhalten . Das sei ihre Chance, sozialverträglich mit der KI-Revolution umzugehen. Heißt, die älteren Jahrgänge vorzeitig in Rente zu schicken – von länger arbeiten und Fachkräftemangel auch hier keine Spur.
Die Abschaffung des Blockmodells käme »einer Abschaffung der Altersteilzeit gleich, weil bei uns 99 Prozent der Beschäftigten in Altersteilzeit das Blockmodell wählen«, erklärte Carsten Rogge-Strang, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands der privaten Banken beim Finanzdienst Bloomberg. Das Arbeits- und Sozialministerium antwortete auf eine Kleine Anfrage der Linkspartei, dass 82 Prozent aller Altersteilzeitfälle in den vergangenen Jahren Blockmodellfälle gewesen sind.
Was heißt das jetzt alles?
Es treffen zwei komplett unterschiedliche Welten aufeinander: eine Boomergeneration, die deutlich länger arbeitet als die Jahrgänge vor ihr, obwohl ein Teil von ihr von der Großen Koalition 2014 das Geschenk erhielt, nach 45 Jahren vorzeitig abschlagsfrei in Rente zu gehen.
Und eine Expertenkommission, die die Abschaffung der abschlagslosen Frührente als wichtigsten Einsparhebel sieht, sowie eine politische Klasse, die diesen Boomern implizit vorwirft, sich ungebührlich auf Kosten künftiger Generationen zu bereichern. Beide verlangen, dass die Boomer länger arbeiten, während die wirtschaftlichen Eliten gleichzeitig viele Jobs abbauen lassen, in denen länger gearbeitet werden kann. Eigentlich verlangen sie also von den besonders geburtenstarken Jahrgängen den Verzicht auf Geld und/oder den Verzicht auf Gestaltungsspielräume für das eigene Leben.
Wenn ich Regierungspolitiker wäre, würde ich daraus schließen, dass ich diese Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit nicht gewinnen kann, ohne eine veritable Blut-, Schweiß- und Tränen-Rede zu halten, die von allen Verzicht verlangt. Man könnte der Rentenkommission sogar zugutehalten, dass die Expertinnen und Experten genau das gemeint haben, als sie proklamierten, die 33 Punkte des Programms müssten bitte alle gemeinsam umgesetzt werden. Auf solche Führung und die Rede vom gemeinsamen Verzicht hat die Regierung aber bislang verzichtet. Und den Beamtenapparat hat auch die Kommission weitgehend verschont.
Der gemeinsame ernst gemeinte Verzichtsauftritt der Regierung ist also noch fällig.
Ich bin aber nicht Regierungspolitiker, deshalb hier meine Ratschläge, was Sie als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer im passenden Alter jetzt tun können:
Wenn Sie die Chance haben, nach 45 Jahren abschlagsfrei in Ruhestand zu gehen, tun Sie es jetzt. Nehmen Sie die hohe Rente mit. Wenn Ihre Firma Sie als Fachkraft braucht, hat sie jede Möglichkeit, Ihnen auch anschließend ein entsprechendes Angebot zu machen.
Wenn Sie die 45 Jahre nicht vollmachen können, aber jenseits der 63 vorzeitig in Ruhestand gehen wollen, tun Sie es jetzt. Die Bedingungen bei den Abschlägen werden sicher nicht besser. Statt von 0,3 Prozent weniger Rente für jeden Monat, den Sie früher in Rente gehen, ist für die Zukunft eher von 0,5 Prozent Abschlägen die Rede. Wenn Sie zuletzt gut verdient haben, können Sie womöglich zum Ausgleich sogar mit Steuerförderung ein paar Rentenpunkte kaufen, damit die Einbußen kleiner werden . Und auch hier gilt: Wenn Ihre Firma Ihnen ein Angebot macht, das Sie nicht ausschlagen können, können Sie anschließend einfach weiterarbeiten.
Wenn Sie aktuell mit erhöhtem Risiko eines Arbeitsplatzverlustes weiterarbeiten wollen oder müssen, verbessern Sie Ihre Verhandlungsposition. Schließen Sie eine Rechtsschutzversicherung ab oder treten Sie wenigstens in die passende Gewerkschaft ein.
Wenn Sie Altersteilzeit schon geplant haben, treiben Sie Ihre Pläne voran . Egal in welchem Modell. Auch hier gilt: Niemand hindert Sie, nach Ihrer Altersteilzeit als Rentner wieder in Ihren alten oder einen anderen Job zurückzukehren, wenn der Arbeitgeber ein attraktives Angebot macht.
Solidarität ist keine Einbahnstraße. Wenn Ihre Firma das Geld für die Boni der Chefs (und einiger Chefinnen) übrig hat und die Koalition das Geld für Dienstwagenfahrer, E-Auto-Käufer und auch für ein Mehrwertsteuergeschenk an die Gastwirte der Republik, nehmen Sie sich Ihren Anteil. Ihre Chancen sind gut.
Tatsächlich haben die Regierungen der vergangenen Jahre nämlich viel mehr Flexibilität möglich gemacht, als die meisten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wissen: früher in Rente zu gehen, in Teilzeit oder Teilrente zu gehen, in Rente zu gehen und dann weiterzuarbeiten. Gute Beratung können Sie dafür bei der Deutschen Rentenversicherung bekommen. Das gilt übrigens auch für die Arbeitgeber, die passende Lösungen für Mitarbeiter oder ganze Belegschaften suchen.
Die platte Kündigung mit 57 ist jedenfalls nicht das Modell, mit dem man Arbeitskräfte dazu motiviert, einen neuen Anlauf zu nehmen. Ganz abgesehen davon, dass sie nach 35 Jahren auch rechtlich nicht einfach sein dürfte.