Rente mit 63: Warum der Kompromiss bei der Rentenreform Frauen benachteiligt
WirtschaftsWocheWirtschaftsWoche: Herr Börsch-Supan, die schwarz-rote Koalition ringt um die Rentenreform, besonders um die Rente ab 63. Man werde einen guten Kompromiss finden müssen, sagt der neue Bundesarbeitsminister, Alexander Schweitzer (SPD). Nun wurde ein Vorschlag der Union bekannt: Die abschlagsfreie Rente nach 45 Beitragsjahren bleibt, aber künftig zählen zu diesen Versicherungsjahren keine Zeiten der Kindererziehung mehr, keine mit Krankengeld oder in Arbeitslosigkeit. Wie viele Jahre kostete das mögliche Frührentner?
Axel Börsch-Supan: Von der abschlagsfreien Frührente profitieren im Durchschnitt Besserverdienende. Sie haben höhere Rentenansprüche – und in der Tat deutlich kürzere sozialversicherungspflichtige Erwerbszeiten aufzuweisen als 45 Jahre. Männer, die ohne Abschläge früher in Rente gehen, haben im Schnitt 38,1 Jahre gearbeitet und Sozialabgaben geleistet, bei Frauen sind es 33,6 Jahre. Das heißt, bei Männern entfallen etwa 85 Prozent ihrer anrechenbaren Zeiten auf eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, bei Frauen sogar nur etwa 75 Prozent.
Womit haben sie ihre übrigen Versicherungsjahre, die sogenannte Wartezeit, erreicht, um dennoch auf 45 Jahre zu kommen?
Bei Frauen schlagen vor allem Kindererziehungszeiten sehr zu Buche, sie machen 8,5 Prozent der Wartezeit aus oder knapp vier Jahre. Für Zeiten, in denen sie andere gepflegt haben, kommt bei Frauen ein weiteres Drittel Prozent dazu. Beides ist bei Männern quasi kein Faktor: In der Stichprobe finden sich gerade einmal eine Handvoll Männer mit Zeiten für Kindererziehung oder Pflege.
Womit kommen Männer auf 45 Beitragsjahre?
Bei Männern sind das vor allem die Ausbildungszeiten, die fünf Prozent der Wartezeit ausmachen, fast zweieinhalb Jahre. Bei Frauen machen diese etwa vier Prozent der Versicherungsjahre aus. Dazu kommen Zeiten der Arbeitslosigkeit mit vier Prozent bei Männern und sieben Prozent bei Frauen.
Zurück zum Vorschlag aus der Union: Schaut man auf die Zahlen, würde die Änderung also mehr Frauen treffen als Männer. Gerade auf Betreiben der CSU hat die Bundesregierung im vergangenen Jahr allerdings die Mütterrente ausgeweitet, „vollendet“, nannte es Parteichef Markus Söder. Wie passt das zusammen?
Setzte die Regierung diesen Vorschlag um, würden eine Menge Frauen darunter leiden, richtig. Für die Mütterrente wurde argumentiert, dass die Kindererziehungszeiten wesentlich für die Rente sind. Diese Zeiten wurden erweitert und auch noch nachträglich vergeben. Sie nun aber bei der Rente ab 63 herauszunehmen, ist inkonsequent. Dann muss man auch die Mütterrente abschaffen.
Schwer vorstellbar, dass es dazu kommen würde…
Der Vorschlag ergibt aber noch aus einem zweiten Grund keinen Sinn. Jeder weiß, dass es ein Kuhhandel wäre, sich auf die Aberkennung von Kindererziehungszeiten zu einigen. Eine Rentenreform sollte man aber transparent und offen gestalten. Dazu gehört, zu sagen: „Es ist nicht genug Geld für alles da.“ Und da zu streichen, wo es am sinnvollsten ist. Die Rente ab 63 gehört dazu.
Warum?
Das Klischee vom Dachdecker und der Krankenschwester, die 45 Jahre in einem besonders anstrengenden Beruf ihre Gesundheit verschlissen haben und deshalb früher ohne Abschläge in Rente gehen dürfen, ist falsch. Diese Leute nehmen die Frührente gerade nicht in Anspruch. Sie geht also komplett am Ziel vorbei. Dann muss man als Regierung auch sagen: „Es tut uns leid, es war gut gemeint, aber hat seinen Zweck nicht erfüllt. Jetzt schaffen wir sie ab.“ Stattdessen wieder auf faule Kompromisse zu verfallen, schadet dem Vertrauen in die Rente.
Lassen Sie sich für einen Moment auf den Gedanken ein, die schwarz-rote Koalition würde erkennen, dass es neue Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen schaffen würde, die Erziehungszeiten nicht mehr zu berücksichtigen, und sie einigte sich stattdessen, nur Zeiten von Ausbildung und Arbeitslosigkeit zu streichen. Machte das die Idee besser?
Dann fiele der Aspekt weg, dass die berufsbezogenen Ausbildungen für die Rente ab 63 besonders bevorzugt werden, also beispielsweise der Weg in der Metallindustrie vom Schweißer über eine Ausbildung in der Elektrotechnik zum Facharbeiter. Aber es bliebe dabei, dass diese Menschen am Ende ihres Erwerbslebens eine deutlich bessere Gesundheit vorweisen und auf mehr Entgeltpunkte, also eine höhere Rente, kommen als Personen mit körperlich zehrenden Berufen.
Und daraus folgt?
Die Leute, die durch die Möglichkeit dieser Frührente heute bessergestellt werden, blieben auch weiterhin privilegiert. Einen solchen Kompromiss halte ich für verlogen und fehlerhaft. Denn er ändert nichts daran, dass das damals beabsichtigte Ziel verfehlt wird.