Retatrutid: Wirkt die neue Abnehmspritze stärker als Ozempic und Mounjaro?
Startseite
Wissen
Retatrutid: Wirkt die neue Abnehmspritze stärker als Ozempic und Mounjaro?
Uns auf Google folgen
Retatrutid sorgt mit außergewöhnlichen Studienergebnissen für Aufsehen: Fast jeder Zweite verlor unter der höchsten Dosis mindestens 30 Prozent seines Körpergewichts. Was über Wirkung und Risiken bekannt ist.
München – Ozempic und Wegovy haben Semaglutid bekannt gemacht, Mounjaro den Wirkstoff Tirzepatid. Nun sorgt mit Retatrutid bereits die nächste Generation der Abnehmspritzen für Aufsehen. Der Wirkstoff ist noch nicht zugelassen, erreicht in einer großen Phase-3-Studie aber Gewichtsverluste, die für ein Medikament außergewöhnlich sind.
Premium Medical Circle – Das Netzwerk für medizinische Exzellenz
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit Premium Medical Circle (PMC) – dem Netzwerk für medizinische Exzellenz und erstklassigen Gesundheitsjournalismus. PMC vernetzt führende Expertinnen und Experten und kuratiert fundiertes Wissen und neue Perspektiven aus Medizin und Gesundheit.
Besonders bemerkenswert: Unter der höchsten Dosis verlor fast jeder zweite Studienteilnehmer mindestens 30 Prozent seines Ausgangsgewichts. Retatrutid setzt dabei nicht nur an einem oder zwei, sondern gleich an drei Hormonrezeptoren an. Doch wie aussagekräftig sind die spektakulären Zahlen, welche Risiken sind bekannt? Und könnte Retatrutid tatsächlich stärker wirken als Wegovy und Mounjaro?
Warum Retatrutid gerade für so viel Aufsehen sorgt
Retatrutid wird einmal wöchentlich unter die Haut gespritzt und ist ein sogenannter Triple-Agonist: Während Semaglutid am GLP-1-Rezeptor wirkt und Tirzepatid GLP-1 und GIP kombiniert, aktiviert Retatrutid zusätzlich den Glucagon-Rezeptor.
GLP-1 und GIP beeinflussen unter anderem Appetit, Sättigung und Zuckerstoffwechsel. Der zusätzliche Glucagon-Signalweg könnte darüber hinaus den Energieverbrauch beeinflussen. Wie stark die drei Mechanismen jeweils zum Gewichtsverlust beitragen, ist noch nicht abschließend geklärt.
Fast jeder Zweite verlor mindestens 30 Prozent Gewicht
Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt Retatrutid wegen der Ergebnisse der Phase-3-Studie TRIUMPH-1, die im Juni 2026 auf den Scientific Sessions der American Diabetes Association vorgestellt wurden. Untersucht wurden 2.339 Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht und mindestens einer gewichtsbezogenen Begleiterkrankung. Menschen mit Diabetes nahmen an dieser Studie nicht teil.
Nach 80 Wochen hatten Teilnehmer unter der höchsten Retatrutid-Dosis von 12 Milligramm im Durchschnitt 28,3 Prozent ihres Ausgangsgewichts verloren, rund 32 Kilogramm. Mit niedrigeren Dosierungen fiel der Gewichtsverlust geringer aus, unter Placebo betrug er lediglich wenige Prozent.
Besonders bemerkenswert: 45,3 Prozent der Teilnehmer unter der höchsten Dosis verloren mindestens 30 Prozent ihres Ausgangsgewichts. Damit erreichte fast jeder Zweite eine Größenordnung der Gewichtsabnahme, die mit Medikamenten gegen Adipositas bislang kaum erreicht wurde.
Auch nach zwei Jahren setzte sich der starke Effekt fort. Bei Menschen mit einem BMI von mindestens 35 lag der durchschnittliche Gewichtsverlust unter der höchsten Dosis bei rund 30 Prozent. Allerdings nahm an dieser Verlängerung nur ein Teil der ursprünglichen Studiengruppe teil. Das Ergebnis lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf alle Menschen mit Adipositas übertragen.
Schon frühere Studien deuteten auf einen starken Effekt hin
Bereits eine kleinere, 2023 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Phase-2-Studie hatte einen ungewöhnlich starken Gewichtsverlust unter Retatrutid gezeigt. Auffällig war zudem, dass die Gewichtskurve nach 48 Wochen noch kein klares Plateau erreicht hatte.
Die Phase-3-Ergebnisse passen damit grundsätzlich zum früheren Befund. Die vollständigen Daten aus TRIUMPH-1 sind allerdings noch nicht als begutachtete Fachpublikation erschienen; verfügbar sind bislang Mitteilungen des Herstellers Eli Lilly und die Präsentation auf dem ADA-Fachkongress.
Ist Retatrutid stärker als Wegovy und Mounjaro?
Die Zahlen legen den Vergleich nahe. Trotzdem lässt sich aus den bisherigen Daten nicht seriös ableiten, dass Retatrutid grundsätzlich „besser“ wirkt als Semaglutid oder Tirzepatid. Die Wirkstoffe wurden in unterschiedlichen Studien mit unterschiedlichen Teilnehmergruppen, Behandlungszeiträumen und Studiendesigns untersucht.
Für einen belastbaren direkten Vergleich wären sogenannte Head-to-Head-Studien nötig, in denen die Medikamente unter denselben Bedingungen gegeneinander getestet werden.
Hinzu kommt: TRIUMPH-1 untersuchte Menschen ohne Diabetes. In TRIUMPH-2 bei Erwachsenen mit Typ-2-Diabetes fiel der Gewichtsverlust allerdings deutlich geringer aus als bei Menschen ohne Diabetes. Unter der höchsten Dosis verloren die Teilnehmer nach 80 Wochen durchschnittlich 20,8 Prozent ihres Ausgangsgewichts.
Die starke Wirkung hat eine Kehrseite
Wie bei anderen Medikamenten, die am GLP-1-System ansetzen, betrafen die häufigsten Nebenwirkungen den Magen-Darm-Trakt. Besonders häufig war Übelkeit: Unter der höchsten Dosis berichteten 42,4 Prozent davon. Auch Durchfall, Verstopfung und Erbrechen kamen häufig vor. Die Beschwerden traten vor allem während der Dosissteigerung auf und waren überwiegend leicht bis mittelschwer. Rund jeder Neunte brach die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab.
Auffällig waren außerdem Dysästhesien, also ungewöhnliche Hautempfindungen wie Kribbeln oder Brennen: Unter 12 Milligramm betrafen sie 12,5 Prozent, unter Placebo waren sie selten. Auch Harnwegsinfektionen, Reaktionen an der Einstichstelle und niedriger Blutdruck wurden häufiger beobachtet.
In der Phase-2-Studie war zudem ein dosisabhängiger Anstieg der Herzfrequenz aufgefallen. Pankreatitis sowie Erkrankungen der Gallenblase und Gallenwege gehören zu den Sicherheitsthemen, die bei inkretinbasierten Therapien besonders beobachtet werden. In der Phase-2-Adipositasstudie trat ein Fall von Pankreatitis auf; Menschen mit einer Pankreatitis in der Vorgeschichte waren von TRIUMPH-1 ausgeschlossen. Für die Beurteilung seltener Risiken braucht es daher größere Patientenzahlen und längere Beobachtungszeiten.
Eine weitere Frage betrifft die Muskelmasse. Für TRIUMPH-1 liegen bislang keine publizierten Daten zur Körperzusammensetzung vor. Eine 2025 veröffentlichte Phase-2-Substudie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes zeigte jedoch, dass neben Fettmasse auch fettfreie Masse verloren ging, nach Einschätzung der Autoren in einer ähnlichen Größenordnung wie bei anderen Methoden zur Gewichtsreduktion.
Warum man Retatrutid derzeit nicht kaufen sollte
So beeindruckend die Zahlen klingen: Retatrutid ist derzeit ein Prüfmedikament. Es hat noch keine reguläre Zulassung und kann nicht wie Wegovy oder Mounjaro ärztlich zur Gewichtsreduktion verordnet werden.
Das ist besonders wichtig, weil der Wirkstoff schon vor einer möglichen Zulassung im Internet angeboten wird. Bei solchen Produkten ist weder gewährleistet, dass tatsächlich Retatrutid enthalten ist, noch dass Dosierung, Reinheit oder Herstellung pharmazeutischen Standards entsprechen. Von der eigenständigen Anwendung nicht zugelassener Retatrutid-Produkte ist deshalb dringend abzuraten.
Wie groß ist das Potenzial wirklich?
Retatrutid gehört derzeit zu den interessantesten Wirkstoffen der Adipositasforschung. Für eine „Wunderspritze“ ist es dennoch zu früh: Die vollständigen Phase-3-Daten müssen wissenschaftlich publiziert werden, zusätzlich muss die langfristige Sicherheit, Gewichtsentwicklung nach dem Absetzen und Wirksamkeit im Alltag untersucht werden. Erst nach einer möglichen Zulassung und breiterer Anwendung wird sich zeigen, ob der Dreifachwirkstoff die hohen Erwartungen tatsächlich erfüllt. (von Marianne Waldenfels)