Revolut: Altersvorsorgedepot kommt wohl später - warum die Bank zögert
Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Die Neobank Revolut möchte für Millionen Deutsche zur Hausbank werden. Doch die Konkurrenz ist groß. Und bei der neuen Altersvorsorge wollen die Briten nicht um jeden Preis vorpreschen. Lange galt Revolut vor allem als praktische App für den Urlaub: günstige Zahlungen im Ausland, schneller Währungswechsel, moderne Oberfläche. Doch die britische Neobank will mehr sein – und damit klassischen Banken Marktanteile abnehmen. Wiktor Stopa, Head of Growth für West- und Osteuropa bei Revolut, erklärt im Interview, warum die deutsche IBAN dabei eine Schlüsselrolle spielt, welche Kunden besonders wichtig sind und wann Revolut beim Altersvorsorgedepot einsteigen könnte. t‑online: Herr Stopa, Revolut hat inzwischen rund drei Millionen Kunden in Deutschland und ist in wenigen Monaten um fast 20 Prozent gewachsen. Sie hatten aber ein Ziel von fünf Millionen Kunden bis Ende 2026 ausgerufen. Wird das nicht langsam eng? Wiktor Stopa: Das Jahr ist noch nicht vorbei. Wir sind aktuell die am schnellsten wachsende Digitalbank in Deutschland und überholen sogar die etablierten heimischen Player. Richtig ist aber auch, dass wir uns als Unternehmen immer sehr ambitionierte Ziele stecken. Ein Grund, warum wir in Deutschland leicht hinter unseren ursprünglichen Ambitionen liegen, war, dass wir als britische Bank in Deutschland nicht nur die Marke aufbauen mussten, sondern auch auf die deutsche IBAN gewechselt sind. Das hat zusätzliche Arbeit verursacht und uns zeitweise gebremst, war aber gleichzeitig richtig und notwendig. Inzwischen sind wir wieder auf Kurs – die fünf Millionen sind definitiv in Reichweite. Warum ist eine deutsche IBAN so wichtig? Die deutsche IBAN ist für viele Menschen und Vergleichsportale ein "Pflicht-Häkchen". Regulatorisch spielt es zwar keine Rolle, ob die IBAN aus Litauen oder Deutschland kommt, aber in Produktvergleichen wird man abgestraft, wenn sie nicht lokal ist. Seit wir deutsche IBANs anbieten, nutzen uns deutlich mehr Menschen als primäre Bank: für Gehaltseingänge, Miete, Alltagszahlungen. Viele Deutsche kennen Revolut trotzdem noch vor allem als günstige Lösung für Zahlungen im Ausland. Wie wollen Sie aus diesen Gelegenheitsnutzern echte Bankkunden machen? Wir sind längst keine Reisebank mehr, auch wenn dieses Bild in Teilen immer noch an uns klebt. Denn tatsächlich nutzen unsere Kundinnen und Kunden heute alle Produktbereiche: von Tagesgeld und Geldmarktfonds über Wertpapierhandel bis hin zum Vermögensaufbau. Wenn man sich anschaut, wie oft unsere Bankkarte eingesetzt wird, sind wir für viele faktisch bereits die Bank für den Alltag. Man hat den Eindruck, dass sich die Angebote von sogenannten Neobanken wie Revolut, Direktbanken und klassischen Banken immer stärker angleichen. Warum setzt auch Revolut nicht mehr auf Spezialisierung? Weil wir glauben, dass es langfristig nicht hilfreich ist, wenn man für jeden einzelnen Finanzbedarf eine eigene App braucht. Außerdem bleiben wir mit mehreren Geschäftsbereichen stabil, wenn einzelne Märkte schwanken. Kartenumsätze, Einlagen, Vermögensaufbau, Krypto, Abos – alle Bereiche tragen zum Geschäftsmodell bei. Unsere Philosophie ist: Wir bauen ein universelles Finanzprodukt und behalten nur die Teile, die für unsere Kundinnen, Kunden und für uns wirklich funktionieren. Was ist eine Neobank? Neobanken sind Finanzanbieter, die Bankgeschäfte fast vollständig digital anbieten, meist per App. Ein klassisches Filialnetz haben sie nicht. Viele Neobanken starteten mit einzelnen Angeboten, etwa dem Wertpapierhandel. Inzwischen bauen einige Anbieter ihr Geschäft zu vollwertigen Bankplattformen aus. Mitbewerber haben ähnliche Geschäftsmodelle und jetzt haben Sie auch noch Konkurrenz durch Schwergewichte wie die US-Bank J.P. Morgan, die kürzlich in Deutschland gestartet ist: Wie wichtig ist in so einer Landschaft die Marke? Sehr wichtig, aber unterschiedlich je nach Altersgruppe. Unter 35 oder 40 ist entscheidend: Wie modern wirkt Revolut, wie gut passt es zum eigenen Alltag? Bei Menschen über 40 zählen Funktionalität und Vertrauen in die Produkte mehr als das Logo. Wir wachsen derzeit extrem schnell in den Segmenten der 18- bis 24-Jährigen und der 24- bis 35-Jährigen. Für viele ist Revolut das erste Bankkonto, das sie bewusst wählen. Damit sprechen wir eine Generation an, die ihre Finanzen von Beginn an mobil managen will. Ist das nicht riskant? Das große Vermögen liegt doch eher bei den älteren Kunden, die bereits Immobilien, langfristige Sparpläne und höhere Gehälter haben. Wir wachsen zwar aktuell sehr stark bei den jüngeren Kundinnen und Kunden, aber wir entwickeln Produkte für alle Altersgruppen. Unsere Logik ist: Wen wir heute mit einem kostenlosen, digitalen Konto überzeugen, der bleibt auch bei uns, wenn später komplexere Finanzentscheidungen anstehen – etwa Vermögensaufbau oder Kredite. In Ländern wie Irland sieht man das bereits: Dort nutzen mehr als 80 Prozent der Erwachsenen Revolut. Das sind nicht nur Studierende, sondern auch Menschen, deren Finanzen bereits fest organisiert sind. Im klassischen Bankensektor erleben wir gerade, wie sich UniCredit die Commerzbank sichert – ein Schritt hin zu größeren europäischen Bankengruppen. Direktbanken und Fintechs gibt es hingegen noch viele. Steuern wir auch hier auf eine Konsolidierung zu? Ich halte das für wahrscheinlich. Wenn man sich anschaut, welche Fintechs vor zehn Jahren gegründet wurden, sieht man: Manche haben sich stark weiterentwickelt, andere sind im Kernmarkt stecken geblieben. Es wird Zusammenschlüsse geben – wann und in welcher Form, ist offen. Aber die Logik spricht dafür, dass sich der Markt nicht dauerhaft mit einer Vielzahl kleiner, spezialisierter Anbieter trägt. Loading... Loading... Loading... Wie wird sich Revolut dabei schlagen? Revolut hat sehr früh nicht nur auf Großbritannien gesetzt, sondern auf Europa – und später auf globale Märkte. Wir haben unser Wachstum immer dort verstärkt, wo wir echte Nachfrage und Nutzung gesehen haben. Dadurch haben wir heute rund 75 Millionen Kundinnen und Kunden und etwa 13.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weltweit. Das ist im Vergleich zu vielen Großbanken sehr effizient und eine Marke, an der sich auch etablierte Player orientieren müssen. Zur Person Wiktor Stopa ist seit 2022 bei Revolut und verantwortet seit Anfang 2026 als Head of Growth für West- und Osteuropa das Wachstum in Schlüsselmärkten wie Deutschland, Frankreich, den Benelux-Ländern, Polen, sowie Zentral- und Osteuropa. Zuvor sammelte er weitere Erfahrung im europäischen Fintech-Markt, unter anderem bei Clark und Liqid. Sie sprechen davon, den Menschen ein besseres Verständnis für ihre Finanzen zu geben. Gleichzeitig bieten Sie auch komplexe Produkte an wie Derivate oder Private Markets, also Geldanlagen in nicht börsennotierte Werte. Wie passt das zusammen? Es passt dann zusammen, wenn man Transparenz ernst meint. Wir haben 75 Millionen Nutzer weltweit und entsprechend viele unterschiedliche Gründe, Revolut zu nutzen. Manche wollen einfach nur mit der Karte zahlen, andere wollen Geld anlegen und Vermögen aufbauen – und das möglichst mit der ganzen Produktpalette, die die Finanzwelt hergibt. Unsere Aufgabe ist es, den Kunden vor jedem Kauf verständlich zu machen, was sie tun. Was heißt das konkret? Wir erklären Produkte deutlich ausführlicher, als man es von klassischer Finanzwerbung kennt. Wir wollen nicht nur, dass jemand auf "Kaufen" drückt, sondern dass er weiß, was ein ETF ist, welche Unternehmen darin stecken und welche Risiken er eingeht. Wir müssen als Branche insgesamt weg von der reinen Abverkaufslogik, hin zu einem besseren Verständnis von Finanzprodukten. Können Sie ein Beispiel geben? Sie werden von uns zum Beispiel keine Werbung sehen, die einfach nur groß "5 oder 6 Prozent Zinsen" schreit, ohne die Bedingungen konkret zu nennen. Wir schreiben die Konditionen dazu, wir zeigen die Risiken. In der App arbeiten wir mit Lern-Sessions, Schritt-für-Schritt-Anleitungen und mehrstufigen Bestätigungen. Das macht unsere Arbeit nicht immer einfach, aber es reduziert das Risiko, Menschen in Produkte zu ziehen, die sie nicht verstehen. Klingt ja sehr selbstlos. Dann bieten Sie doch bestimmt auch das neue Altersvorsorgedepot an, mit dem die Bundesregierung deutschen Sparern eine zusätzliche Rente ermöglichen will. Wir sehen, dass sich unsere Kunden das wünschen. Die Frage ist aber: Wie tief ist das Thema bereits in der Mitte der Gesellschaft verankert? Die ersten Anbieter beginnen jetzt, das neue geförderte Vorsorgeprodukt massiv zu bewerben. Wir starten aber noch einen Schritt früher: den Menschen klarzumachen, dass ein Girokonto nichts kosten sollte. Wenn wir das geschafft haben und wenn die Kunden dann einen Überblick über ihre Einnahmen und Ausgaben haben und wissen, wie viel sie sparen können – dann kommt im dritten Schritt die Altersvorsorge. Also wird es am 1. Januar 2027 noch kein Altersvorsorgedepot bei Revolut geben? Die neue staatlich geförderte Altersvorsorge ist eine grundlegende Veränderung im deutschen Finanzsystem, und wir sind mit unserer Kundenzahl relevant genug, dass wir hier eine Verantwortung haben. Was ich sagen kann: Wenn Revolut etwas anbietet, dann mit dem Anspruch, die beste Produkterfahrung zu den besten Konditionen zu liefern. Auf einen genauen Zeitplan möchte ich mich heute noch nicht festlegen. Aber wir werden zum richtigen Zeitpunkt da sein. Wer seine Altersvorsorge wirklich verständlich, zugänglich und kosteneffizient gestalten will, der wird bei Revolut die richtige Plattform dafür finden.