Rhein-Dürre verhindert Deutschlands Chemie-Comeback
Eigentlich könnte die deutsche Chemieindustrie derzeit aufatmen. Der Krieg im Nahen Osten verändert die globalen Lieferketten: Weil Öltanker die Straße von Hormus nicht wie gewohnt passieren können, fehlen der asiatischen Chemieindustrie wichtige Rohstoffe. Gleichzeitig verteuert der gestiegene Ölpreis die Produktion und Ausfuhren. Die Folge spüren auch die europäischen Märkte. Weniger Chemikalien aus China kommen nach Europa – und deutsche Hersteller gewinnen dadurch wieder Spielraum. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) bestätigt den Effekt teilweise. Auch der Chemiekonzern Lanxess führt die gestiegene Nachfrage im zweiten Quartal auf die vorübergehenden Folgen des Nahostkonflikts zurück. Doch ausgerechnet jetzt trocknet der Rhein aus Der Hitze-Sommer grätscht damit ausgerechnet in den Moment, in dem die deutsche Chemie auf ein kleines Comeback hoffen kann. Denn die wichtigste Wasserstraße der Industrie führt immer weniger Wasser. Bei Köln wurden zuletzt historische Tiefstände gemessen. Vergangenen Donnerstag lag der Pegel bei gerade einmal 49 Zentimetern. Nach Einschätzung des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Rhein könnte er am Sonntag auf 47 Zentimeter sinken – deutlich unter den bisherigen Tiefststand von 69 Zentimetern aus dem Jahr 2018. Auf dem sonst stark befahrenen Strom sind deshalb kaum noch Schiffe unterwegs. Viele der wenigen Frachter fahren nahezu leer. ANZEIGE ANZEIGE „Die Schifffahrt wird sich von selbst einstellen“ „Die Schifffahrt wird sich von selbst einstellen“, sagt Markus Neumann vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein. Zwar dürfen die Schiffe noch fahren. Wirtschaftlich lohne sich das bei diesen Wasserständen aber kaum noch. Für die Industrie ist das ein enormes Problem. Der Rhein ist die zentrale Versorgungsroute für zahlreiche deutsche Chemie- und Grundstoffunternehmen. Wie schnell aus dem niedrigen Pegel ein wirtschaftliches Risiko werden kann, zeigt Covestro. Covestro leidet unter Rhein-Dürre Bei dem Chemiekonzern sind die Folgen bereits angekommen. Rund 75 Prozent der Lieferungen an die Standorte Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen kommen über die Binnenschifffahrt. Ein einziges Binnenschiff ersetzt dabei nach Angaben des Unternehmens rund 60 Lkw-Fahrten. Sinkt der Rhein, können die Schiffe weniger laden. Für die gleiche Menge an Rohstoffen sind dann mehr Fahrten nötig – oder die Unternehmen müssen auf Straße und Schiene ausweichen. Bei Covestro ist daraus inzwischen mehr als ein logistisches Problem geworden: Der Rohstoff- und Warenverkehr ist erheblich eingeschränkt. Für ausgewählte Produkte und Lieferverpflichtungen aus dem Werk Dormagen hat der Konzern deshalb Force Majeure erklärt. Damit beruft sich das Unternehmen auf außergewöhnliche, nicht von ihm kontrollierbare Umstände, die es vorübergehend daran hindern, bestimmte vertragliche Lieferpflichten zu erfüllen. In Dormagen stellt Covestro unter anderem Polyether-Polyole her, die etwa für Matratzen und zur Dämmung von Kühlschränken benötigt werden. Der Fall zeigt, wie schnell aus einem niedrigen Pegel ein wirtschaftliches Risiko wird: Fehlen die Transportkapazitäten, kommen irgendwann auch die Rohstoffe nicht mehr an. „Es gibt keine Alternativen“ Ein Ausweichen auf andere Verkehrsträger ist allerdings nur begrenzt möglich. Rund 285 Millionen Tonnen Güter werden jährlich über den Rhein transportiert. Allein die derzeit auf dem Fluss bewegten Mengen an Benzin und Diesel zu ersetzen, würde nach Einschätzung des Verkehrsexperten Thomas Puls vom Institut der deutschen Wirtschaft rund 3000 Tanklaster pro Tag erfordern. „Es gibt schlichtweg keine Alternativen“, sagt Puls gegenüber FOCUS online Earth. Denn auch die Bahn kann einen Ausfall des Rheins nicht vollständig auffangen. Die Rheinschiene ist stark ausgelastet, gleichzeitig laufen Bau- und Sanierungsarbeiten. Der Engpass lässt sich also nicht einfach umfahren. Niedrigwasser wird zum Kostentreiber Je weniger Wasser der Rhein führt, desto teurer wird der Transport. Die Frachtkosten für eine Tonne Tankerladung von Rotterdam nach Karlsruhe stiegen innerhalb eines Monats von etwa 45 auf 130 bis 140 Euro. Auch andere Industrieunternehmen spüren die Folgen. Bei Thyssenkrupp beeinträchtigt das Niedrigwasser die Rohstoffversorgung des Duisburger Werks, bei Evonik gibt es erste Auswirkungen auf die Produktion in Marl. Die Puffer sind begrenzt Die Unternehmen haben aus den Niedrigwasserperioden 2018 und 2022 gelernt: Sie halten größere Lagerbestände vor, planen Transporte frühzeitig um und setzen teilweise Niedrigwasserschiffe ein. Doch das funktioniert nicht unbegrenzt. Der Verband der chemischen Industrie warnt: „Das Extrem-Niedrigwasser bringt Logistik und Lieferketten zunehmend an ihre Grenzen.“ Noch sei die Versorgung nicht flächendeckend gefährdet – doch je länger der Rhein auf historischem Niedrigstand bleibt, desto größer wird das Risiko für die Produktion. Das Chemie-Comeback kommt zur schlechten Zeit Für die deutsche Chemieindustrie ist das besonders bitter. Nach Jahren mit hohen Energiepreisen und schwacher Nachfrage gibt es gerade wieder Chancen auf mehr Geschäft. Doch dafür müssen Rohstoffe ins Land und Produkte zu den Kunden.