Rhein vor traurigem Rekord: "So etwas habe ich noch nicht gesehen"
Rhein vor traurigem Rekord "So etwas habe ich noch nicht gesehen" Von Jakob Hartung Aktualisiert am 28.07.2026 - 16:06 UhrLesedauer: 5 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Große Hitze und wenig Regen lassen den Rheinpegel sinken. Das Niedrigwasser gefährdet Deutschlands Mini-Wachstum. Der Rhein steht kurz davor, seinen niedrigsten bekannten Wasserstand zu unterschreiten. Nach der Vorhersage der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) fällt der Pegel an der Messstelle Kaub bei Koblenz am Samstag auf 24 Zentimeter. Der bisherige Tiefstwert dort liegt bei 25 Zentimetern. In Duisburg-Ruhrort könnte der Rekord bereits am Freitag fallen: Dort erwartet die Behörde 152 Zentimeter, bislang lag die Marke bei 153. Beide Rekorde stammen aus dem Oktober 2018. Damals war der Wasserstand am Ende eines langen Trockensommers so weit gesunken. In diesem Jahr ist es bereits Ende Juli so weit. Ursachen sind das trockene Wetter der vergangenen Wochen und geringere Zuströme aus den Nebenflüssen und dem Bodensee. Ausflugsschiffe können viele Anleger nicht mehr ansteuern Am sichtbarsten sind die Folgen für Touristen und Reisende. Die Köln-Düsseldorfer Deutsche Rheinschifffahrt (KD) kann derzeit zehn Stationen zwischen Wesseling und Lorch nicht anlaufen. Dazwischenliegende Anleger werden teilweise weiter bedient. Acht Linienfahrten fallen nach Angaben des Unternehmens ganz aus. Auch für die Gäste an Bord ändert sich etwas. Weil einzelne Landebrücken sehr steil stehen, darf das Bordpersonal aus versicherungsrechtlichen Gründen beim Ein- und Ausstieg nicht helfen. Fahrräder und E-Bikes müssen die Fahrgäste selbst an Bord bringen, mobilitätseingeschränkte Gäste sind auf ihre Mitreisenden angewiesen. Andere Anbieter am Mittelrhein stellen ihr Angebot ebenfalls um. Die Bingen-Rüdesheimer Schifffahrtsgesellschaft kann einige Stationen nicht mehr anfahren und bietet die traditionsreiche Loreleyfahrt nur noch als Rundfahrt ohne Ausstieg an. Auch die Loreley-Linie musste ihr Angebot herunterfahren und bietet nur noch eine "Mini-Kreuzfahrt" von rund anderthalb Stunden an, die Route richtet sich nach dem Pegel. Im Video | Bis zu 40 Grad: Hitzewelle kommt mit voller Wucht Player wird geladen Für Städte wie Köln, in denen viele Kreuzfahrtschiffe anlegen, sei das ein spürbarer Schaden, sagt Ocke Hamann, Geschäftsführer der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer (IHK), zu t-online. Gemessen an der Gesamtwirtschaft bleibe der Ausfall im Tourismus aber ein verhältnismäßig geringer Faktor. Frachtschiffe transportieren nur einen Bruchteil der Ladung Deutlich größer sind die Folgen für den Güterverkehr. Güterschiffe dürfen nur so tief einsinken, wie die Fahrrinne es zulässt. Die meisten Schiffe können derzeit nur noch ein Drittel oder deutlich weniger mitnehmen, schätzt Hamann. Ein Frachter, der bei normalem Wasserstand 3.000 Tonnen laden könne, habe derzeit womöglich nur noch 800 oder 900 Tonnen an Bord, berichtete Lukas Kippel vom Logistikunternehmen RheinCargo dem ZDF. Amtlich gesperrt ist der Fluss nicht. "Die Schifffahrt fährt, solange es sicher möglich ist", sagte Fabian Spieß, stellvertretender Geschäftsführer beim Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt. Für dieselbe Warenmenge werden allerdings mehr Schiffe gebraucht, der Frachtraum wird knapp, und die Reedereien erheben sogenannte Kleinwasserzuschläge. Die Preise sind dadurch stark gestiegen. Ein Tankschifftransport von Rotterdam nach Karlsruhe kostete Ende Juni noch rund 45 Euro pro Tonne, inzwischen sind es nach Angaben von Händlern 120 bis 125 Euro. Über den Rhein laufen Getreide, Mineralien, Erze, Kohle und Ölprodukte wie Benzin. Aufgrund des Niedrigwassers im Rhein war in Luxemburg in der vergangenen Woche an zehn Tankstellen eines Betreibers zeitweise kein Kraftstoff verfügbar. Ökonomen rechnen mit Folgen für das Wachstum Volkswirte befürchten Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaftsleistung. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnet damit, dass die Effekte ausreichen, "um das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent zu dämpfen". Da viele Fachleute für die Sommermonate nur ein Wachstum von höchstens 0,2 Prozent erwarten, könnte die deutsche Wirtschaft damit stagnieren. Hamann geht weiter. Die Bundesregierung erwarte für dieses Jahr 0,5 Prozent Wachstum, und das Niedrigwasser habe das Potenzial, "das ohnehin schon Miniwachstum aufzufressen und Deutschland in die Rezession zu drücken". Wie teuer ein einzelner Sommer werden kann, hat BASF vorgerechnet. Der Chemiekonzern bezifferte den Schaden durch das Niedrigwasser 2018 auf 200 bis 250 Millionen Euro. Das entspricht mehr als fünf Prozent des Konzerngewinns in dem Jahr. Betroffen ist vor allem die Grundstoffindustrie, also neben Chemie auch Stahl, Mineralöl, Futtermittel und Baustoffe. Das seien schwere Ladungen, bei denen die Schiffe tief einsinken, sagt Hamann. Doch den Warenverkehr umzulenken, ist schwer. "Sie können einen Chemiepark oder ein Stahlwerk nicht mit dem Lkw versorgen", sagt er. Loading... Loading... Loading... Auf die Schiene lässt sich die Fracht auch nur begrenzt verlagern. Auf der rechten Rheinseite zwischen Bonn und Mainz läuft seit dem 10. Juli eine Korridorsanierung, die bis Dezember andauert; dort steht die Strecke für Güterzüge nicht zur Verfügung. Normalerweise fahren dort täglich 150 bis 200 Güterzüge. Halte das Niedrigwasser länger an, so Hamann, müssten große Industriebetriebe ihre Produktion drosseln oder aussetzen. Keine Besserung in Sicht Auch Konsumgüter kommen über den Rhein. In Nordrhein-Westfalen erreichen nach IHK-Angaben rund 25 Prozent der Waren im Supermarkt das Land per Binnenschiff, meist im Container. Mit Engpässen im Handel rechnet Hamann zwar nicht, wohl aber mit steigenden Transportkosten, die sich am Ende auch im Supermarkt bemerkbar machen. Bei vielen Reedern herrscht Alarmstimmung. "Sie sind im Krisenmodus", sagt Hamann. Ein Reeder habe ihm erklärt: "Ich mache das seit 45 Jahren. So etwas habe ich noch nicht gesehen." Besserung könnte erst Regen bringen. Danach sieht es aktuell nicht aus, doch ausgeschlossen ist eine schnelle Wende nicht. Zwei Tage kräftiger Regen ließen die Pegel rasch wieder steigen, sagt Hamann. 2022 habe es zur gleichen Jahreszeit eine ähnliche Lage gegeben, doch dann setzten Mitte August die Niederschläge ein, und die Lage entspannte sich. Bleiben August und September trocken, gilt das Gegenteil: 2018 begann es erst Anfang November richtig zu regnen. Die Branche geht aber davon aus, dass sich das Problem verstetigt. "Der Klimawandel wird dazu führen, dass Phasen mit Niedrigwasser künftig häufiger auftreten können", sagte Andreas Bartel vom Duisburger Hafen Duisport. Mehr Geld für Wasserstraßen – weniger für Schiffe Dafür zeichnet sich beim Geld eine Entlastung ab. Denn der Bund öffnet sein Sondervermögen Infrastruktur für Wasserstraßen. Insgesamt fließen dieses Jahr nach Angaben der IHK rund 1,7 Milliarden Euro. Doch nötig wären 2,5 Milliarden, um den Zustand der teils über hundert Jahre alten Schleusen und Anlagen zu erhalten. "Es muss genug Geld bereitgestellt werden – und das ist immer noch nicht der Fall", sagt Hamann. Die IHK fordert, das Geld gezielt für die Widerstandsfähigkeit der Wasserstraße einzusetzen. Um eine Vertiefung der Fahrrinnen gehe es dabei nicht, betont Hamann: Wo kein Wasser sei, helfe auch Ausbaggern nicht. Sinnvoll seien Maßnahmen an einzelnen Engstellen, die wie ein Flaschenhals wirken, sowie das Abschleifen bestimmter Felsen. Auch eine präzisere Steuerung der Schiffe durch Digitalisierung könne helfen, bei wenig Wasser weiterzufahren. Offen bleibt, wer die Schiffe bezahlt, die mit weniger Wasser auskommen. Unternehmen investierten stärker in flachgängige Schiffe, die auch bei niedrigen Ständen viel laden können, sagt Hamann – ein langsamer Prozess, weil Binnenschiffe fünfzig bis sechzig Jahre halten. Ausgerechnet bei der Förderung will der Bund sparen: Die Mittel für Flottenmodernisierung und Neumotorisierung sollen halbiert werden. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt kritisiert das und dringt darauf, den Punkt nach der Sommerpause im Bundestag neu zu verhandeln.