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Riesige Gaswolke im Weltall: Schwarzes Loch gibt sich als Stern aus

Wissenschaft

Roter Punkt im All Schwarzes Loch oder Stern oder beides? Stand: 17.08.2026 11:55 Uhr Auf den Aufnahmen des James-Webb-Teleskops ist es nur ein roter Fleck von wenigen Bildpunkten. Ein Forscherteam am MIT deutet ihn als Schwarzes Loch, umhüllt von einer Wasserstoffwolke, die etwa so groß ist wie unser ganzes Sonnensystem. Von außen wirkt das Gebilde wie ein gewaltiger Stern, im Inneren arbeitet es völlig anders. Der Fund erklärt womöglich eine ganze Klasse rätselhafter Objekte – und legt nahe, dass die Astronomie sich bei den Massen von frühen Schwarzen Löchern gründlich verschätzt hat. von Robert Rönsch, MDR WISSEN Der Fleck wirkt nicht viel größer als ein Staubkorn auf einer Fensterscheibe, umgeben von Tausenden Galaxien, die alle interessanter aussehen. Trotzdem steht dieser Fleck jetzt in der Fachzeitschrift "Nature", und Fachleute streiten darüber, ob er eine ganze Objektklasse erklärt, die seit drei Jahren Rätsel aufgibt. Was da leuchtet Das Wichtigste vorweg: Es ist ein Schwarzes Loch. Es sieht nur aus wie ein Stern. Ein Team um Rohan Naidu vom Massachusetts Institute of Technology deutet den Fleck so: In der Mitte sitzt ein Schwarzes Loch. Um es herum liegt eine gewaltige Wolke aus Wasserstoff. Wie groß diese Wolke ist, lässt sich am besten mit unserem Sonnensystem beschreiben. Sie reicht ungefähr so weit, wie der Pluto von der Sonne entfernt ist. Das Schwarze Loch in ihrer Mitte ist dagegen winzig: Sein Ereignishorizont misst je nach Masse sechs bis sechzig Millionen Kilometer. Das klingt gewaltig, ist gegenüber der Wolke aber nichts – die ist zweihundert- bis zweitausendmal so groß. Von außen sieht dieses Gebilde aus wie ein riesiger Stern. Innen arbeitet es völlig anders. Ein Stern ist eine Gaskugel mit einem "Ofen" im Kern: Wasserstoff verschmilzt zu Helium, das setzt Energie frei. Hier aber gibt es keinen Ofen, sondern einen "Abfluss". Materie stürzt auf das Schwarze Loch zu, reibt sich dabei auf und wird glühend heiß. Das ist weit ergiebiger als jede Kernverschmelzung – und deshalb strahlt der Fleck heller, als es ein Stern jemals könnte. Und warum rot? Bleibt die Farbe. Rot sind astronomische Objekte fast immer aus einem simplen Grund: Zwischen ihnen und uns liegt Staub, und Staub schluckt blaues Licht stärker als rotes. Genauso, wie der Rauch eines fernen Waldbrandes die Sonne rot färbt. Hier aber funktioniert diese Erklärung nicht. Es ist kein Staub im Spiel. Stattdessen macht das Gas die Arbeit selbst: Blaues Licht hat gerade genug Energie, um Wasserstoffatomen ihre Elektronen zu entreißen. Dabei wird es aufgebraucht. Rotes Licht schafft das nicht und kommt durch. Steht genug Gas im Weg, bleibt vom blauen Licht nichts übrig. Ein Zwitterwesen ist das Ganze übrigens nicht, auch wenn die Pressemitteilung des MIT von einem "Schwarzes-Loch-Stern" spricht. Weder in der Studie selbst noch bei den Fachleuten, die sie für 'Nature' eingeordnet haben, taucht dieser Ausdruck auf. Es bleibt ein Schwarzes Loch – nur eines, das sich hinter einer sternähnlichen Hülle versteckt. MoM-BH*-1 In der Studie trägt der Fund den Namen MoM-BH*-1. MoM steht für "Mirage or Miracle", Fata Morgana oder Wunder. So heißt das Beobachtungsprogramm, mit dem das Team eigentlich nach den allerersten Galaxien suchte – die Frage war, ob die auffallend hellen Flecken aus jener Zeit wirklich Galaxien sind oder eine Täuschung. Hier war es die Täuschung. BH steht für black hole. Das Sternchen dahinter ist eine Verbeugung vor Sagittarius A*, dem Schwarzen Loch im Zentrum unserer Milchstraße; dessen Entdecker wählte es, weil in der Atomphysik damit angeregte Zustände markiert werden und er seine neue Quelle ausgesprochen aufregend fand. Und die Eins am Ende bedeutet: Man rechnet fest mit einer Nummer zwei. Das eingefangene Licht von MoM-BH*-1 ist extrem alt. Es war 13,1 Milliarden Jahre zum James-Webb-Teleskop unterwegs. Es brach auf, als das Universum gerade mal 660 Millionen Jahre jung war – ein Zwanzigstel seines heutigen Alters. Wie man so etwas überhaupt herausfindet Man kann zu so einem Objekt nicht hinfliegen. Alles, was es gibt, ist Licht. Vier Werkzeuge helfen bei der Indentifikation. Ein Teleskop, das Wärme sieht. Auf dem Weg zu uns dehnt sich der Raum, und mit ihm dehnt sich das Licht. Was als sichtbare Strahlung aufbrach, kommt als Infrarot an – unsichtbar für das Auge, spürbar nur als Wärme. Ein solches Teleskop muss ins All und muss extrem kalt sein, sonst blendet es sich mit der eigenen Wärmestrahlung. Genau dafür wurde das James-Webb-Teleskop gebaut. Farbfilter. Das Teleskop fotografiert denselben Himmelsausschnitt nacheinander durch verschiedene Scheiben, die jeweils nur einen schmalen Wellenlängenbereich durchlassen. Neun solche Aufnahmen gibt es von diesem Fleck. In sechs davon ist schlicht nichts zu sehen. Dann, ab einer bestimmten Wellenlänge, ist er plötzlich da. Ein Spektrograf. Er macht mit dem Licht dasselbe wie ein Prisma mit einem Sonnenstrahl: Er fächert es zu einem Regenbogen auf. Darin liegt der Unterschied zu den Farbfiltern. Die liefern neun Momentaufnahmen, jede für einen ganzen Wellenlängenbereich. Der Spektrograf dagegen liefert Hunderte von Messwerten dicht an dicht, für jede einzelne Farbe einen eigenen Helligkeitswert. Das Webb-Teleskop hat dafür ein eigenes Instrument an Bord, und es hat viereinhalb Stunden lang auf diesen einen Punkt gehalten. Trägt man die Messwerte in ein Diagramm ein, entsteht eine Kurve: nach rechts läuft die Wellenlänge, von kurzwellig und bläulich hin zu langwellig und rötlich, nach oben die Helligkeit. Bei fast allen Himmelsobjekten verläuft so eine Kurve gemächlich. Sie steigt an, hat irgendwo einen Buckel, fällt wieder ab. Selbst Staub drückt das blaue Ende nur allmählich herunter, über einen weiten Bereich hinweg. Diese Kurve hier tut etwas anderes. Sie läuft lange flach und niedrig – und schnellt dann auf kürzester Strecke nach oben. Um zu beziffern, wie schroff dieser Übergang ist, misst man die Helligkeit in einem schmalen Streifen dicht vor der Kante und in einem ebenso schmalen dicht dahinter. Die beiden Streifen liegen keine drei Zehntel Mikrometer auseinander. Trotzdem kommt hinter der Kante etwa achtmal so viel Licht an wie davor. Diese Kante ist der eigentliche Fund. Kanten dieser Art kennt man auch von Sternen, dort entstehen sie in deren dichten Außenschichten. Aber selbst wenn man die Sternsorten so zusammenstellt, wie es günstiger nicht geht, bekommt man über dieselben beiden Fenster höchstens das Drei- bis Fünffache heraus. Knapp achtfach schafft keine Ansammlung von Sternen. Computermodelle. Der letzte Schritt ist der, der wohl das größte Fehlerpotenzial zurücklässt: Die Wissenschaftler haben kein Foto von einer Gaswolke gemacht. Sie haben am Rechner simuliert, welche Kombination aus Gasmenge, Dichte und Schwarzem Loch die gemessene Kurve am besten nachbildet – und dann die beste Übereinstimmung genommen. Das ist saubere Wissenschaft. Es ist aber etwas anderes, als "das Ding" wirklich gesehen zu haben. Was frühere Generationen gesehen hätten Reizvoll ist die Frage, was man aus genau diesen Bildern und Daten zu anderen Zeiten geschlussfolgert hätte, wenn es so etwas wie das James-Webb-Teleskop damals schon gegeben hätte. Und weitergedacht: ob man heute wohl schon bei der Weisheit letztem Schluss angelangt ist? Um 1900 war das Universum die Milchstraße, mehr nicht. Man hätte einen merkwürdig roten Stern in der Nachbarschaft notiert – und sich bei der Entfernung um etwa den Faktor eine Milliarde geirrt. Um 1940 wusste man, wie weit die Dinge da draußen entfernt sind und wie viel Energie Kernverschmelzung hergibt. Jetzt hätte der Widerspruch auffallen müssen: Das Ding strahlt zu hell für einen Stern. Nur galten Schwarze Löcher damals als mathematische Kuriosität, an die kaum jemand ernsthaft glaubte. Das wahrscheinlichste Urteil wäre gewesen: Da hat sich jemand vermessen. Um 1970 kannte man schon Quasare – ferne, punktförmige, extrem helle Objekte, die von Schwarzen Löchern angetrieben werden. Ein Astronom hätte damals wohl gesagt: punktförmig, sehr weit weg, sehr hell, rot vermutlich durch Staub. Ein Quasar. Fertig. Und das ist ein wichtiger Punkt dieser Geschichte. Dieser Astronom aus den 1970er-Jahren wäre zufrieden gewesen, und das in seiner Zeit völlig zurecht. Kein offener Widerspruch, kein Rätsel, eine Schublade, die passt. Was jetzt wackelt Seit das James-Webb-Teleskop 2022 in Betrieb ging, taucht auf fast jedem seiner Tiefenbilder dasselbe Ärgernis auf: winzige, knallrote Pünktchen aus der Frühzeit des Universums, die heute verschwunden sind, aber deren Licht man eben noch einfängt. Sie zu erklären, ist eine der meistdiskutierten Aufgaben der letzten Jahre. Drei bisherige Annahmen geraten nun ins Wanken. 1. Die Staub-Theorie. Die meisten Modelle gingen davon aus, dass die Pünktchen rot aussehen, weil Staub davorsteht. Dieser Fund zeigt: Es geht auch ohne. Das ist mehr als eine Detailfrage, denn aus der angenommenen Staubmenge hat man bisher auf Größe und Masse dieser Objekte geschlossen. 2. Die Stern-Theorie. Andere hielten die Pünktchen für erstaunlich massereiche, sehr kompakte Galaxien voller Sterne. Die gemessene Kante schließt das aus, schreiben auch zwei Fachleute, die den Fund für "Nature" unabhängig eingeordnet haben, in ihrem kommentierenden Artikel. 3. Die Massen von Schwarzen Löchern. Wie schwer ein Schwarzes Loch ist, liest man üblicherweise daran ab, wie stark die Spektrallinien verschmiert sind. Je breiter, desto schneller kreist das Gas, desto größer die Masse. In einer so dichten Wolke aber wird das Licht ständig gestreut, bevor es entkommt – und wird dabei ebenfalls verschmiert, ganz ohne hohe Geschwindigkeiten. Trifft das zu, wären die bisher ermittelten Massen früher Schwarzer Löcher bis zu hundertmal zu hoch. Das würde wiederum ein Rätsel entschärfen, das die Fachwelt seit Jahren umtreibt: dass die frühesten Schwarzen Löcher durchweg schwerer erscheinen, als sie in der verfügbaren Zeit hätten werden können. Ein Teil davon wäre dann schlicht ein Rechenfehler. Was an die Stelle tritt, ist die eigentliche These der Studie: MoM-BH*-1 soll kein Sonderling sein, sondern der Regelfall – nur ungewöhnlich klar zu sehen. Bei den übrigen roten Pünktchen liegt vermutlich das Licht einer gewöhnlichen Galaxie darüber und lässt sich nicht abtrennen. Hier fehlt es fast völlig, weil das umhüllte Schwarze Loch seine Heimatgalaxie vollständig überstrahlt. Stimmt das, sind die Pünktchen keine neue Objektklasse, sondern eine kurze, heftige Wachstumsphase junger Schwarzer Löcher. Und ihr Verschwinden im heutigen Universum wäre keine Merkwürdigkeit mehr, sondern das erwartbare Ende: Irgendwann ist der Gaskokon verbraucht. Und wie sicher ist das alles? All das ist keineswegs sicher. Aber eine schöne Erklärung. Nur bleiben eben Unsicherheiten. Es wurde ein einziges Objekt untersucht. Die Deutung stammt aus einem Modellvergleich, nicht aus einem Bild. Und niemand kann bislang erklären, wie eine solche Gashülle überhaupt stabil bleibt – müsste sie nicht eigentlich davonfliegen, wenn sie von innen mit dieser Wucht bestrahlt wird? Aufklären lässt sich das mit dem James-Webb-Teleskop allein ohnehin nicht. Die Forschung setzt auf die großen Radioteleskope der nächsten Jahre, wie das Square Kilometre Array in Südafrika und Australien, an dem auch das Deutsche Zentrum für Astrophysik in Görlitz beteiligt ist. Sie könnten messen, was selbst im Infraroten unsichtbar bleibt. Um zu sehen, wie schnell sich Deutungen ändern, muss man gar nicht ins Jahr 1900 zurückgehen. Die roten Pünktchen sind in drei Jahren dreimal anders erklärt worden: erst als unmöglich frühe Riesengalaxien, dann als staubverhüllte Schwarze Löcher, jetzt als Schwarze Löcher in Gaskokons. Was allen früheren Irrtümern gemeinsam war: Die Messungen stimmten. Unvollständig war die Liste dessen, was es im Weltraum alles geben kann. Die Frage ist auch diesmal nicht, ob sich jemand verrechnet hat. Wahrscheinlich nicht. Die Frage ist, ob auf unserer Liste des Weltrauminventars schon alles steht, was es gibt – oder ob in naher oder ferner Zukunft die Erkenntnisse von heute als völlig überholt gelten.

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