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Robert Habeck bei „Caren Miosga“: Der Erklärbär vom Nordpol

Nation

Gut ein Jahr ist es her, dass sich Robert Habeck aus der Politik zurückzog. Nun begibt sich der ehemalige Vizekanzler und Grünen-Chef zur besten Sendezeit ins Talkshow-Studio. Welches Zeichen will er damit setzen? Gründet er gar eine eigene Partei? Schon vorab brodelte die Gerüchteküche.

„Zerbricht die politische Ordnung, Herr Habeck?“, fragt Caren Miosga ihren Gast. Die ARD-Sendung vom Sonntagabend in der TV-Kritik.

Was macht der denn hier? Diese Frage werden sich wohl zahlreiche Fußballfans gestellt haben, die nach dem Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Griechenland am Sonntagabend etwas zu spät nach der Fernbedienung gegriffen haben. Der Mann, der ihnen plötzlich unverhofft aus dem Fernseher entgegenblickt, sieht Jürgen Klopp zwar ähnlich. Allerdings hat sich Robert Habeck, zumindest im Vergleich mit dem dauerpräsenten Bundestrainer, in den vergangenen Monaten beinahe versteckt.

Grüße vom Nordpol

Der ehemalige Wirtschafts- und Energieminister ließ sich zwar während des Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt blicken und absolvierte einzelne Auftritte hier und da. Doch die große Bühne betrat Habeck seit seinem Rückzug aus der Politik vor gut einem Jahr nicht mehr. Nun stellt er sich am Sonntagabend zur besten Sendezeit den Fragen von Caren Miosga. Warum bloß?

Zunächst einmal stellt der ehemalige Grünen-Chef klar, was er an diesem Abend nicht tun möchte: „Ich kann nicht mehr für die Grünen sprechen und will es auch gar nicht“, betont Habeck, von Miosga auf Äußerungen seines Parteifreunds Cem Özdemir angesprochen. „Ich will jetzt nicht über diese bekloppte Wärmepumpe die ganze Zeit reden“, ärgert er sich an anderer Stelle – über sich selbst. Denn es ist Habeck, der die „bekloppte“ Pumpe mehrfach anspricht.

Stichwort Wärmepumpe: Miosga drängt ihren Gast kaum zu Rechtfertigungen, etwa zu seiner Energiepolitik. Vielmehr lässt sie sich auf die Rolle ein, die Habeck für sich in Anspruch nimmt: die des Welterklärers. Er habe nach seinem Rückzug aus der Politik Abstand gesucht vom Berliner Politikbetrieb, erzählt er. Diese Suche habe ihn „bis zum Nordpol geführt“, von wo aus er die politische Entwicklung „von außen“ betrachte. Habeck, der Erklärbär vom Nordpol.

Es ist unverkennbar, wie sehr der ehemalige Vizekanzler seine neue Rolle genießt. Wenn Miosga ihn etwa nach der Ursache für den Aufstieg der AfD oder die abnehmende Ukraine-Unterstützung fragt, neigt Habeck nachdenklich den Kopf. Er spricht dann von Berufszweigen, die den Verwerfungen der Globalisierung ausgesetzt seien, von der sozialen Frage als Ursache der Verlustangst und von einem Zukunftsplan, der den Parteien der Mitte fehle. Und immer wieder fällt, leicht abgewandelt, dieser Satz: „Wenn ich noch einmal vom Nordpol aus auf Deutschland schauen darf …“

Habecks Lästerrunde

So gerne sich Habeck vermeintlich aus allem Parteipolitischen heraushalten würde, so bereitwillig nutzt er gleich mehrere Gelegenheiten, um gegen alte Konkurrenten zu sticheln. Es sei ein „hausgemachtes Problem“ der CDU, dass sich viele ihrer Wahlversprechen „als falsch erwiesen haben“, und Bundeskanzler Friedrich Merz habe seine Leute „offensichtlich gar nicht mehr“ hinter sich, sagt er etwa.

Überhaupt: Wen wundere es denn, dass sich Merz nach der Wahl zum Kanzler so verhalte wie vorher? Der sei „ganz schön hochgeschrieben“ worden, jedenfalls „für das, was er ist“, empört sich Habeck. Dass der CDU-Chef als Kanzler denselben „Stromberg-Vibe“ ausstrahle wie als Oppositionsführer, sei doch keine Überraschung.

„Höre ich da so ein ganz kleines bisschen Genugtuung?“, möchte Miosga wissen. Habeck bestreitet das. In seiner neuen Rolle beschäftige er sich „außerhalb dieser wichtigen und teilweise unwichtigen Debatten“, die in den einzelnen Ländern geführt würden, mit den „Wirkkräften“ der globalen Politik. Mit dem großen Ganzen also.

Ganz schön kleinkariert wirken da einige Aussagen aus einem „taz“-Interview, mit dem sich Habeck vor gut einem Jahr aus der Politik verabschiedet hat. Markus Söder „fetischhaftes Wurstgefresse“ vorzuwerfen und Bundestagspräsidentin Julia Klöckner eine „Fehlbesetzung“ zu nennen – „waren Sie da so verbittert?“, hakt Miosga nach. Habeck lächelt verschmitzt: „Das war das erste Interview der Freiheit. Da konnte ich mal sagen, was ist.“

Ob ihm das heute leidtue, fragt die Moderatorin. Mit breitem Grinsen im Gesicht antwortet Habeck: „Es war damals ein guter Moment für mich.“

Zurückgekommen, um zu bleiben?

Ein bisschen die Welt erklären – okay. Ein bisschen sticheln gegen Merz – nun ja. Aber wieso ist Habeck an diesem Abend eigentlich da? Diese Frage bleibt lange ungeklärt. Doch dann lenkt Miosga das Gespräch im letzten Viertel der Sendung noch einmal auf den hohen Norden. „Sie haben sich viel mit der Arktis beschäftigt“, gibt sie ihrem Gast das entscheidende Stichwort. Habeck, der zwischenzeitlich am Dänischen Institut für Internationale Studien tätig war, kann nun endlich wieder auf sein neues Lieblingsthema zu sprechen kommen.

Wie relevant die Arktis geopolitisch ist, stellt er überzeugend dar. So ganz erschließt sich allerdings weiterhin nicht, warum Habeck und Miosga ausgerechnet über dieses eher nischige Thema sprechen – bis Habeck sein neues Projekt erwähnt. Er habe seine Erkenntnisse über die Bedeutung der Arktis „in ein Buch gepackt“, das bald erscheinen werde, erzählt er.

Und plötzlich ergibt alles Sinn: der große Auftritt bei „Miosga“, die ständigen Anspielungen auf den Nordpol, das Gesprächsthema. Man tritt dem ehemaligen Grünen-Chef und Vizekanzler wohl nicht zu nahe, wenn man ihm unterstellt, an diesem Abend ein Ziel zu verfolgen: Dass wieder über ihn gesprochen wird – und vor allem über sein neues Buch.

Eines dagegen schließt Habeck aus: Er wolle keine neue Partei gründen, auch nicht mit Ex-Verkehrsminister Volker Wissing. Genau darüber wurde im Vorfeld der Sendung gemunkelt, was die Grünen-Bundestagsabgeordnete Ricarda Lang sogar zu einem Tweet veranlasst hatte, in dem sie sich über die Gerüchte lustig machte. Auf die Frage, ob er seiner Partei, den Grünen, treu bleiben werde, antwortet Habeck schlicht: „Ja.“

Eine Rückkehr in die Politik lässt er dagegen offen. Zwar beteuert er: „Das kann ich mir im Moment nicht vorstellen.“ Es gebe bei ihm keine Pläne, keine Strategie und kein Verlangen für eine Rückkehr, sagt Habeck. Das gelte für einen „langen Zeitraum“. Soll heißen: Nicht für immer.

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