Rockharz-Festival im Harz erfüllt Rollstuhlfahrer einen Traum
Inklusion Rollstuhlfahrer besucht Teufelsmauer beim Rockharz Stand: 07.07.2026 15:47 Uhr Beim Rockharz-Festival in Ballenstedt gehört Inklusion längst zum Konzept. Mit speziellen Angeboten und einem eigenen Inklusionscamp ermöglicht das Festival Menschen mit Behinderung besondere Erlebnisse – bis hin zu einem Ausflug auf die Teufelsmauer. von Swen Wudtke, MDR SACHSEN-ANHALT Der Flugplatz Asmusstedt bei Ballenstedt war vier Tage lang wieder in fester Hand der Metal-Fans – ist das Rockharz-Festival doch inzwischen zu einer deutschlandweiten Institution und Tradition geworden. Und die Macher scheinen, vieles anders bzw. richtig zu machen. Etwa mit dem Inklusionscamp, um Teilhabe auch für behinderte Menschen im immer weiterwachsenden Umfang möglich zu machen. Nach dem Unfall zurück ins Leben Was Barrierefreiheit auch für große Festivals bedeutet, weiß Gabor Schneider aus eigener Erfahrung. Einst stand er als Hardcore-Rocker selbst auf der Bühne – bis zum verhängnisvollen Sommer 2010. Vor 16 Jahren verunglückte der Rübeländer bei einem Badeunfall an der Ostsee – seither ist er halsabwärts gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Für das Energiebündel Gabor Schneider bedeutete es eine Vollbremsung von 100 auf null. Doch als "Mr. Wheelchair" kämpft er sich zurück ins Leben – und hat sichtlich Spaß daran. Mit dem Quad hinauf zum Gegenstein Am Rande des Rockharz-Festivals hat Gabor Schneider eine Mission: Ganz ohne Rollstuhl geht es hoch hinaus zum Großen Gegenstein – eine Felsformation der Teufelsmauer. Dafür wird der 42-Jährige von Unterstützern und von Kameraden des Malteser Hilfsdienstes transportfertig gemacht. Gekonnt hebt Sissy ihren Bruder aus dem Rollstuhl und rollt ihn auf eine Liege. Und die wiederum wird auf einem geländegängigen Quad arretiert. "Krasser Scheiß", meint Gabor Schneider, der zwar aufgeregt, aber voller Freude sei, "den Ausblick auf das Festivalgelände zu genießen." 500 Besucher nutzen das Inklusionscamp Das Rockharz-Inklusionscamp nutzen in diesem Jahr etwa 500 Besucher, erzählt Veranstalterin Daniela Glogner. "Wir haben Pflegecontainer mit Duschliege. Und diese ausrangierten Förderbänder aus einem Steinbruch helfen einfach, dass sich Rollstuhlfahrer besser fortbewegen können." Und Glogner spricht darüber hinaus von einer App, mit der "Sehbehinderte haptisch geführt werden zur Bühne oder Wasserstelle. Oder einfach, um sein Zelt wiederzufinden." Inzwischen geht’s für Gabor Schneider hoch hinauf zum Großen Gegenstein – das ist DER Rockharz-Pilgerfelsen. Rucklig und schaukelig ist die Fahrt schon, aber er habe keine Angst und fühle sich auf der Pritsche absolut sicher. Dabei schafft das geländegängige Quad Steigungen, die Gabor mit seinem Rollstuhl niemals hätte bezwingen können. Bis ganz zum Gipfelkreuz, das nur über Treppen und Stege erreichbar ist, schafft es der Malteser-Offroader allerdings nicht. Gabor meint auf seine unverwechselbare Art: "Den Rest laufe ich." Und Daniela an seiner Seite ergänzt mit "Klar, aufstehen und losgehen!", bevor beide zu feixen beginnen. "Inklusion soll gelebt und gezeigt werden" Viele Rockharz-Pilger jubeln Gabor zu, ja sie stehen beinahe Spalier, als er am Gegensteinfelsen ankommt. Seine Botschaft: "Inklusion soll gelebt und gezeigt werden." Und mit dem neu gegründeten Verein "Ungehindert dabei" wollen die Rockharz-Macher künftig andere Veranstalter in punkto Barrierefreiheit beraten und unterstützen. Daniela Glogner ist jedenfalls von diesem öffentlichkeitswirksamen Abenteuer überzeugt. "Durch das, was wir jetzt hier getan haben, haben wir ganz viele Menschen wieder darauf aufmerksam gemacht, was wir zu tun haben. Und man sieht ja, dass alle total begeistert sind und wir mit dem Thema, glaube ich, in der Gesellschaft offene Türen einlaufen." Ein Ausblick, der Gänsehaut macht Auch Björn Schulz aus Hamburg ist auf den Rollstuhl angewiesen und mit dem Inklusionskonvoi an den Gegenstein gekommen. Das riesige Festivalgelände zu seinen Füßen zu sehen, beschere ihm eine "richtig fette Gänsehaut. Das ist so krass." Und die Rockharz-Veranstalterin überlegt unterdessen, wie in den nächsten Jahren noch viel mehr beeinträchtigte Besucher erleben dürfen, was Björn und Gabor zuteilwurde. "Die kleine süße Stadt aus Campingwagen und Zelten da unten ist mega", meint Mr. Wheelchair aka Gabor Schneider. "Ich war jetzt drei Tage schon unten beim Festival, Musik hören und ein paar Bier trinken. Und jetzt darf ich das Ganze von oben nochmal sehen. Dass ich das noch erleben darf in meiner Situation, ist halt auch nicht selbstverständlich." Übrigens: Den Ritt zur Teufelsmauer während des Rockharz-Festivals betrachten Gabor und Melanie als eine Art Hochzeitsreise, sind doch beide ganz frisch verheiratet. Und während beide ihre Köpfe aneinander lehnen und mit all ihren Freunden und Unterstützern den Ausblick genießen, meint Gabor: "Musik ist mein Leben, und das hält mich auch am Leben. Und natürlich auch meine bezaubernde Frau. Ja, ich habe schon ein gutes Leben." MDR (Swen Wudtke, Axel Dedering, Christoph Dziedo)