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Rote Armee Fraktion: Im Eiscafé „Dolomiti“ griff die Polizei zu - und nahm eine Topterroristin fest

Nation

Audioplayer wird geladen Anzeige Die Polizei tat alles, um ihren Informanten zu schützen. Am Sonntag, dem 3. August 1986, sickerte aus Kreisen der hessischen Ermittler lediglich durch, ein „Hinweis aus der Bevölkerung“ sei entscheidend gewesen. Ein Gast der italienischen Eisdiele „Dolomiti“ in der Rüsselsheimer Innenstadt, so erfuhr WELT, habe am Samstag kurz vor 16 Uhr die gesuchte RAF-Terroristin Eva Haule am Nebentisch erkannt und die Polizei alarmiert. Aufgefallen seien die „konspirativen Umstände“, unter denen sich die mit Haftbefehl gesuchte 32-Jährige mit einem jungen Paar getroffen hatte: Immer wenn ein Kellner oder andere Gäste an ihrem Tisch vorbeigingen, verdeckten sie die Papiere auf ihrem Tisch eilig. Verdächtig eilig. Die drei hatten zwei Mineralwasser sowie einen Kaffee bestellt und rauchten selbst gedrehte Zigaretten. Gemeinsam beugten sie sich über eine handgezeichnete Skizze, leise sprachen sie miteinander. Anzeige Der Hinweis an die Rüsselsheimer Polizei wurde zunächst nicht allzu ernst genommen. Derlei gab es bei dieser Dienststelle öfter, und bisher war nie etwas dran gewesen. So gingen lediglich zwei Kriminalbeamte in Zivil am Ende ihrer Schicht in das Eiscafé und stellten sich an die Theke. Sie sahen das Gleiche wie der Tippgeber – und entschlossen sich zum Zugriff. Ein Augenzeuge berichtete, was geschah: „Die Polizisten warteten wohl, bis der Wirt mit einem Eiskaffee nach draußen ging. Als er zurückkam, waren die Terroristen schon überwältigt. Sie lagen bewegungslos und stumm bäuchlings auf den gelben Steinfliesen, ihre Hände mit Handschellen auf den Rücken gefesselt.“ Die Beamten zielten zudem mit ihren Dienstwaffen auf sie. Anzeige Eine berechtigte Vorsichtsmaßnahme, wie sich zeigte. Denn in der dunkelbraunen Handtasche, die die etwas ältere Frau bei sich trug, fanden sie eine durchgeladene „Sig-Sauer“ im Kaliber neun Millimeter, außerdem 80 Schuss Munition. Die Pistole stammte aus dem Überfall der RAF auf ein Waffengeschäft in Maxdorf bei Ludwigshafen am 5. November 1984. Lesen Sie auch Ein schneller Fotovergleich ergab, dass es sich tatsächlich um Eva Haule handeln könnte, was wenig später durch die Überprüfung der Fingerabdrücke bestätigt wurde. Sie war seit 1984 untergetaucht; eine Linksextremistin, die fraglos zur Kommandoebene der Terrorgruppe RAF gehörte. Das junge Paar waren zwei Hausbesetzer aus der Düsseldorfer linksextremen Szene, der 26-jährige Christian Kluth und die 23-jährige Luitgard Hornstein. Noch wussten die Beamten nicht, dass es sich um Terroristen-Nachwuchs handelte, organisiert in den „Kämpfenden Einheiten“. Denn erst die weiteren Ermittlungen ergaben, dass diese beiden zumindest beteiligt gewesen waren an einem Bombenanschlag auf ein Gebäude der Hightech-Firma Dornier am Bodensee in der Nacht zum 25. Juli 1986. In ihrem Bemühen, neue Unterstützer zu gewinnen, hatte die dritte Generation der RAF 1985 den deutschen Rüstungsmanager Ernst Zimmermann ermordet sowie einen Bombenanschlag auf die US-Militärbasis Rhein-Main verübt, was insgesamt drei Menschen das Leben gekostet hatte. Lesen Sie auch Beide Anschläge sollten wohl Linke mit Aversion gegen die westdeutsche Rüstungsindustrie und die US-Präsenz in der Bundesrepublik ansprechen. Das misslang weitgehend, weshalb die Kommandoebene der Terroristen mit dem nächsten Mord ein etwas anderes Klientel ihrer potenziellen Sympathisanten ansprach: Der Bombenanschlag auf den Physiker und Siemens-Vorstand Karl-Heinz Beckurts und seinen Fahrer Eckhard Groppler zielte, wenige Monate nach Tschernobyl, auf Atomkraft-Gegner. Die sichergestellte Skizze zeigte, das bekamen die Ermittler schnell heraus, das Bonner Entwicklungshilfe-Ministerium. Vielleicht sollte damit die Szene aus radikalisierten Drittwelt-Unterstützern angesprochen werden? Daraus wurde nichts, dank der Aufmerksamkeit des Informanten. Lesen Sie auch Um dessen Identität zu schützen, sagte Innen-Staatssekretär Hans Neusel zu, seinen Namen „aus den Unterlagen herauszuhalten“. Denn im Rechtsstaat genießen Verteidiger selbstverständlich Akteneinsicht – und die Gefahr war real, dass einer der mit den Mandanten meist sympathisierenden RAF-Anwälte weitergab, wer die Polizei informiert hatte. Mit Racheakten aus dem linksextremistischen Milieu musste jederzeit gerechnet werden, schon um weitere potenzielle Hinweisgeber einzuschüchtern. Vermutlich deshalb kursierten bald widersprüchliche Angaben, ob es nun ein Zufallsgast, ein Kellner oder gar der Inhaber des „Dolomiti“ selbst gewesen sei. Gern bestätigten die Behörden hingegen, dass er dafür 100.000 Mark kassierte – die Hälfte für Haule und je ein Viertel für jeden der beiden gewaltbereiten Hausbesetzer. Natürlich steuerfrei. Lesen Sie auch Linke Medien wie die „Frankfurter Rundschau“ empörten sich über das „Kopfgeld“, das zum Fahndungserfolg geführt habe. Als ob die Art der Festnahme etwas an den Taten der Terroristen relativiert hätte. Luitgard Hornstein wurde 1992 nach zwei Dritteln der verhängten Haftstrafe von neun Jahren wegen des Bombenanschlages am Bodensee entlassen, Christian Kluth wenige Monate später – er hatte zehn Jahre Haft bekommen. Eva Haule erhielt zunächst 15 Jahre Haft wegen des Überfalls in Maxdorf – ihre strafrechtliche Mitverantwortung stand durch die bei ihr sichergestellte Pistole fest – und wegen des versuchten Bombenanschlages auf die Nato-Schule in Oberammergau; ihre Fingerabdrücke hatten sich auf Unterlagen über die Ausspähung gefunden. Lesen Sie auch Wegen Informationen in zwei Kassibern von ihr, die 1993 bei einer anderen inhaftierten RAF-Terroristin gefunden wurden, gab es 1994 ein weiteres Verfahren gegen Haule. Dieses Mal wegen dreifachen Mordes und vielfachen Mordversuchs – des Attentats auf die Rhein-Main Air Base. Formal erhielt sie lebenslange Haft, kam jedoch schon nach 18 Jahren hinter Gittern in den offenen Strafvollzug und wurde nach insgesamt 21 Jahren 2007 auf Bewährung freigelassen. Glaubhaft distanziert hat sich Eva Haule von ihrer linksextremistischen Verstrickung niemals: Noch 2017 nahm sie zusammen mit dem RAF-Terroristen der zweiten Generation Christian Klar an der Beisetzung des früheren DDR-Verteidigungsministers und SED-Bonzen Heinz Keßler teil. Klar legte eine rote Rose nieder, Haule eine gelbe. Bei dem Informanten handelte es sich übrigens um den Wirt des Eiscafés. Er verließ Rüsselsheim noch im August 1986 – wenige Tage, nachdem er seine Belohnung bekommen hatte. Das „Dolomiti“ ist seit 2019 geschlossen: Das verschärfte Rauchverbot trieb den letzten Betreiber in die Insolvenz. Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Er befasst sich seit mehr als 30 Jahren mit linkem Terrorismus und politisch motivierter Gewalt. Zu seinen Büchern darüber zählen „Eine kurze Geschichte der RAF“ und „Der Stammheim-Prozess“.

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