Rotes Meer und Hormus: Krieg um Nadelöhre
80–90 Prozent der iranischen Ölexporte gehen nach China. Die USA testen in Hormus, wie man diese Route kappt. Auch Bab al-Mandab und Malakka bleiben verwundbar. Über dem Roten Meer hängen Rauchschwaden. Raketeneinschläge haben große Löcher in die Kommunikationsbrücke des Frachtschiffs Tihama gerissen. Auf dem Schiff kämpfen die Crewmitglieder ums Überleben. Als jemenitische Rettungskräfte eintreffen, feuern Mitglieder der radikalislamischen jemenitischen Miliz Ansarallah (im Westen besser als "Huthis" bekannt) weitere Raketen auf das Schiff. Insgesamt sterben an diesem Tag, es ist der 11. August 2026, drei Schiffsarbeiter aus Pakistan, ein Indonesier und zwei Jemeniten. Sie gehören der Miliz der National Resistance Forces an, die im Bürgerkrieg im Jemen gegen Ansarallah kämpft. Der Angriff in der Meerenge Bab al-Mandab, die das Rote Meer mit dem Indischen Ozean verbindet, hätte es wohl nicht in die internationale Berichterstattung geschafft, wäre er nur eine Auseinandersetzung zwischen jemenitische Kräften – allerdings ist die Ansarallah mit dem iranischen Regime verbündet und die jemenitische Regierung wiederum mit dessen Feind Saudi-Arabien. Die Saudische Königsdiktatur wiederum ist eng mit den USA verflochten, die nun schon fast seit einem halben Jahr Krieg gegen den Iran führen. International Bedeutung bekommen die Angriffe im Roten Meer aber vor allem, weil sie den ohnehin schon kriselnden internationalen Energiehandel weiter destabilisieren. Wie auch die Auseinandersetzungen um die Meerenge von Hormus, die rund 1500 Kilometer weiter östlich stattfindet, betrifft der Konflikt im Roten Meer vor allem den Handel mit Öl und Gas. Raketen auf den Ölhandel Die Bab al-Mandab-Meerenge ist das derzeit verwundbarste Nadelöhr der Schifffahrtsrouten von Europa nach Asien: Die Hauptroute für Frachtschiffe zwischen den Ländern der EU und Asiens verläuft vom Mittelmeer aus über den Suezkanal durch Ägypten und weiter übers Rote Meer, das an der Meerenge von Bab al-Mandab in den Indischen Ozean mündet. Wichtig ist das Nadelöhr am Roten Meer aber auch für die Ölfrachter, die von Saudi-Arabien aus Richtung Ost- und Südostasien fahren. Und auf genau jene Energieroute zielt die Ansarallah. Geeint sind Ansarallah und Iran nicht nur durch Ideologie – beide Kräfte sind radikal schiitisch ausgerichtet, sondern auch durch gemeinsame Feinde. Iran und die jemenitischen Aufständischen eint die Gegnerschaft zu den USA, Israel und zum wichtigsten Verbündeten des Westens in der Region: Der Öl-Monarchie Saudi-Arabien. Das Land ist neben dem Iran eines der gas- und ölreichsten Länder der Welt, was die beiden Regionalmächte zu Konkurrenten auf dem Energiemarkt macht. Saudi-Arabien findet sich in der aktuellen Situation in einem Zangengriff wieder: an seiner westlichen Küste, der zum Roten Meer, werden die saudischen Öltanker, die die materielle Basis der Regionalmacht begründen, von den Huthis attackiert. Im Osten, wo Saudi-Arabien an den Persischen Golf grenzt, sorgt das Scharmützel zwischen iranischen Kräften mit den USA ebenfalls dafür, dass die Durchfahrt für Tanker mit Energie aus saudischen Ölfeldern stockt. Energiekrieg gegen China Die Angriffe der Huthis auf den saudischen Ölhandel bedienen sich einfacher Militärtechnologie und sind trotzdem erfolgreich: Seit der am 20. Juli von den Huthis angekündigten Seeblockade gegen Saudi-Arabien ist der Verkehr im Roten Meer massiv zurückgegangen. Das Energie- und Datenanalyse-Unternehmen Kpler registrierte Ende Juli nur noch 24 kommerzielle Schiffe pro Tag – das sind nur rund ein Drittel der Durchfahrten, die vor Beginn der Huthi-Krise gezählt wurden. Der neuerlichen Angriffe dürften nun für weitere Verunsicherung sorgen. Dabei sind die Huthis freilich nicht der einzige Aggressor, der dem Welthandel derzeit Schläge versetzt. Noch in deutlich größerem Ausmaß tut das die Führung der USA unter Donald Trump. Der zielt vor allem auf China, von dem sich die schrumpfende US-Supermacht zunehmend in ihrer Vormachtstellung bedroht fühlt. Die USA haben gegen China einen regelrechten Energiekrieg gestartet, der auf die Schwächung der Volksrepublik in Schlüsseltechnologien zielt. "Wir befinden uns in einem KI-Wettrüsten mit China. Der einzige Weg, diesen Wettlauf zu gewinnen, besteht darin, mehr Strom bereitzustellen." Diese Worte stammen von US-Innenminister Douglas Burgum. Gesagt hat Burgum den Satz im Februar 2024 bei der Unterzeichnung eines Dekrets von Donald Trump für die Schaffung des National Energy Dominance Councils (NEDC). Die US-Führung weiß: Das Wettrennen auf den KI-Märkten wird nicht nur von findigen Entwicklern, Algorithmen und verfügbaren Krediten entschieden, sondern auch über das Stillen des immer größer werdenden Energiehungers von Rechenzentren. Washington hat im Energiewettrennen mit China zwei Waffen: Die eigenen Fracking-Bohrtürme und Gasplattformen – und die US-Army. Szenarien, wie die USA die Volksrepublik mittels Seeblockade von der Energiezufuhr abschneiden können, werden in Washington bereits seit längerem diskutiert, in der Seestraße von Hormus werden sie jetzt getestet. 80 bis 90 Prozent der iranischen Rohöl-Exporte gingen in den vergangenen Jahren nach China – und deckten dort immerhin rund zwölf Prozent der Rohöl-Importe. Weitere Blockaden wären ein Desaster Neben Hormus und Bab al-Mandab gibt es noch einen weiteren verwundbaren Energie-Knotenpunkt, der die chinesische Volkswirtschaft, die zwar über eigene Kohlekraftwerke, aber kaum über eigene Öl- und Gasvorkommen verfügt, verwundbar macht: Die Straße von Malakka. Sie verbindet den Indischen Ozean mit dem Südchinesischen Meer und ist für China besonders wichtig, da ein großer Teil der chinesischen Energieimporte über diese Route verschifft werden. Die Wasserstraße verläuft zwischen Indonesien, Malaysia und Singapur. Auch dort hätte ein Konflikt weitreichende internationale Konsequenzen, denn die Malakka-Meerenge ist nicht zuletzt auch für den maritimen Handel zwischen Asien und Europa bedeutend. Eine Blockade der Straße wäre für alle Beteiligten ein wirtschaftliches Desaster. Hormus und Bab al-Mandab sind ein Vorgeschmack darauf, welche Folgen ein Krieg um die Nadelöhre des weltweiten Energiehandels haben kann: Laut der internationalen Energiebehörde IEA lag die weltweite Ölversorgung nach Beginn der US-Angriffe auf Iran zeitweise täglich mehr als acht Millionen Barrel unter dem Vorkriegsniveau. Besonders hart traf die Krise in den vergangenen Monaten den Globalen Süden: In Afrika kam es zu Treibstoffknappheit und staatlichen Einsparungen: Die äthiopische Regierung rationierte die Dieselversorgung zeitweise um fünfzig Prozent. Der Süd-Sudan rationierte Strom, Mauritius verfügte zeitweise nur mehr über Heizölreserven von zwei Wochen. Ein noch größerer Schock blieb nur aus, weil China seine Öl-Importe massive zurückfuhr und auf die eigenen Ölspeicher zurückgriff. Doch auch die chinesischen Speicher sind erschöpfbar: Sollte in den Öl- und Gashandel im Roten Meer und am Golf von Hormus nicht bald wieder Schwung kommen, droht eine weltweite Rezession. Heißt Massenarbeitslosigkeit in der Industrie und in der Folge auch in anderen Bereichen. Nicht zuletzt auch die Düngemittelproduktion ist an die Gaspreise und die Verfügbarkeit des Brennstoffs gekoppelt, weil für die Herstellung von Stickstoffdünger viel Erdgas benötigt wird. Auch die weltweite Nahrungsmittelversorgung ist also durch das Hauen und Stechen an den Wasserstraßen gefährdet.