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Rückzug Russlands nur noch eine Frage der Zeit?

Welt

Startseite Politik Notstand, kein Benzin, kein Tourismus: Droht Russland der Rückzug von der Krim? Von: Christian Stör Uns auf Google folgen Die Ukraine bombardiert systematisch die Krim. Die Halbinsel ist weitgehend isoliert. Fachleute halten sogar einen russischen Rückzug für möglich. Moskau – Kiew hat ein klares Ziel: Die von Russland annektierte Krim soll von der Versorgung abgeschnitten werden. Tatsächlich hat sich nach den andauernden Angriffen im Ukraine-Krieg die Lage auf der Schwarzmeer-Halbinsel zuletzt deutlich verschärft. Am 26. Juni haben die von Moskau eingesetzten Behörden einen regionalen Notstand auf der Krim ausgerufen. Die Lage hat enorme Folgen. So wurde der Tourismusbetrieb eingestellt und die Ferienlager für Kinder wurden bis September geschlossen. Die Behörden begründeten dies mit Treibstoffmangel und Sicherheitsbedenken. Zudem verkaufen Tankstellen seit dem 21. Juni keinen Kraftstoff mehr an ​Privatpersonen und Unternehmen. Dies dürfte die ⁠Urlaubspläne zahlreicher Menschen durchkreuzen, für die die Krim ein beliebtes ​Sommerreiseziel ist. Das Drama um die Krim ist auch für Wladimir Putin ein Debakel. Die symbolische Bedeutung der Halbinsel ist kaum zu überschätzen. Krim ruft Notstand aus – Treibstoff wird zum Engpass Mittlerweile soll eine Söldnertruppe, die Gouverneur Sergej Aksjonow als Leibgarde dient, alle Öldepots sowie mehrere Speditionsbetriebe unter ihre Kontrolle gebracht haben. Das berichtet der russische Telegram-Kanal „VChK-OGPU“, der von Moskau als „ausländischer Agent“ eingestuft wird, aber in der Vergangenheit mehrfach belastbare Informationen aus russischen Regierungskreisen geleakt hat. Nach den Angaben des Telegram-Kanals hat sich der Anführer der Söldner – ein ehemaliger Kämpfer der Wagner-Gruppe – bei einer Befragung durch die Polizei auf einen Geheimbefehl zur „Vorbereitung von Reserven für den Fall einer Evakuierung“ berufen. Zudem sei bereits ein konkreter Evakuierungsplan ausgearbeitet worden, der bis zu 250.000 Menschen betreffen würde; darunter sind staatliche Organe, Behörden und Teile der Zivilbevölkerung. Offen bleibt laut dem Bericht, ob und wann der Plan umgesetzt wird und wohin die betroffenen Menschen gebracht werden sollen. Krim wird zur Insel: Drohnenangriffe treffen Strom und Wasser Der ukrainische Militäranalyst Oleksandr Kowalenko von der Gruppe „Information Resistance“ hält eine Evakuierung für „durchaus wahrscheinlich“. Gegenüber der Kronen Zeitung erklärte er die strategische Lage: „Das Asowsche Meer ist blockiert, und auch im Schwarzen Meer gibt es erhebliche Einschränkungen. Über der Krim sind ständig ukrainische Drohnen im Einsatz. Der Landkorridor durch Tschonhar und Armjansk ist ebenfalls bedroht. Tatsächlich bleibt nur noch die Kertsch-Brücke übrig.“ Solange diese Brücke befahrbar bleibt, würden die Besatzungsbehörden bei einem Evakuierungsbefehl versuchen, Familienangehörige des Verwaltungspersonals und geplünderte Wertgegenstände von der Halbinsel zu schaffen: „Alles, was aus der Krim herausgebracht werden kann, werden sie zu entwenden versuchen, und jeder, der die Möglichkeit hat, die Halbinsel zu verlassen, wird nach und nach abreisen“, so Kowalenko. Das russische Militär würde bei einer Evakuierung zunächst vor Ort bleiben, zunehmend aber in Bedrängnis geraten. Kein Strom, kein Treibstoff – die Infrastruktur auf der Krim bricht weg Die Folgen des anhaltenden ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffs auf die Krim-Infrastruktur sind spürbar: So viele Öldepots wurden beschädigt, dass auf der Halbinsel Treibstoff knapp geworden ist. Nach Informationen des Kyiv Independent ist inzwischen die Hälfte der Krim ohne Strom. Der Gouverneur von Sewastopol, Mikail Raswoschaew, räumte ein, dass die instabile Stromversorgung zu Problemen mit dem Wasserdruck geführt habe. Auch auf der Kertsch-Brücke, die die Halbinsel mit dem russischen Festland verbindet, wurden Einschränkungen verhängt: Mehr als 2000 Fahrzeuge warteten auf die Überfahrt – mit einer Wartezeit von rund fünf Stunden. Der Fähr- und Passagierverkehr über die Bucht von Sewastopol wurde zeitweise vollständig eingestellt. Die Krim Obwohl die Krim weiterhin international als ukrainisches Territorium angesehen wird, betrachtet Russland die Halbinsel im Schwarzen Meer als sein Staatsgebiet. Nach der jahrhundertelangen Herrschaft der Krimtataren und des Osmanischen Reiches ließ Zarin Katharina die Große die Krim 1783 „für alle Zeiten“ annektieren. 1954 machte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow die Halbinsel zu einem Teil der Ukrainischen Sowjetrepublik. Seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 gehört die Krim zur unabhängigen Ukraine – und birgt bis heute Konfliktpotenzial. Auf den Sturz einer gewählten prorussischen Regierung 2014 reagiert Moskau nach einem umstrittenen Referendum mit der vom Westen als völkerrechtswidrig verurteilten Annexion der Halbinsel. Moskau hat auch danach in der größten Stadt Sewastopol durchgängig den Heimathafen der russischen Schwarzmeerflotte. Das war vertraglich mit Kiew geregelt. Ex-US-General: „Die Krim ist der entscheidende Schauplatz“ Besonders pointiert bewertet der frühere Kommandeur der US-Armee in Europa, General a.D. Ben Hodges, die Lage. In einem Interview mit der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform beim Sicherheitsforum GLOBSEC in Prag sagte er: „Die Krim ist der entscheidende Schauplatz, der Brennpunkt dieses Krieges. Und welche Seite auch immer die Krim kontrolliert, wird den Krieg gewinnen. Ich kann mir kein Ende des Krieges und keine Herstellung eines langfristigen, nachhaltigen Friedens vorstellen, solange Russland die Krim weiterhin kontrolliert.“ Hodges skizzierte eine klare Strategie zur Isolation der Halbinsel: Zunächst die Versorgungswege kappen, dann die Halbinsel militärisch unbrauchbar machen – und schließlich russische Kräfte zum Rückzug zwingen. Die Kertsch-Brücke sieht er als unvermeidliches Ziel: „Diese Brücke wird früher oder später fallen, so stelle ich mir das vor.“ Er betonte dabei die wachsende Rolle der ukrainischen Drohnen und Präzisionswaffen: Russische Öl- und Gasexporte zu zerstören sei der Kern der ukrainischen Siegesstrategie – denn ohne Einnahmen könne Russland den Krieg immer schwerer finanzieren. Vergleich mit Cherson: „Nur eine Frage der Zeit“ Das Ziel Kiews ist unmissverständlich formuliert. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow erklärte vergangene Woche, dass die Krim durch die Drohnen isoliert worden sei. Die Halbinsel werde sich schon bald in eine Insel verwandeln. Militäranalyst Kowalenko zog im Gespräch mit der Krone einen historischen Vergleich: Ähnlich wie russische Truppen 2022 am rechten Ufer des Dnepr in der Region Cherson einen zunehmend isolierten Brückenkopf hielten, bis die Ukraine schließlich durchbrach, könnte sich die Lage auf der Krim entwickeln. Sein Fazit: „Es ist nur eine Frage der Zeit.“ (Quellen: Telegram-Kanal „VChK-OGPU“, Krone, Ukrinform, Kyiv Independent, t-online) (cs)

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