Rudolf Stichweh: Wer liest populärwissenschaftliche Texte?
Pünktlich zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag, den er am 26. August feiert, hat der Bonner Soziologe Rudolf Stichweh einen Aufsatz vorgelegt, über den wir schon darum berichten müssen, weil er, ohne sie ausdrücklich zu nennen, auch von den Wissenschaftsseiten dieser Zeitung handelt.
In einer breiten, historisch vergleichenden Perspektive behandelt Stichweh die verschiedenen Versuche, die moderne Naturwissenschaft ihren Laien nahezubringen. Das entsprechende Sendungsbewusstsein folgt für ihn daraus, dass wissenschaftliche Wahrheiten nicht nur für diejenigen gelten, die sie jeweils herausgefunden haben, sondern für jedermann. Das wissenschaftliche Wissen kennt also keine von der Sache her notwendigen Grenzen seiner sozialen Verbreitung. Es ist kein Geheimwissen, das durch Weitergabe an Uneingeweihte nur profaniert werden könnte.
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Die für Stichweh ergiebigste Frage an die populäre Darstellung der Wissenschaft ist die nach ihrem Publikum. Es liegt nahe, hier an die breite Öffentlichkeit zu denken, und so hatten es schon die Aufklärer gesehen. Zusätzlich dazu nennt Stichweh aber auch die Leser der naturwissenschaftlichen Schulbücher. Und dann natürlich die Politiker, die über ein ihnen undurchsichtiges Thema zu entscheiden haben und dabei nach sachlichen Anhaltspunkten, Schutz vor Blamagen oder Fluchtwegen aus der politischen Verantwortung suchen.
Kein Anspruch auf anstrengungslose Verständlichkeit
All dies sind wichtige Adressatengruppen, und auf jede von ihnen zielt eine eigene Textgattung – von unterhaltsam geschriebenen Forschungsberichten über lehrbuchartige Darstellungen bis zu wissenschaftlichen Gutachten oder regelmäßig erneuerten Lageberichten, wie man sie vor allem aus der Klimaforschung kennt.
Eine weitere Zielgruppe der populär dargestellten Wissenschaft ist weniger leicht zu erkennen. Stichweh zufolge sind es die Wissenschaftler selbst. Als Spezialisten für jeweils eine wissenschaftliche Disziplin gehören auch sie zu den Laien – nämlich für alle jeweils anderen Disziplinen. Auch der Chemiker, der sich über die neueren Entwicklungen in der Physik informieren möchte, braucht dafür jemanden, der in der Lage ist, sie den Nichtphysikern zu vermitteln. Für den, der solche Vermittlungsdienste erbringen soll, ist das eine günstige Lage.
Denn unvertraut sind diese Leser ja nur mit dem jeweils darzustellenden Spezialgebiet, nicht aber mit Wissenschaft schlechthin. Es wird ihnen daher fernliegen, bei voraussetzungsreichen Theorien auf rascher und anstrengungsloser Verständlichkeit zu beharren oder im Gebrauch einer wissenschaftlichen Fachsprache immer nur Imponiergehabe zu sehen. An die gedanklichen und sprachlichen Zumutungen der Wissenschaft aus ihrer eigenen Forschungspraxis gewöhnt, kann man ihnen deutlich mehr abverlangen als anderen Lesern.
Stichweh schließt daraus, dass die Höchstleistungen einer zugleich sachgerechten und lesbaren Darstellung nicht primär in den Wissenschaftsredaktionen der großen Tageszeitungen vollbracht werden können, die sich auf vergleichsweise engem Raum an ein breites Publikum wenden, sondern in großzügiger ausgestatteten Zeitschriften wie „Science“ oder „Nature“, die nahezu ausschließlich von Wissenschaftlern gelesen werden. Die Aufsätze, die sich im Hauptteil dieser Zeitschriften finden, entstammen sehr verschiedenen Disziplinen, und die meisten ihrer Leser werden sie unverständlich finden. Zum Ausgleich dafür gibt es in jeder Ausgabe auch einen allgemeinen Teil, der in einer anspruchsvollen, aber wissenschaftsweit verständlichen Sprache über neuere Entwicklungen in den verschiedenen Disziplinen oder in ihrem Verhältnis zu Gesellschaft und Politik informiert; und auch Übersetzungen in diese Sprache in Form kommentierender Einführungen in ausgewählte Fachartikel der jeweiligen Ausgabe gehören dazu.
Aber nicht nur im Publikum der populär dargestellten Wissenschaft, auch unter ihren Autoren spielen neben den Wissenschaftsjournalisten auch die Wissenschaftler selbst eine maßgebliche Rolle. Das gilt natürlich für die Anfänge der modernen Wissenschaft, in denen die Forscher sich noch zugleich an die Fachkollegen und an das gebildete Publikum wenden konnten. Aber auch heute noch finden sich exzellente Wissenschaftler, die sich anstelle von eigener Forschung oder nach dem Rückzug aus ihr darauf verlegen, auflagenstarke Sachbücher über ihr jeweiliges Themengebiet zu verfassen.