Russisches Haus: Polizei bei Einsatz gegen Henry Lindemeier zu brutal?
Ukraine-Unterstützer Lindemeier
Ermittlungen gegen Polizisten nach Einsatz am Russischen Haus
Von Lars Wienand
Aktualisiert am 05.09.2026 - 18:32 UhrLesedauer: 4 Min.
Zwischen fröhlichem Anstoßen mit Sekt und hartem Aufschlag auf dem Boden lagen wenige Augenblicke: Die Berliner Polizei beendet ein Treffen von Gegnern des Russischen Hauses mit Gewalt, als diese bereits dabei waren, zu gehen.
Polizeieinsätze gegen pro-ukrainische Demonstranten am Russischen Haus in Berlin am Freitag haben neue Diskussionen über das Vorgehen der Polizei dort ausgelöst. Das Landeskriminalamt (LKA) ermittelt nun in den Reihen der Polizei wegen möglicher Körperverletzung im Amt. Ihr Vorgehen könnte nicht mehr verhältnismäßig gewesen sein. Videobilder decken sich kaum mit der Presseerklärung der Polizei
Videoaufnahmen zeigen, wie Beamte gegen den Aktivisten Henry Lindemeier rabiat vorgehen, der seit 2024 regelmäßig dort demonstriert, sowie gegen seine Partnerin. Beide wurden zu Boden geworfen, bei ihr wurde danach ein Bruch des Handknochens im Krankenhaus festgestellt.
Die Szenen ereigneten sich im Zusammenhang mit einer Demonstration aus dem BSW-Umfeld, die unter dem Motto "Brücken statt Mauern" zur Solidarität mit dem Russischen Haus stattfand. Es gab mehrere Gegendemos und eine Dauerkundgebung unter dem Motto "Russisches Haus schließen". Die Einsätze erfolgten wenige Tage, nachdem t-online in einem Bericht fragwürdige Verfahren gegen Gegner des Russischen Hauses öffentlich gemacht hatte.
Am Freitagabend wurde Lindemeier zweimal festgenommen. Am frühen Abend hatte die Polizei ihn sechs Minuten nach seiner Ankunft vor dem Russischen Haus neben einer Gruppe von pro-ukrainischen Demonstranten weggeschubst. Der für Lindemeier in der Vergangenheit tätige Anwalt Christian Wolf kündigte an, diese Maßnahme der Polizei hinsichtlich ihrer Rechtmäßigkeit gerichtlich klären zu lassen. Die Polizei hatte bereits nach einem früheren Einsatz einräumen müssen, dass eine Festnahme und erkennungsdienstliche Behandlung Lindemeiers rechtswidrig war.
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Lindemeier hatte nach seiner Darstellung eine Einzelkundgebung abhalten wollen: Eine einzelne Person muss eine Versammlung nicht anmelden. Diese Kundgebung wurde ihm verwehrt. Daraufhin erklärte er nach Darstellung von Zeugen aus seinem Umfeld, er gehe sofort, wenn ihm formal ein Platzverweis erteilt werde.
Dazu kam es aber nicht. Die Polizisten schubsten ihn, wie in dem Video zu sehen ist, führten ihn um das Gebäude und nahmen ihn zu einer erkennungsdienstlichen Behandlung mit auf eine Polizeiwache.
Als er wieder auf freiem Fuß war und nach Ende der eigentlichen Versammlungen mit einer Gruppe Bekannter erneut vor dem Gebäude stand. Anwalt Wolf spricht von "verstörenden Bildern" und "einer Polizei, vor der man als Bürger Angst haben muss. Oder soll."
Die Stimmung war offenbar zunächst fröhlich ausgelassen. Die Gruppe hatte eine Sektflasche geöffnet und sich vor dem Gebäude der Einrichtung der russischen Regierung Gläser eingeschenkt, wie Videos zeigen. Nach zweieinhalb Jahren des Protests gegen das Russische Haus sollte dort ein Foto entstehen, weil die Bundesregierung in der vergangenen Woche die Schließung beschlossen hatte.
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Mehrere Beamte kamen dann hinzu. Die Polizei sah in der Aktion offenbar eine nicht angemeldete Versammlung. Während Lindemeiers Bekannte schon im Aufbruch begriffen waren und auch dazu drängten, prostete er in Richtung des Hauses. Als er Augenblicke später Videoaufnahmen zufolge auch gehen wollte, eskalierte die bis dahin friedliche Situation. Ein Polizist stoppte ihn. Ein anderer hielt für ihn Sektflasche und Glas, Lindemeier sollte offenbar seine Papiere zeigen. Lindemeiers Lebensgefährtin trat ein paar Schritte auf ihn zu und wollte ihn offenbar wegziehen, sie rief: "Das ist mein Partner."
Unvermittelt wurde sie dann von einem Polizisten offenbar auf den Boden geworfen, wie in einem Video zu sehen ist. In dem Video ist der Ruf zu hören: "Ey, was soll das?" Ein Polizist sagt dann zu ihr "SIe haben mich gerade geschlagen". Zumindest auf Videos ist ein Schlag nicht zu erkennen. Dort sind ihre Ausrufe zu hören: "Ich habe Sie nicht geschlagen."
Eine andere Perspektive zeigt, dass Lindemeier aufgebracht in Richtung seiner Freundin geht, aber von einem Polizisten gestoppt und mehrere Meter weggeschoben wird. Dann schubst ihn der Polizist in Richtung einer Wand des Gebäudes, er stürzt dagegen und fällt zu Boden.
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Die Polizei schildert die Situation etwas anders: Lindemeier sei "nach dem Wegschieben durch einen Beamten zu Boden gefallen". Seine Personalien hätten aufgenommen werden sollen, weil er "sich durch Redebeiträge hervorgetan und die Maßnahmen lautstark kritisiert haben soll", so die Polizei.
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Die Polizei Berlin ermittelt nun gegen Lindemeier und seine Freundin und gegen mindestens einen der beteiligten Polizisten. Eine Sprecherin konnte nicht sagen, gegen wie viele Beamte ermittelt werde. Den Ukraine-Unterstützern wird Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und tätlicher Angriff auf Polizeikräfte vorgeworfen. Lindemeier wurde ein weiteres Mal auf die Polizeiwache mitgenommen, er kam aber noch in der Nacht frei.
Während die Polizei erklärt, Lindemeiers Freundin habe eine ärztliche Versorgung abgelehnt, wurde sie tatsächlich von einem Krankenwagen in eine Klinik gebracht. Dort ist nach Angaben aus Lindemeiers Umfeld der Bruch des Handknochens festgestellt worden.
Gegen Lindemeier und seine Unterstützer sind wegen seiner Proteste am Russischen Haus schon 92 Verfahren eingeleitet worden, von denen bisher keines zu einer Verurteilung geführt hat. In drei Fällen kam es aber zu Freisprüchen, in einem Fall zur Rücknahme eines Strafbefehlsantrags. Deshalb gibt es bereits Vorwürfe gegen Ermittlungskräfte. Die Bilder der Einsätze am Freitag befeuern das nun.