Russland bombt, und Trump erhöht den Druck auf Kiew
Die Ukraine sieht sich seit der Verkündung einer Energie-Waffenruhe durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump massiven russischen Angriffen auf das Energiesystem ausgesetzt. Gleichzeitig üben die USA verstärkten Druck auf die Ukraine aus. Bei den Angriffen in der Nacht zum Mittwoch setzte Russland nach ukrainischen Angaben 39 ballistische Raketen und mehr als 120 Kampfdrohnen ein. Die ganze Nacht über waren in Kiew laute Explosionen zu hören. Getroffen wurden alle drei Heizkraftwerke in der Hauptstadt. Stromausfälle waren die Folge, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von „erheblichen Schäden an 26 Standorten des Stromnetzes“. Drei Zivilisten kamen ums Leben.
Bei der Abwehr der Angriffe hatten die Ukrainer mit mehreren Problemen gleichzeitig zu kämpfen. Zum einen fehlt es der Luftverteidigung noch immer an Abfangraketen für Flugabwehrsysteme vom Typ Patriot. Zum anderen blieben abermals Warnungen vor dem Start der ballistischen Raketen aus. Bereits nach einem Raketenangriff am Montagabend hatte Selenskyj „ausgebliebene Warnungen durch westliche Partner“ beklagt. Seine Beschwerde führte zu großer Beunruhigung in der Ukraine. Viele vermuteten, Selenskyj spiele mit der Formulierung „westliche Partner“ auf die Amerikaner an.
F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen
F.A.Z. bei Google bevorzugen
Westliche Partner warnen Kiew normalerweise, wenn sie russische Raketenstarts feststellen. Dann kann die Ukraine Luftalarm auslösen, damit sich die Menschen rechtzeitig in Sicherheit bringen können.
Auf amerikanische Aufklärung angewiesen
In der Ukraine befürchtet man eine Unterbrechung der Übermittlung von amerikanischen Geheimdienstinformationen. Eine solche hatte es bereits im März 2025 nach einem Zerwürfnis zwischen Trump und Selenskyj im Weißen Haus für eine Woche gegeben. Medienberichten zufolge sollen Trumps Verhandler der ukrainischen Delegation bei Gesprächen am Wochenende in Miami abermals mit einem solchen Szenario gedroht haben. Am Dienstagabend äußerte Selenskyj nach den ersten Einschlägen in Kiew, es sei „ungerecht, dass die Ukraine keine Warnungen vor ballistischen Raketenstarts“ erhalten habe.
Warum die Warnungen ausblieben, ist unklar. Denkbar sind auch technische Ursachen. Nicht immer lassen sich die Abschüsse ballistischer Raketen zuverlässig detektieren. Trump hatte am Dienstag gegenüber Reportern gesagt, man übermittle weiterhin Aufklärung an Kiew. Auch der Sprecher der ukrainischen Luftstreitkräfte sagte am Mittwochmorgen, nach der ersten Angriffswelle (ohne Warnungen) sei man von den Partnern wie üblich vor dem Einsatz ballistischer Raketen gewarnt worden.
Starlink funktioniert nur noch eingeschränkt
Es gibt aber weitere Indizien dafür, dass Washington den Druck auf Kiew erhöht. Mittwoch früh machten einflussreiche ukrainische Militärblogger bekannt, dass Satelliteninternetempfänger der Firma Starlink nicht mehr funktionieren, sobald sie sich mit einer bestimmten Geschwindigkeit bewegen. Diese Maßnahme habe Drohnenmissionen behindert und sei zuvor nicht kommuniziert worden, schrieb etwa Selenskyjs Innovationsberater Serhij „Flash“ Beskrestnow.
Hinter dem Satelliteninternet Starlink steht die von Elon Musk gegründete Firma SpaceX. Die neuen Einschränkungen betreffen offenbar die Abonnements für militärische Zwecke mit der Bezeichnung Starshield, die nach Angaben von SpaceX direkt von der amerikanischen Regierung kontrolliert werden. Musk hat sich schon mehrfach in den Ukrainekrieg eingemischt. Am Wochenende stimmte er in Trumps Kritik an Selenskyj ein und schrieb auf seiner Plattform X, der ukrainische Präsident sei „zu weit gegangen“. Starlink-Empfänger sind für sogenannte „Middlestrikes“ essenziell, also für Drohnenangriffe auf Ziele, die mehr als 20 Kilometer hinter der Frontlinie liegen. Die Ukrainer greifen auf diese Weise nur Ziele in den besetzten Gebieten an, über russischem Gebiet schalten die Empfänger sich automatisch ab. Auch bei der Abwehr von russischen Düsendrohnen kommen Starlink-Empfänger zum Einsatz.
Selenskyj fordert amerikanische Maßnahmen
Selenskyj rief Washington zu entschlossenen Maßnahmen gegen Moskau auf. Er sprach wegen des Großangriffs auf das Energiesystem von einer „demonstrativen Missachtung der USA“ durch den Kreml. Russland habe die „Chance zur Deeskalation vertan und sich entschieden, seinen wahnsinnigen Vernichtungskrieg fortzusetzen“. Er forderte harte Sanktionen, Trump verfüge „über ausreichende Instrumente“. Er rief den Amerikanern außerdem den Grundsatz des früheren US-Präsidenten Ronald Reagan (1981 bis 1989) in Erinnerung, wonach Frieden durch Stärke zu erreichen sei.
Zuvor hatte Selenskyj alles versucht, um Trumps unabgestimmte Verkündung einer Energie-Waffenruhe am Sonntagabend zum eigenen Vorteil zu nutzen. Er lobte Trumps Vorstoß und zeigte sich bereit, auf Angriffe auf russische Raffinerien zu verzichten, sollte Russland das ukrainische Energiesystem nicht attackieren. Seit Montag hat es keine neuen Angriffe auf russische Raffinerien gegeben.
Russland aber lehnt jede Waffenruhe ab. „Ich glaube nicht, dass er eine Atempause verdient hat“, sagte Außenminister Sergej Lawrow am Montag über Selenskyj. Präsident Wladimir Putin habe klar gesagt, dass man die „Ziele der speziellen Militäroperation“, des Angriffskriegs, erreiche. „Wir haben uns vor niemandem zu rechtfertigen“, hob Lawrow hervor.
Moskaus Militär brüstet sich mit Treffern
Russlands Militär brüstete sich indes offen damit, ukrainische Ziele mit Raketen und Drohnen getroffen zu haben. Am Mittwoch zählte die Streitkraft unter anderem vier Heizkraftwerke in und um Kiew auf. Deutlich wurde, wie sich Moskau durch Trumps jüngstes Zugehen auf Putin bei der Abmachung zur Ausfuhr russischen Diesels und die Forderung an Kiew, Schläge gegen russische Raffinerien einzustellen, ermutigt sieht. Russland sieht sich dadurch in einer Position der Stärke.
Putins Sprecher sagte nun über die Berichte, die USA stellten Kiew womöglich keine Aufklärungsdaten mehr bereit, es sei „zu früh, um systemische Schlüsse zu ziehen“. Über die mögliche Starlink-Beschränkung sagte Dmitrij Peskow, „insgesamt wäre es natürlich besser, wenn solche glänzenden Technologien wie Starlink nicht zu militärischen Zwecken gebraucht würden“. Nicht kommentieren wollte er den Drohnenangriff auf ein russisches Rechenzentrum der Sberbank im Gebiet Saratow, nach dem Dienste der größten Staatsbank gestört waren. Zuvor hatten die Ukrainer Rechenzentren des IT-Konzerns Yandex attackiert und weitreichende Störungen verursacht.
Kein europäischer Ersatz in Sicht
Weder bei Starlink noch bei den Aufklärungsdaten können die Europäer für die USA einspringen und der Ukraine Ersatz beschaffen. Sie sind selbst von den amerikanischen Fähigkeiten abhängig – bei der Gefechtsfeldüberwachung in Echtzeit ebenso wie bei der Satellitenkommunikation.
Zwar verfügt die NATO über 14 AWACS-Überwachungsflugzeuge, die schwerpunktmäßig an der Ostflanke eingesetzt werden. Sie überwachen den Luftraum über der Ukraine und warnen die Staaten dort, wenn ihnen Raketen oder Drohnen gefährlich nahe kommen. Deren Radar hat, je nach Flughöhe des Zielobjekts, eine Reichweite von 400 bis 500 Kilometern. Doch ist es auf Flugzeuge und große Drohnen ausgelegt, nicht auf ballistische Raketen.
Anders ist das beim Radar des Patriot-Systems. Es kann solche Ziele in einer Entfernung von maximal 180 Kilometern erfassen. Was den Europäern aber fehlt, ist die permanente Überwachung aus dem Weltraum, die es erlaubt, die gesamte Flugbahn einer ballistischen Rakete in Echtzeit zu erfassen.
Ein interner Bericht der Europäischen Verteidigungsbehörde zur Verteidigungsbereitschaft der EU aus dem September legt dar, dass zwar einige Staaten in solche Weltraumfähigkeiten investieren. Doch werde nur „eine Handvoll von Programmen“ bis 2030 Ergebnisse liefern. Für Kiew kommt das zu spät.
Bei der Kommunikation über Satelliten sieht es nicht besser aus. Hier investiert die EU-Kommission zwar in ein Programm namens Iris Square, das die Abhängigkeit von Starlink beenden soll. Insgesamt sollen dafür 348 Satelliten im niedrigen und mittleren Erdorbit positioniert werden. Doch sind die ersten Starts erst für 2029 geplant.