Russland droht Nato im Ukraine-Krieg: Die Lage spitzt sich zu
Russland droht der Nato Die Lage spitzt sich zu Eine Analyse von Patrick Diekmann 18.08.2026 - 17:03 UhrLesedauer: 6 Min. Westliche Waffen schlagen immer tiefer im russischen Hinterland ein. Zugleich baut Wladimir Putin seine Drohnenstreitkräfte aus und verschärft seine Drohungen. Die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen Russland und der Nato wächst. In Moskau lief in der Nacht zu Dienstag die Flugabwehr auf Hochtouren. An den Flughäfen wurde der Betrieb zeitweise eingeschränkt, andernorts schlugen Trümmer von abgeschossenen Drohnen ein. Ein Lager des Onlinehändlers Wildberries wurde getroffen, drei Menschen nach Angaben der russischen Behörden verletzt, darunter ein zehnjähriges Mädchen. Es war eine außergewöhnliche Angriffswelle. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin zufolge flogen zwischen Montagabend und Dienstagmorgen 620 ukrainische Drohnen in Richtung der Hauptstadtregion. Das russische Verteidigungsministerium meldete sogar 791 abgewehrte Drohnen über Russland und der von Moskau annektierten Krim. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Zahlen nicht. Doch die Dimension des Angriffs zeigt: Die Ukraine trägt den Krieg inzwischen mit großer Wucht bis tief in russisches Staatsgebiet. Im Video | Drohnenhagel erschüttert Moskau Player wird geladen Und sie tut das zunehmend mit westlicher Technik. Laut Medienberichten setzt die ukrainische Armee britische Drohnen für Angriffe auf militärische und industrielle Ziele in Russland ein. Moskau droht London deshalb mit Konsequenzen. Gleichzeitig baut Russland neue Stützpunkte für Langstreckendrohnen aus. Von einigen könnten Systeme starten, die im Ernstfall schnell auch Nato-Gebiet erreichen. Der Ukraine-Krieg tritt damit in eine gefährlichere Phase. Russland und die Nato führen keinen direkten Krieg. Doch die militärischen Berührungspunkte nehmen zu. Damit wächst das Risiko von Fehleinschätzungen, Provokationen und einer Eskalation, die sich immer schwerer kontrollieren lässt. Neue Maßnahmen: So soll Deutschland vor Drohnen geschützt werden Krieg in der Ukraine: "Putin hat ein Monster geschaffen" Russland baut sein Drohnennetz aus Nach einer Recherche des britischen "Telegraph" hat Russland zehn Standorte mit mindestens 59 neuen Abschussrampen entlang der Grenzen zur Ukraine und zu Belarus ausgebaut. Sie dienen offenbar vor allem dem Krieg gegen die Ukraine, sind aber auch für die Nato gefährlich. Einige Systeme könnten von dort bis nach Warschau fliegen. Das beweist keine russischen Angriffspläne gegen die Nato. Es erweitert aber Moskaus militärischen Möglichkeiten und verändert damit die Bedrohungslage für das Bündnis. Auch technisch entwickelt Russland seine Drohnen weiter. Die älteren Geran-Modelle, russische Varianten der iranischen Shahed-Drohnen, waren vergleichsweise langsam. Die Ukraine konnte dagegen kostengünstige Abwehrmaßnahmen entwickeln. Mit der neuen Generation funktioniert das immer seltener. Modelle wie Geran-4 und Geran-5 verfügen über einen Düsenantrieb. Nach ukrainischen Angaben erreichen sie deutlich höhere Geschwindigkeiten und können schwere Sprengköpfe tragen. Berichte sprechen bei der Geran-5 von bis zu 600 Kilometern pro Stunde. Das verkürzt die Zeit für einen Abschuss erheblich. Doch Geschwindigkeit allein ist nicht entscheidend. Russland kombiniert verschiedene Drohnentypen. Günstige und langsamere Flugkörper können die ukrainische Luftverteidigung beschäftigen, während schnellere Systeme versuchen, entstandene Lücken auszunutzen. Dahinter steckt eine strategische Rechnung: Moskau versucht, die ukrainische Luftverteidigung nicht nur technisch zu überwinden, sondern auch wirtschaftlich zu erschöpfen. Russland setzt die Luftverteidigung unter Druck Das trifft die Ukraine in einer schwierigen Lage. Kiew fehlen Abfangraketen für seine Patriot-Systeme. Deswegen konnte die ukrainische Luftverteidigung zuletzt bei Angriffen keine der eingesetzten ballistischen Raketen abfangen. Müsste Kiew wertvolle Flugabwehrraketen gegen vergleichsweise günstige Drohnen einsetzen, würden die Bestände weiter schrumpfen. Bei kombinierten Angriffen kann Russland versuchen, zunächst die Abwehr mit Drohnen zu binden und anschließend ballistische Raketen gegen strategische Ziele einzusetzen. An der Front zeigt sich dasselbe Bild: Neue russische Drohnen sollen Funkfrequenzen schnell wechseln können und dadurch schwerer zu stören sein. Andere werden über Glasfaserkabel gesteuert und sind gegen Funkstörungen weitgehend unempfindlich. Russland setzt also nicht auf die eine überlegene Drohne. Moskau entwickelt unterschiedliche Systeme, die jeweils Schwächen der ukrainischen Verteidigung ausnutzen sollen. Für Kiew bedeutet das permanenten Anpassungsdruck – und steigende Kosten. Britische Drohnen lösen weitere Drohungen aus Kiew versucht seinerseits, mit weitreichenden Drohnen einen strukturellen Nachteil auszugleichen: Russland verfügt über größere industrielle und materielle Ressourcen. Deshalb greift die Ukraine Raffinerien, Waffenfabriken, Logistikknoten und militärische Infrastruktur weit hinter der Front an. Neu ist dabei vor allem die Rolle Großbritanniens. Nach Angaben der britischen "Times" wurden erstmals britische Drohnen bei sogenannten Tiefenschlägen im russischen Staatsgebiet eingesetzt. Systeme zweier britischer Hersteller sollen bei Angriffen auf industrielle und militärische Ziele zum Einsatz gekommen sein, darunter Raffinerien in Wolgograd und Jaroslawl. Loading... Loading... Loading... Dass westliche Waffen Ziele in Russland treffen, ist nicht grundsätzlich neu. Bereits 2024 setzte die Ukraine britische Storm-Shadow-Marschflugkörper und ballistische ATACMS-Kurzstreckenraketen aus US-Produktion ein. Drohnen verändern jedoch den Maßstab. Sie lassen sich vergleichsweise günstig herstellen und in größeren Stückzahlen einsetzen. Großbritannien baut seine Unterstützung entsprechend aus und hat für dieses Jahr die Lieferung von mehr als 100.000 Drohnen angekündigt. Die russische Botschaft in London bezeichnete Großbritannien nach den Berichten über die Tiefenschläge als "Komplizen und Mittäter". Je stärker sich London in den Konflikt verstricke, desto höher werde der zu zahlende "Preis" sein. Die britische Regierung wies die Drohung zurück und kündigte an, ihre Unterstützung fortzusetzen. Damit führt die militärische Entwicklung zu einer politischen Frage: Wann betrachtet Moskau einen Nato-Staat nicht mehr nur als Unterstützer der Ukraine, sondern als Beteiligten an Angriffen auf Russland? Lawrow droht dem Westen Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat seine Warnung dementsprechend weiter gefasst. "Wir werden unsere Methoden stark verschärfen, um all das zu zerstören, was Kiews Kriegsmaschine aus dem Westen speist. Und wir tun dies bereits", sagte er. In Deutschland erhalten Lawrows Worte auch wegen des Vorfalls am Flughafen Leipzig/Halle besondere Aufmerksamkeit. Dort wurde Anfang August im Sicherheitsbereich des Frachtbetriebs eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt. In der Nähe standen ukrainische Frachtflugzeuge. Der Flughafen gilt als Umschlagplatz für militärische Unterstützung der Ukraine. Die Bundesregierung wies Lawrows Drohung zurück. "Die nehmen wir zur Kenntnis, von denen lassen wir uns nicht einschüchtern – und wir lassen uns auch in unserer Unterstützung für die Ukraine nicht einschüchtern", erklärte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts. Nach Informationen der US-Medien CNN und "Wall Street Journal" gehen US-Vertreter davon aus, dass die Drohne einem russischen Nachrichtendienst zuzuordnen war. Die Bundesregierung hat eine russische Urheberschaft bislang nicht abschließend öffentlich festgestellt. Eine gesicherte Verbindung zu Lawrows Drohung lässt sich daraus nicht ableiten. Der Vorfall zeigt jedoch, warum verdeckte Operationen für die Nato so schwer zu beantworten sind. Sabotage, Cyberangriffe oder Drohneneinsätze können erheblichen Schaden verursachen, während Urheber und Absicht zunächst unklar bleiben. Gerade diese Ungewissheit könnte zur Waffe werden. Geheimdienste warnen vor einem Test der Nato Nach Informationen von CNN halten US-amerikanische Nachrichtendienste es für möglich, dass Wladimir Putin in den kommenden Jahren versuchen könnte, die Nato mit einer begrenzten Aktion zu testen. Die untersuchten Szenarien reichen demnach von einem Cyberangriff bis zu einer kleineren militärischen Aktion. Als mögliche Ziele gelten Polen und die baltischen Staaten. Gerade die Begrenztheit eines solchen Angriffs wäre das Problem. Bei einer großangelegten Invasion gäbe es kaum Zweifel über die Dimension der Bedrohung. Die Nato würde eingreifen. Schwieriger wäre eine Aktion, deren Urheber zunächst unklar bleibt oder deren Umfang so gering ist, dass die Verbündeten über ihre Reaktion streiten. Russland müsste die Nato für einen solchen Test nicht militärisch besiegen. Moskau könnte stattdessen versuchen, eine Situation zu schaffen, in der die Bündnispartner selbst darüber uneinig sind, welche Antwort erforderlich ist. Die nächste Bewährungsprobe Dieses Szenario ist nicht weniger gefährlich. Denkbar wäre ein sehr viel kleinerer Zwischenfall: Eine Drohne schlägt in kritische Infrastruktur im Bündnisgebiet ein, ein Sabotageakt oder eine begrenzte militärische Aktion, deren Urheber zunächst nicht zweifelsfrei feststeht. Dann müsste die Nato innerhalb kurzer Zeit entscheiden, wie weit ihre Antwort gehen soll. Eine zu schwache Reaktion könnte Moskau signalisieren, dass weitere Schritte möglich sind. Eine vorschnelle militärische Antwort könnte dagegen eine direkte Konfrontation auslösen. Für Polen und die baltischen Staaten dürfte deshalb der Ausbau der Drohnenabwehr wichtiger werden. Europas Nato-Staaten werden zugleich mehr Abfangsysteme und Munition benötigen. Doch technische Abwehr allein kann dieses Problem nicht lösen. Ob Putin die Fähigkeiten, die Russland derzeit aufbaut, jemals gegen das Bündnis einsetzen lässt, ist offen. Sollte es dazu kommen, könnte über den Ausgang der Konfrontation nicht allein die Zahl der Panzer, Raketen oder Kampfflugzeuge entscheiden. Die entscheidende Frage wäre politisch: Handeln die Nato-Staaten geschlossen, wenn Russland sie tatsächlich auf die Probe stellt? Verwendete Quellen thetimes.com: "UK drones used for 'deep strikes' in mainland Russia for first time" (kostenpflichtig) (Englisch) n-tv.de: ""Lassen uns nicht einschüchtern" – Bundesregierung äußert sich zu Lawrows Drohung" telegraph.co.uk: "US intelligence warns Putin could test Nato with limited attack" (kostenpflichtig) (Englisch) spiegel.de: "Ukraine soll britische Drohnen eingesetzt haben – Russland reagiert empört" fr.de: "Nur 5 Sekunden zur Abwehr: Russlands pfeilschnelle Jet-Drohne fordert die ukrainische Verteidigung heraus" faz.net: "Krieg in der Ukraine: Russland entwickelt bereits neue Waffen" (kostenpflichtig) merkur.de: "Geheime Satellitenbilder enthüllen: So baut Putin sein Drohnen-Netz gegen die NATO aus" welt.de: "Russlands geheime Drohnenbasen liegen jetzt in Schlagdistanz zur Nato" (kostenpflichtig) n-tv.de: "Ukraine schickt Drohnenschwarm: Russland beklagt heftigste Attacke auf Moskau seit zwei Jahren" focus.de: "Russlands 10 geheime Drohnen-Stützpunkte bedrohen die Nato" Quellen anzeigen Loading... 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