Russland im Ukraine-Krieg: Die Ukraine trifft Putin, wo es wehtut
Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Die russische Armee sollte die Ukraine überrollen. Fehlanzeige. Nun brennen russische Raffinerien, der Sprit wird knapp. Und die Russen sehnen sich die WM 2018 zurück. Meint Wladimir Kaminer. Was denken die Russen über ihren Krieg? Auf einer Aktionärsversammlung der größten Bank, des russischen Sparkassenverbandes, sagte der Chef, es gebe zur Zeit nichts Dringenderes als das baldestmögliche Ende der Kampfhandlungen und die Herstellung des Friedens. Die Fortsetzung des Krieges würde das Land vernichten. Und mit diesem Gedanken sollte jeder Bankkunde heutzutage einschlafen und aufwachen. Ungewöhnlich direkte Worte von dem wichtigsten Banker des Staates. Er nahm sich außerdem die Freiheit, vor Tausenden von Zuhörern die "Spezielle Operation" als "Krieg" zu bezeichnen und bekam dafür keinen Rüffel aus dem Kreml. Hat "der Opa im Kreml" die Maulkörbe seiner Beamten ein wenig gelockert? Die Kritik am Krieg gehört inzwischen im Angreiferland zum Alltag. Zur Person Wladimir Kaminer ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1967 in Moskau geboren und lebt seit Jahrzehnten in Deutschland. Zu seinen bekanntesten Werken gehört "Russendisko". Kaminers aktuelles Buch ist "Das geheime Leben der Deutschen", sein nächstes Buch "Müttertage. Geschichten von den Heldinnen des Alltags" erscheint am 19. August 2026. Wenn es früher hauptsächlich um die stagnierende Situation an der Front und klägliche Eroberungen in der Ukraine ging, wird heute über den Krieg am russischen Himmel laut und hektisch diskutiert. Erstaunlich, aber wahr: In den ultrapatriotischen Kreisen der Militärblogger, unter den ins Ausland geflüchteten Kriegsgegnern und bei der verzweifelten und erbosten Bevölkerung herrscht zum ersten Mal seit Beginn der "Speziellen Operation" in einer Frage Konsens: Die Lage ist schlecht. Überall im großen Land brennt es. Gesprächsstoff liefert vor allem die ukrainische Drohne, die eine der größten Raffinerien des Landes in Omsk erwischte. Im tiefsten Sibirien, 2.500 Kilometer von der Front entfernt. Wie konnte das passieren, von wo kam der Vogel geflogen, und war es überhaupt eine Drohne? In allen vergangenen Kriegen, die Russland führte, blieb Sibirien verschont. Weder Napoleon im Ersten Vaterländischen Krieg 1812 noch Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg konnten Sibirien gefährlich werden. Wer mag der Gegner sein? Die patriotischen Beobachter scheinen verunsichert zu sein: Gegen wen kämpfen wir überhaupt? Wer ist der Feind? Solche Fragen stellen sie sich. Die Propagandisten im Fernsehen haben große Mühe, ein passendes Feindbild zu malen, das zu diesem vergeigten Krieg passt. Die Ukraine als Feind kommt nicht infrage. Es käme einem dummen Märchen gleich, wenn das größte Land der Welt mit einer Millionenarmee und schier endlosem Waffenarsenal seit beinahe fünf Jahren um ein kleines Dorf in der Ostukraine kämpfte, nur weil die Ukrainer so tolle Soldaten wären? Die Propagandisten sind sich einig, es war die Nato, die uns in die Quere kam, die Nato hat schon immer böse Pläne gehegt und will mit Russland abrechnen. Doch die Nato ist in den russischen Medien stets als eine von Amerika abhängige, ineffektive Vereinigung dargestellt worden, ein Haufen Bürokraten, ein Papiertiger ohne Zähne. Wie konnte dieser Papiertiger so erfolgreich werden? Ist unser Feind vielleicht das Pentagon? Doch der amerikanische Präsident hat in aller Öffentlichkeit die Militärhilfe für die Ukraine verweigert, er hat genug mit den eigenen Kriegen zu tun. Lange haben die kremltreuen Welterklärer nach einer neuen Wahrheit gesucht, die diese missliche Lage erklären könnte. Die neue Antwort lautet: Wir kämpfen gegen Big Data, gegen die neue, aufstrebende Weltmacht – die Künstliche Intelligenz. Eine fortschrittlichere Generation der Mittelstreckendrohnen, ausgestattet mit KI, brauche keine Drohnenführer mehr. Mit den nötigen Informationen gespickt und mit Wasserstoffmotoren ausgerüstet, kann sie ihre Ziele selbst auswählen und die beste Route ausrechnen, schnell, präzise und für die Raketenabwehr unsichtbar. Eine Gruppe von Computerfreaks, die die Weltherrschaft anstreben, würden nun den russischen Angriffskrieg nutzen, um die neue Generation ihrer Waffen zu perfektionieren, und deswegen gehe es mit der Armee nicht voran. Zwar habe der russische Präsident in mehreren Sitzungen des Sicherheitsrates und des Generalstabs schon mehrmals Anweisungen gegeben, dringend eine eigene souveräne KI herzustellen, doch seine Befehle wurden augenscheinlich von den zuständigen Wissenschaftlern und Ingenieuren verweigert. Gute, alte Fußballzeit? "Der Opa hat doch keine Ahnung vom Internet, und deswegen sind wir verloren!" Ein fatalistisches Stöhnen geht durch die militanten patriotischen Bloggerkanäle, Panikstimmung breitet sich dort aus. Die Bevölkerung verbrachte bis vor Kurzem den Sommer auf dem Sofa vor dem Fernseher. Die Urlaubssaison ist im Eimer, auf der Krim gibt es keinen Strom und an den Tankstellen keinen Sprit. Der einzige Spaß: die Fußball-WM. "Match TV" soll der beliebteste Sender im russischen Fernsehen gewesen sein, mit sagenhaften Quoten. Ohne Nachrichten von der Front, ohne aufdringliche, langweilige Sendungen über die "traditionelle Werte unseres Landes" und über den "Triumph des russischen Geistes" brachte der Sender die Fußballweltmeisterschaft, Spiel für Spiel, und hat so eine unglaublich hohe Aufmerksamkeit in der Bevölkerung errungen. Wen juckt schon der Krieg, wenn Argentinien gegen Ägypten spielt! Loading... Loading... Loading... Die Moderatoren erinnerten sich beim Kommentieren der Spiele nostalgisch an den Sommer 2018, als die Fußball-WM in Russland stattfand und die ganze Welt die Russen mochte. Und viele fragen sich sicher, was ist bloß mit uns passiert? Im Sommer 2026 summen die Drohnen Richtung Omsk, Japan spielt gegen Brasilien, im Ersten Programm spuckt ein glatzköpfiger Professor Gift und Galle, "Ein Atombombenabwurf auf ein Nato-Land ist unabdingbar, damit der Wahnsinn endlich aufhört!" "Die Japaner haben die gleichen schönen Trikots wie damals 2018", bewunderte der Fußballmoderator die japanische Mannschaft für ihren guten Geschmack. Alle wollen zurück ins Jahr 2018, doch das Rad der Zeit lässt sich leider nicht zurückdrehen. Erfahren Sie mehr zu unseren Affiliate-Links Wenn Sie über diese Links einkaufen, erhalten wir eine Provision, die unsere redaktionelle Arbeit unterstützt. Der Preis für Sie bleibt unverändert. Diese Affiliate-Links sind durch ein gekennzeichnet.