Russland in der Spritkrise: Putin muss die Wut der Autofahrer fürchten
Ukraine trifft ins Mark Putins Krieg kommt nach Hause Von Martin Küper 15.07.2026 - 10:41 UhrLesedauer: 5 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Gefährlich werden können Putin die Parlamentswahlen in zwei Monaten eigentlich nicht. Dennoch wirkt der Kreml zunehmend nervös – und das nicht ohne Grund. Eigentlich müsste die russische Staatsführung um Präsident Putin gelassen auf die Parlamentswahlen in gut zwei Monaten blicken. Demokratisch wird es bei dem Urnengang vom 18. bis 20 September kaum zugehen; ein haushoher Sieg der Kremlpartei Einiges Russland gilt als ausgemacht. Doch im fünften Kriegsjahr nach dem Überfall auf die Ukraine ist die Stimmung im Land so schlecht, dass selbst Moskau nervös zu werden scheint. Das zeigt die kurzzeitige Festnahme des Oppositionellen und Kriegsgegners Boris Nadeschdin am Montag in Moskau. Uniformierte hätten ihn abgeholt und zu einem Video befragt, das er angeblich auf Telegram verbreitet habe, berichtete Nadeschdin. Darin sei ein Bild des in Haft gestorbenen Kremlkritikers Alexej Nawalny zu sehen gewesen – was ihm als Verweis auf eine verbotene, extremistische Organisation ausgelegt worden sei. "Was mir vorgeworfen wird, habe ich nicht getan", schrieb Nadeschdin. Newsblog zum Krieg in der Ukraine: Alle Entwicklungen im Überblick Krieg in der Ukraine: Russlands größter Trumpf wird zum Problem Im Video | Die Kritik am Kreml wird lauter Player wird geladen Unzufriedenheit war nie größer während Putins Herrschaft Das russische Justizministerium hatte Nadeschdin kurz zuvor als "ausländischen Agenten" eingestuft – mit dieser Bezeichnung werden in Russland Oppositionelle gebrandmarkt und von Wahlen ausgeschlossen. Nadeschdin will dennoch bei der Duma-Wahl im September um ein Mandat kämpfen. Vor der Präsidentschaftswahl 2024 hatten sich lange Schlangen an den Wahllokalen in Moskau gebildet, um ihn mit den nötigen Unterschriften für eine Kandidatur zu unterstützen. Die Wahlleitung schloss Nadeschdin dennoch von der Wahl aus. Kritiker und Oppositionelle hatten es nie leicht in Putins Russland. Doch seit dessen Machtübernahme vor 26 Jahren dürfte die Unzufriedenheit im Land nie größer gewesen sein. Bislang konnte Putin die gewöhnlichen Russen von den Härten des Ukraine-Kriegs abschirmen. Gegen hohe Summen an die Front schicken lassen sich vor allem arme Teufel aus den Grenzregionen, während die Wirtschaft dank hoher Staatsausgaben zumindest nicht kollabierte. Doch inzwischen schlägt Putins Krieg auch bei den eigenen Bürgern voll durch. Ein Ende der Treibstoffkrise in Russland ist nicht abzusehen Vor allem Russlands Autofahrer dürften ihrer politischen Führung zunehmend skeptisch gegenüberstehen. In kaum einer Region des Landes sind Benzin und Diesel noch frei erhältlich, Mengenbegrenzungen von 20 bis 30 Liter pro Person sind die Regel. Und in den Warteschlangen vor den Zapfsäulen ist die Stimmung gereizt, immer wieder gibt es Streit und Handgreiflichkeiten um den begehrten Treibstoff. Ein Ende der Spritkrise in Russland ist derweil nicht abzusehen – im Gegenteil. Erst in der Nacht zu Dienstag hat die Ukraine mit ihren Langstreckendrohnen erneut zwei der 23 größten russischen Raffinerien getroffen, in Afipskaja im Süden Russlands und in Salawat, etwa 1.400 Kilometer von der Front entfernt. Die Anlage in Salawat war schon im September zweimal angegriffen worden, hatte in der Zwischenzeit die Produktion aber wieder aufgenommen. Der jüngste Angriff dürfte erneut schwere Schäden verursacht haben. Noch gravierender aus russischer Sicht aber ist ein Angriff in der Nacht zum 6. Juli. Russland kann seine riesige Fläche nicht schützen Da gelang den Ukrainern erstmals ein Drohnenangriff auf die Raffinerie im sibirischen Omsk, rund 2.400 Kilometer von der Front in der Ukraine entfernt – ein neuer Entfernungsrekord. Die Anlage galt als modernste und mit einer Verarbeitungskapazität von 22 Millionen Tonnen Rohöl im Jahr auch als die größte in Russland. Wegen ihrer Entfernung zur Front war sie bis dahin verschont geblieben, nach dem Angriff wurde der Betrieb eingestellt. Inzwischen produziert Russland wohl nur noch 65 Prozent seines heimischen Bedarfs an Treibstoff. Die jüngsten Angriffe auf Raffinerien zeigen, wie wenig Russland den ukrainischen Langstreckendrohnen noch entgegensetzen kann. Die relativ langsamen Fluggeräte waren stundenlang unbehelligt im russischen Luftraum unterwegs, bevor sie einschlugen. Zu groß ist das Land, um es in der Fläche mit Flugabwehr zu schützen. Die Ukraine wiederum wird in Zukunft noch mehr und leistungsfähigere Drohnen bauen und arbeitet bereits an eigenen ballistischen Raketen, die auch Moskau treffen könnten. Wie schwierig die Lage für die Russen noch werden könnte, zeigt ein Blick auf die Krim. Loading... Loading... Loading... Was bezweckt die Ukraine mit den Angriffen auf die Krim? Die bereits 2014 annektierte ukrainische Halbinsel gilt als Putins Kronjuwel und Eckpfeiler seiner Expansionspolitik. Selbst unter Kriegsbedingungen ist die Krim für viele Russen noch immer das Urlaubsziel der Wahl. Doch in diesem Jahr verderben ihnen die ukrainischen Streitkräfte die Sommerfrische. Allein seit vergangener Woche haben die Ukrainer mindestens 116 Binnenschiffe ausgeschaltet, die Treibstoff über das Asowsche Meer auf die Krim bringen sollten. Auch die Stromversorgung kappen die Ukrainer mit Angriffen auf Trafostationen und Umspannwerke systematisch. Militärexperten rätseln, was die Ukraine mit den Angriffen auf die Krim bezwecken will. Einen Befreiungsversuch vom Schwarzen Meer her halten Fachleute für unwahrscheinlich, da ein solcher Angriff sehr verlustreich wäre und wenig Chancen auf Erfolg hätte. Fest steht aber wohl, dass Kiew die Krim für die Russen unhaltbar machen will – und möglichst viele russische Zivilisten zur Heimreise zwingen will. So jedenfalls erklärt der ukrainische Drohnenkommandeur Peter Browdi, warum seine Truppe die Kertschbrücke zum russischen Festland nicht angreift. Kommt es erneut zur Mobilmachung in Russland? Ein Verlust der Krim wäre ein propagandistischer Rückschlag, den selbst der Kremlchef seinem Volk schwer vermitteln könnte. Dabei ist es nicht nur der Zorn der einfachen Russen, den Putin fürchten muss. Auch die Oligarchen im Land denken inzwischen laut darüber nach, wie es mit Russland nach dem Krieg weitergehen soll. Das zeigt ein langes Interview, das der Großindustrielle Andrei Melnitschenko gerade dem britischen Magazin "Economist" gegeben hat. In dem Interview entwirft Melnitschenko mehrere Szenarien, von denen keines dem Westen gefallen dürfte. So warnt Melnitschenko, dass Russland nach einem "Siegfrieden" zu einer revanchistischen Macht werden oder gar in mehrere Teile zerbrechen könnte, die um die Atomwaffen und Bodenschätze des Landes kämpfen. Das Interview richtete sich merklich an ein westliches Publikum und dürfte ohne Genehmigung des Kremls kaum entstanden sein. Doch der Vorgang zeigt, dass Putin bei seinem weiteren Vorgehen die Interessen der russischen Wirtschaftselite berücksichtigen muss. Für die einfachen Russen dagegen könnte es nach der Wahl im September noch einmal spannend werden. Im Raum steht nämlich die Frage, ob der Kreml zum Ausgleich seiner Verluste in der Ukraine – jeden Monat werden dort mehr als 30.000 russische Soldaten getötet oder verwundet – eine neue Mobilisierung ausruft. Davor warnte kürzlich der tschechische Präsident und frühere Nato-General Petr Pavel in der britischen Zeitung "Telegraph". Bislang hat der Kreml trotz aller Rückschläge in der Ukraine von der extrem unpopulären Maßnahme abgesehen. Bei der letzten Teilmobilmachung im Herbst 2022 flüchteten Hunderttausende Russen im wehrfähigen Alter aus dem Land. Eine erneute Mobilmachung im Herbst könnte die ohnehin fragile politische Situation in Russland wohl weiter destabilisieren. Sollte Putin dieses Risiko wirklich eingehen, würde das zeigen, wie groß die Verzweiflung im Kreml tatsächlich ist. Verwendete Quellen Eigene Recherche Mit Material der Nachrichtenagentur dpa reuters.com: Russia’s gasoline output covers 65% of demand after Ukrainian strikes, sources say (englisch) euromaidanpress.com: From Karelia to Kamchatka: Russia rations fuel where drones strike and stockpiles it where they cannot (englisch) economist.com: The man who would change Russia (kostenpflichtig, englisch) telgraph.co.uk: Ukraine has ‘two months before Putin escalates war’ (englisch) meduza.io: Ukrainian drones spark fires at two Russian refineries overnight, including one of the country’s biggest petrochemical plants (englisch) Quellen anzeigen Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... ShoppingAnzeigen Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading... Loading...