Russland: Neue Drohnen könnten Europas Luftabwehr überfordern
Russlands neue Angriffswaffen
"Das würde auch in Europas Großstädten passieren"
Eine Analyse von Anna von Stefenelli
21.10.2026 - 11:11 UhrLesedauer: 4 Min.
Russland setzt mit seinen Übersättigungsangriffen zunehmend auf zahlreiche schnelle Flugkörper. Ein Militärexperte warnt: Europa wäre gegen solche Angriffe womöglich noch schlechter gerüstet als die Ukraine.
Wo Ende August noch ein leeres Feld lag, ist nur sechs Wochen später eine riesige militärische Anlage entstanden. Auf einer Fläche von rund 126 Fußballfeldern hat Russland nahe der Stadt Millerowo eine neue Abschussbasis nahezu fertiggestellt. Acht Startplattformen sind auf Satellitenbildern zu erkennen, auf zwei davon sind bereits Abschussschienen montiert. Von hier aus könnten künftig neuartige russische Angriffsdrohnen vom Typ Geran-4 und Geran-5 starten. Die strahlgetriebenen Flugkörper erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 600 Kilometern pro Stunde.
Nach Einschätzung von Mike Monnik, Gründer des auf Drohnenbedrohungen spezialisierten Analyseunternehmens DroneSec, könnten von der Anlage mehr als 100 Flugkörper binnen 24 Stunden gestartet werden. Das sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. Voraussetzung wäre unter anderem ausreichender Nachschub. Doch der Bau zeigt, worauf Moskau setzt: mehr Angriffswaffen in kurzer Zeit.
Empfohlener externer Inhalt
Wir benötigen Ihre Einwilligung, um den von unserer Redaktion eingebundenen X -Inhalt anzuzeigen. Sie können diesen (und damit auch alle weiteren X -Inhalte auf t-online.de) mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder deaktivieren.
X-Inhalte immer anzeigen
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.
Die Ukraine bekommt die Wirkung der neuen Waffengeneration bereits zu spüren. Im September setzte Russland dort laut dem "Monitor Luftkrieg Ukraine" schätzungsweise 3.900 strahlgetriebene Geran-Drohnen ein. Das sind fast dreimal so viele wie noch im Juli. Viele ukrainische Abfangdrohnen sind zu langsam, um die neuen Flugkörper zu erreichen.
Für Europa könnte die Entwicklung noch gefährlicher werden. Davor warnt der Raketenexperte Fabian Hoffmann vom norwegischen Institut für Verteidigungsstudien in einer Analyse für das Center for European Policy Analysis (CEPA). In einem direkten Konflikt mit Russland wären europäische Nato-Staaten demnach womöglich verwundbarer als die Ukraine.
Russland hat eine Lücke entdeckt
Lange überzog Russland ukrainische Städte mit teuren Raketen und großen Mengen langsamer, aber billiger Angriffsdrohnen wie den alten Geran-Systemen. Die ukrainische Luftabwehr passte sich an. Mobile Flugabwehrteams, elektronische Störsysteme und zunehmend auch günstige Abfangdrohnen halfen bei der Verteidigung.
Moskau reagierte darauf mit neuen Antrieben. Bei der Geran-3 ersetzte ein Strahltriebwerk des chinesischen Herstellers Telefly den bisherigen Kolbenmotor. Die Geschwindigkeit stieg laut Hoffmann von rund 185 auf 350 Kilometer pro Stunde. Auch die Flughöhe nahm zu. Neuere Modelle wie Geran-4 und Geran-5 sowie der Marschflugkörper S-8000 Banderol erreichen teils 600 Kilometer pro Stunde oder mehr. Sie fliegen häufig zu hoch oder sind zu schnell für einfache Abfangdrohnen.
Die neuen Waffen kosten deutlich weniger als klassische Marschflugkörper. Hoffmann schätzt den Preis der schnelleren Modelle auf umgerechnet etwa 135.000 bis 225.000 Euro pro Stück. Zum Vergleich: Langsamere Angriffsdrohnen kosten demnach rund 45.000 Euro. Für den Marschflugkörper Banderol nennen andere Experten eine Spanne von 45.000 bis 135.000 Euro. Der Vorteil für Russland: Die neuen Waffen sind schwerer abzufangen als herkömmliche Angriffsdrohnen, bleiben aber deutlich günstiger als klassische Marschflugkörper.
Genau darauf zielen sogenannte Übersättigungsangriffe ab. Dabei setzt Russland viele solcher Flugkörper gleichzeitig ein. Selbst moderne Abwehrsysteme können dadurch an ihre Grenzen stoßen, wenn ihnen die Zeit oder die Munition ausgeht.
Nato-Kampfjets gegen russische Drohnen
Dass schnelle Angriffsdrohnen längst auch Nato-Luftraum erreichen, zeigte sich am 17. Oktober. Zwei rumänische F-16-Kampfjets schossen über den eigenen Hoheitsgewässern im Schwarzen Meer zwei eingedrungene Drohnen ab. Verteidigungsminister Radu Miruta erklärte später, sie seien etwa 450 Kilometer pro Stunde schnell gewesen. Nach seiner Einschätzung handelte es sich vermutlich um russische Geran-4.
Schon im September 2025 hatte die Nato bei einem russischen Drohnenvorfall über Polen unter anderem F-35-Kampfjets eingesetzt. Mehrere Drohnen wurden abgeschossen. Wie gefährlich solche Angriffe für Europa werden könnten, hatte der frühere Nato-Oberbefehlshaber Philip Breedlove bereits im April 2025 gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty beschrieben: "Sehen Sie, was in den Großstädten der Ukraine passiert ist. Das würde auch in einigen Großstädten Europas passieren."
Das Bündnis verfügt zwar über moderne Kampfflugzeuge, Radarsysteme und Flugabwehr. Entscheidend ist aber, wie viele Angriffe es gleichzeitig abwehren könnte, wie lange seine Munition reicht und was jeder Abschuss kostet. Ein teurer Lenkflugkörper gegen ein vergleichsweise billiges Ziel kann militärisch sinnvoll, auf Dauer aber zu teuer sein.
Probleme gibt es bereits bei der Abwehr deutlich kleinerer Drohnen. Das Londoner Forschungsinstitut IISS dokumentierte im Juli mutmaßliche Drohnenflüge über europäischen Militärstützpunkten, darunter Ramstein und das niederländische Volkel. Dort wurden Ende 2025 an einem Tag bis zu zehn Drohnen gesichtet. Sicherheitskräfte eröffneten das Feuer, konnten aber offenbar keine abschießen. Die Forscher vermuten eine koordinierte russische Ausspähkampagne. Nicht jeder Vorfall lässt sich jedoch eindeutig Moskau zuordnen.
Europas Problem beginnt beim Triebwerk
Gegen die schnelleren russischen Angriffsdrohnen sucht die Ukraine nach preiswerten Waffen, die mithalten können. Erste Erfolge gibt es laut Hoffmann mit strahlgetriebenen Abfangdrohnen. Doch für deren Bau braucht es kleine Jettriebwerke. Gerade daran herrscht Mangel.
Loading...
Loading...
Loading...
In Europa und den USA können zu wenige Hersteller die wachsende Nachfrage bedienen. Die Triebwerke werden für eigene Marschflugkörper ebenso benötigt wie für schnelle Abfangwaffen. Andere Lösungen existieren, etwa die Flugabwehrkanonen Gepard und Skynex oder raketengestützte Systeme wie Iris-T und Nasams. Sie sind laut Einschätzung Hoffmanns jedoch entweder nicht in ausreichender Zahl vorhanden oder zu teuer für die massenhafte Abwehr solcher Ziele.
Die europäischen Staaten versuchen, gegenzusteuern. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen haben im Februar die Initiative LEAP gestartet, um gemeinsam günstige Abwehrwaffen und autonome Systeme zu entwickeln. Zunächst soll eine kostengünstige Boden-Luft-Waffe zur Abwehr von Drohnen und Raketen entstehen. Großbritannien hat dafür bereits Entwicklungsaufträge an drei Unternehmen vergeben. Gemeinsame Tests sind für 2027 geplant.
Doch bis die neuen Abwehrwaffen verfügbar sind, bleibt eine Lücke. Hinzu kommt ein weiterer Nachteil: Während die Ukraine ihre Luftabwehr seit Jahren unter Beschuss weiterentwickeln musste, fehlt vielen europäischen Armeen diese Erfahrung.
Die neue Basis bei Millerowo macht den Unterschied im Tempo deutlich. Russland konnte binnen sechs Wochen eine nahezu vollständige Abschussanlage bauen. Ob Europa seine Luftabwehr schnell genug ausbauen kann, um mit Russlands Aufrüstung Schritt zu halten, ist offen.