Russland plant offenbar neue Offensive auf Kiew
Startseite Politik Droht eine neue Großoffensive? Putins Generäle schmieden Pläne für den Norden Von: Christoph Elzer Uns auf Google folgen Nach mehr als 1500 Tagen Spezialoperation sucht Putin weiterhin nach einem Weg, die Ukraine einzunehmen. Seine Generäle haben dafür neue Pläne erarbeitet. Kiew – In einem Interview mit dem Fernsehsender TSN am 30. Juni 2026 sprach der ukrainische Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj über eine möglicherweise bevorstehende russische Großoffensive. Seine Worte erinnern dabei frappierend an den Beginn des schrecklichen Angriffskriegs vor drei Jahren. Putin habe demnach den russischen Generalstab angewiesen, verschiedene Optionen für eine neue Offensive durchzurechnen, unter anderem auch zur Eroberung der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Mehrere Szenarien lägen bereits ausgearbeitet auf den Schreibtischen der russischen Militärführung. Syrskyj über Putins Befehle: „Wie realistisch sie sind, ist eine andere Frage“ Der Oberbefehlshaber lässt keinen Zweifel daran, dass er die Drohung ernst nimmt – ohne in Panik zu verfallen. „Wir wissen, dass Putin den russischen Generalstab angewiesen hat, verschiedene Optionen für eine Offensivoperation zu prüfen, darunter eine von belarussischem Territorium aus gestartete, die auf die Einnahme Kiews und die Eroberung anderer ukrainischer Gebiete abzielt. Der russische Generalstab hat mehrere Szenarien entwickelt. Wie realistisch sie sind, ist eine andere Frage“, sagte Syrskyj im Interview. Und weiter: „Angesichts der jüngsten Entwicklungen glaube ich nicht, dass die belarussische Führung es wagen würde, ihr Territorium dem Aggressor als Ausgangsbasis für eine Offensive zur Verfügung zu stellen. Dennoch berücksichtigen wir diese Möglichkeit.“ Syrskyj spielt damit darauf an, dass Belarus’ Machthaber Alexander Lukaschenko zuletzt angesichts eines ukrainischen Ultimatums eingeknickt war. Bryansk statt Belarus: Wo der nächste Angriff drohen könnte Das wahrscheinlichste Szenario verortet Syrskyj daher woanders – und näher am russischen Kernland. Mehrere Indikatoren deuteten auf einen möglichen Vorstoß im Norden hin, ausgehend nicht von Belarus, sondern von der russischen Region Brjansk. Das Ziel liege dann nicht in Kiew selbst, sondern in der benachbarten Region Tschernihiw. „Das ist eine realistische Option, und natürlich bereiten wir uns darauf vor“, so der Oberbefehlshaber. Der Zweck eines solchen Manövers sei militärisch kühl kalkuliert: Die Front solle in die Länge gezogen, ukrainische Kräfte von entscheidenden Abschnitten abgezogen und der Ukraine ihre Reserven entzogen werden. Kurz: ein Angriff, der nicht in erster Linie erobern, sondern binden und zermürben soll. Es ist ein Korridor mit Geschichte. Über die Region Tschernihiw rückten russische Truppen bereits im Februar 2022 vor – damals im gescheiterten Versuch, Kiew von Nordosten her einzukesseln. Warum der Weg über Belarus für Putin zur Falle werden könnte Ein erneuter Vorstoß aus dem Norden über Belarus wäre für Russland alles andere als ein Selbstläufer. Das Gelände, so Syrskyj, stelle schweres Militärgerät wegen ausgedehnter Sumpflandschaften vor extreme Schwierigkeiten. Entlang der Richtung Tschernobyl spiele die Geografie zudem der ukrainischen Verteidigung in die Hände: Das ukrainische Flussufer liege höher als das belarussische. Nahezu alle Brücken, die militärisches Gerät tragen könnten, seien abgebaut worden. Auch politisch könnte die belarussische Karte für den Kreml ausgereizt sein. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte erklärt, dass Signal-Relaisstationen in Belarus, die zur Steuerung russischer Angriffe auf die Ukraine gedient hätten, seit dem 22. Juni ihren Betrieb eingestellt hätten. 19 Siedlungen betroffen: Erste Menschen müssen ihre Heimat verlassen Für die Bevölkerung an der Grenze ist die Bedrohung hingegen längst mehr als ein militärisches Gedankenspiel. Angesichts der wachsenden Sicherheitsrisiken haben die ukrainischen Behörden ab dem 1. Juli eine verpflichtende Evakuierung für zwölf Grenzsiedlungen in der Region Tschernihiw angeordnet. Hinzu kommt die Verlängerung von Evakuierungsanordnungen für sieben weitere Siedlungen, die bereits im Winter geräumt worden waren – insgesamt 19 Ortschaften. Wie tief die Sorge sitzt, zeigt eine Zahl, die der Chef der ukrainischen Nationalgarde nennt: Rund 70.000 russische Soldaten sollen in Belarus konzentriert sein. Man ergreife jedoch Maßnahmen, um ein solches Szenario zu verhindern. Risse im System: Sogar Putins Bankchef sehnt das Kriegsende herbei Während Putin also eine weitere Eskalation des Konflikt planen lässt, kippt in seinem Land die Stimmung immer weiter. Das ukrainische Medium united24media berichtet, dass unabhängigen Umfragen zufolge mittlerweile 81 Prozent der Russinnen und Russen einen sofortigen Stopp der Invasion befürworten. Auch Herman Gref, Chef der größten russischen Staatsbank Sberbank und über Jahre der finanzielle Rückhalt von Putins Regime, erklärte auf der Hauptversammlung der Bank, das wichtigste Anliegen für alle russischen Bürgerinnen und Bürger sei ein rasches Ende der Militäroperationen. Der Wunsch nach Frieden vereine die Bevölkerung.