Russland: Ukraine greift Yandex an - Folgen und Frontlage
Moskaus Schwachstelle
Russlands Tech-Gigant unter Beschuss – Putin droht ein Engpass
12.10.2026 - 11:00 UhrLesedauer: 5 Min.
Ukrainische Drohnen haben drei Rechenzentren des russischen Technologieriesen Yandex getroffen. Die Angriffe könnten Russlands KI-Entwicklung langfristig ausbremsen. Unterdessen gehen die Kämpfe in der Ostukraine weiter.
Mit den Angriffen auf die Yandex-Rechenzentren haben ukrainische Drohnen Russland an einer empfindlichen Stelle getroffen. Grund sind unter anderem die Supercomputer, die sich dort nach früheren Angaben von Yandex befunden haben sollen. Mit ihnen entwickelt der Konzern KI-Modelle.
Am Donnerstag brach etwa im Rechenzentrum Sasowo nach einem Angriff Feuer aus. Ob die Hochleistungsrechner noch funktionieren, ist unklar. Sollten sie zerstört sein, hätte Russland ein Problem: Die dafür benötigten Chips sind wegen westlicher Sanktionen nur mit erheblichem Aufwand zu beschaffen. Geld allein kann den Schaden nur schwer beheben.
Im Video | Russland: Rauchwolke verdunkelt Himmel
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Und es blieb nicht bei diesem einen Angriff. Am Freitag trafen Drohnen ein Rechenzentrum in Kaluga, am Sonntag eine Anlage in Wladimir. Letztere musste vollständig schließen. Die Ukraine traf damit drei Standorte binnen vier Tagen, Hunderte Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.
Yandex gilt als das "russische Google", es betreibt Russlands wichtigste Suchmaschine sowie mit Yandex Maps einen der meistgenutzten Kartendienste des Landes. Hinzu kommt der Fahrdienst Yandex Go, das russische Pendant zu Uber. Zudem stellt der Konzern zahlreichen Unternehmen Cloud-Dienste bereit. Die Angriffe treffen damit auch die Kunden des Konzerns.
Russlands digitale Infrastruktur unter Beschuss
Schon jetzt gibt es massive Einschränkungen, etwa bei der Dating-App Pulse. Ihre 8.000 Nutzer konnten die App nach dem Angriff nicht mehr öffnen. Betreiber Alexander Sawizki hatte laut der Nachrichtenagentur Reuters auch keinen Zugriff auf die Datensicherung. "Wir haben keine Bestätigung, dass tatsächlich Daten verloren gegangen sind. Aber die Lage ist ernst: In dem Projekt stecken drei Jahre Arbeit", sagte er. Pulse fürchtet, Kunden dauerhaft zu verlieren.
Dabei blieb es nicht: Auch die Webseite der russischen Eisenbahn war gestört. Die Immobilienplattform Cian, das Buchportal Litmarket und die Webseite des Fußballklubs Spartak Moskau meldeten ebenfalls Probleme. Bei einem staatlichen Busunternehmen im Moskauer Umland fiel zudem der Online-Ticketverkauf aus.
Wie groß der Schaden insgesamt ist, bleibt unklar. Doch eine vom Institute for the Study of War (ISW) zitierte Messung der Organisation Internet Outage Detection and Analysis zeigt das Ausmaß der Störung: Seit dem ersten Angriff sank die Antwortkapazität des Yandex-Cloud-Netzes für externe Verbindungen um rund 78 Prozent. Verlässliche Rückschlüsse auf die Anzahl der zerstörten Server lassen sich daraus nicht ziehen. Doch die Erreichbarkeit brach massiv ein.
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Das eigentliche Problem liegt in den Chips
Yandex versucht, die Rechenlast über andere Standorte aufzufangen. Doch mit jedem weiteren Angriff wird das schwieriger. Die Analystin Maryana Lazaricheva warnt bei Reuters: "Wenn die Angriffskette anhält, entfällt diese Möglichkeit." Die Folgen zeigen sich bereits am Aktienmarkt: Die Yandex-Aktie gab zeitweise um mehr als vier Prozent nach.
Noch schwerer als der wirtschaftliche Schaden könnte der Verlust der Supercomputer wiegen. Sie nutzen leistungsfähige Nvidia-Prozessoren für die Entwicklung von KI-Modellen. "Der Umfang der Schäden an der Infrastruktur wird noch untersucht", erklärte Yandex. Zum Zustand der Supercomputer äußerte sich der Konzern nicht.
Sollten deren Hochleistungsprozessoren beschädigt sein, könnten die Folgen lange nachwirken. Westliche Exportkontrollen erschweren die Einfuhr moderner Halbleiter. Das ISW rechnet deshalb mit Verzögerungen beim Ersatz. Russlands KI-Entwicklung könnte darunter leiden.
USA erhöhen Druck auf Ukraine
Ein vollständiger Zusammenbruch des russischen Internets ist dennoch nicht zu erwarten. Der Digitalexperte Sarkis Darbinjan erklärte dem Exilmedium "Meduza", dass große Anbieter ihren Datenverkehr auf andere Standorte umleiten könnten. Dennoch: Jeder weitere Treffer belastet diese Reserven und erhöht die Kosten für Reparaturen.
Darin liegt auch die Strategie der Ukraine. Kiew nimmt nach Raffinerien und Logistikzentren zunehmend auch Russlands digitale Infrastruktur ins Visier.
Russland hatte zuvor ukrainische Rechenzentren angegriffen. "Wir reagieren immer spiegelbildlich", sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Zugleich wächst der politische Druck auf Kiew, seine Angriffe auf die russische Wirtschaft einzuschränken. US-Präsident Donald Trump hat am Sonntag überraschend eine sofortige Waffenruhe für Angriffe auf Energieanlagen verkündet. Beide Kriegsparteien hätten zugestimmt, behauptete er. Doch aus Moskau kam zunächst keine Bestätigung. Selenskyj erklärte gegenüber dem Nachrichtenportal "Axios", die Ankündigung sei für ihn neu. Die Ukraine sei zu einer solchen Vereinbarung bereit, sofern Russland ebenfalls mitmache.
Nach ukrainischen Angaben griff Russland jedoch nach Trumps Erklärung ein Heizkraftwerk in Charkiw an.
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Von einer allgemeinen Waffenruhe ist ohnehin keine Rede. An der Front in der Ostukraine dauern die Kämpfe unvermindert an.
Wo Russland durchbrechen will
Am Sonntag meldete der ukrainische Generalstab bis 22 Uhr 231 Gefechte an der Front, die meisten bei Kostjantyniwka und Pokrowsk. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
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Russland will vor allem den ukrainischen Verteidigungsgürtel aus Kostjantyniwka, Druschkiwka, Kramatorsk und Slowjansk in der Region Donezk erobern. Über die Städte verlaufen wichtige Nachschubwege. Moskau versucht, die Verteidiger von mehreren Seiten zu umfassen. Kiew muss verhindern, dass seine Truppen abgeschnitten werden.
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Besonders umkämpft ist Kostjantyniwka. Russische Truppen greifen die Stadt und Stellungen südwestlich von Druschkiwka entlang des Flusses Kasennyj Torez an. Bestätigte Geländegewinne gab es zuletzt nicht. Aufnahmen vom Wochenende zeigen weiterhin ukrainische Stellungen im Westen Kostjantyniwkas.
Bei Lyman gerät Russlands Plan ins Stocken
Weiter nördlich will Moskau über Lyman nach Slowjansk vorstoßen. Dafür müsste die russische Armee Lyman einnehmen und den Fluss Siwerskyj Donez überwinden. Ukrainische Gegenangriffe haben diesen Plan zuletzt gestört. Laut ISW kam Russland am Wochenende nicht voran. Bei Saritschne nordöstlich von Lyman stehen russische Stellungen laut einem russischen Militärblogger unter Druck.
Auch östlich von Slowjansk hielten ukrainische Truppen dem russischen Druck stand. Während Moskaus Soldaten entlang des Südufers des Siwerskyj Donez angriffen, gingen ukrainische Einheiten bei Raj-Oleksandriwka zum Gegenangriff über. Ein russischer Durchbruch würde den Verteidigungsgürtel von Osten bedrohen.
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Im Südwesten versucht Russland unterdessen, über Dobropillja vorzurücken und die ukrainischen Stellungen westlich des Flusses Kasennyj Torez zu umgehen. Moskau beanspruchte zuletzt die Orte Petriwka und Nowotrojizke für sich. Doch die als Beleg verbreiteten Aufnahmen einer Flaggenhissung wurden laut ISW mithilfe künstlicher Intelligenz verändert. Auch für die von Russland behauptete Einkesselung ukrainischer Truppen bei Dobropillja fehlen Belege.
Personal bleibt Schwachstelle der Ukraine
Kiew kann örtliche Erfolge kaum ausbauen. Laut einer Recherche der Nachrichtenagentur AP sind manche Einheiten nur noch halb so stark wie vorgesehen. Weil Ersatz fehlt, bleiben Soldaten teilweise monatelang ohne längere Ablösung im Einsatz.
"Mit der Ausrüstung und der Zahl der Leute, die wir heute haben, reicht es gerade, um unseren jetzigen Abschnitt zu halten", sagte der stellvertretende Bataillonskommandeur mit dem Kampfnamen "Afer" der AP. Für weitere Vorstöße müsse seine Einheit höhere Verluste in Kauf nehmen.
Auch an anderen Frontabschnitten halten die Kämpfe an. Bei Kupjansk versucht Russland, ukrainische Nachschubwege über den Oskil zu treffen. Weiter südlich wollen russische Truppen Orichiw in der Region Saporischschja umfassen. Das ISW bestätigte dort zuletzt einen kleineren ukrainischen Vorstoß. Ein russischer Militärblogger beklagte Personalmangel und schleppende Angriffe. Moskaus längerfristiges Ziel bleibt es, die Großstadt Saporischschja in Reichweite seiner Rohrartillerie zu bringen.
Beide Seiten stehen damit vor Problemen. Die Ukraine trifft Russland tief im Hinterland, verfügt aber über zu wenige Soldaten, um ihre Erfolge an der Front entscheidend auszubauen. Moskau wiederum muss immer mehr Infrastruktur gegen Drohnen schützen, während seine Offensive im Osten nur langsam vorankommt. Ob die Angriffe auf Yandex langfristig schwerwiegende Folgen haben, hängt vor allem davon ab, welche Technik tatsächlich zerstört wurde.
Verwendete Quellen
Nachrichtenagenturen dpa, AFP, AP und Reuters
yandex.com: "What is happening to our data centers, the iron heart of Yandex" (englisch)
criticalthreats.org: "Russian Offensive Campaign Assessment, October 11, 2026" (englisch)
criticalthreats.org: "Russian Offensive Campaign Assessment, October 9, 2026" (englisch)
axios.com: "Trump bears down on Zelensky as Russia keeps up attacks on Ukraine" (englisch)
ioda.inetintel.cc.gatech.edu: "All Networks / AS200350 (YandexCloud)" (englisch)
Quellen anzeigen
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