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Russland unterhält Geisterstadt in Norwegen: Ein Besuch in Pyramiden

Welt

Bergbausiedlung Pyramiden

Russlands Geisterstadt auf Nato-Gebiet

Eine Reportage von Tobias Schibilla

Aktualisiert am 04.10.2026 - 12:23 UhrLesedauer: 7 Min.

Einst gruben Hunderte Bergleute in der sowjetischen Siedlung Pyramiden nach Kohle. Mittlerweile nutzt Moskau die Siedlung im norwegischen Spitzbergen auf andere Weise – sie aufzugeben, kommt nicht infrage.

Tobias Schibilla berichtet von Spitzbergen

Majestätisch türmt sich der Nordenskiöld-Gletscher hinter Pyramiden auf. In der ehemaligen Bergbausiedlung, die zuerst von der Sowjetunion betrieben wurde und seit deren Zusammenbruch vom russischen Staatskonzern Arktikugol verwaltet wird, ist es still. Nur einige Möwen, die sich in den zerbrochenen Fenstern der früheren Familienunterkunft niedergelassen haben, schreien ohne Unterlass.

"Wir nennen es das Tollhaus", erklärt die Touristenführerin Anastasia. Früher hätten die Kinder der Familien, die hier gelebt haben, auf den breiten Fluren gespielt und dabei laut herumgeschrien. "Heute schreien die Möwen."

Pyramiden liegt am Ufer des Billefjords auf Spitzbergen, einer zu Norwegen gehörenden Inselgruppe in der Arktis. Keine Straße führt in den Ort, die nächste Siedlung Longyearbyen liegt rund 50 Kilometer Luftlinie entfernt. In den Sommermonaten leben hier noch etwa 50 bis 80 Menschen dauerhaft, erklärt Anastasia.

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Zwar ist Spitzbergen ein Teil des norwegischen Staatsgebietes. Doch der Boden, auf dem Pyramiden steht, gehört dem russischen Staatskonzern Trust Arktikugol.

Die Geisterstadt wird zur Touristenattraktion

1998 gab das Unternehmen den Bergbau in Pyramiden auf, aber es subventioniert den Ort trotzdem weiter, der sich mittlerweile zur Touristenattraktion entwickelt hat. Arktikugol hat Pyramiden in ein Freilichtmuseum umgewandelt, in dem die russisch-sowjetische Geschichte der Siedlung präsentiert wird. Die Nostalgie soll russische Touristen anlocken, das generelle Interesse an der Geisterstadt internationale Besucher.

Aber Pyramiden ist weitaus mehr als nur eine Touristenattraktion. Für Russland ist es ein Außenposten auf norwegischem Territorium von hohem symbolischem Wert – nach innen wie außen.

Davon zeugt auch die Lenin-Büste, die auf einem Sockel vor dem ehemaligen Kulturzentrum von Pyramiden steht und über den Billefjord zum Nordenskiöld-Gletscher blickt. Gegründet wurde Pyramiden allerdings nicht von Russen, sondern von Schweden. Eine Expedition aus Stockholm steckte hier 1910 die ersten Kohlefelder ab und gab der Siedlung in Anlehnung an den pyramidenförmigen Berg, der über ihr thront, ihren Namen.

Pyramiden wird zur Mustersiedlung

1926 verkaufte Schweden die Schürfrechte an eine sowjetische Gesellschaft, die sie 1931 wiederum an den neu gegründeten Trust Arktikugol weitergab. Den Zweiten Weltkrieg überstand Pyramiden unbeschadet, anders als die zweite russische Siedlung Barentsburg und das norwegische Longyearbyen, die beiden weiteren großen Orte auf dem Archipel in der Arktis.

Danach bauten die Sowjets Pyramiden zur Mustersiedlung aus: Sie errichteten ein Kulturhaus mit Konzertsaal für bis zu 300 Menschen, eine beheizte Schwimmhalle, eine Schule, einen Kindergarten und Ställe sowie Gewächshäuser, in denen Gemüse und sogar Wassermelonen angebaut wurden. Der norwegische Archäologe Hein Bjerck beschrieb Pyramiden in einem Artikel für die Denkfabrik Arctic Institute als Schaufenster: einen der wenigen sowjetischen Außenposten jenseits des Eisernen Vorhangs.

Wer heute durch die Gebäude in Pyramiden läuft, bekommt das Gefühl, in einer Zeitkapsel gelandet zu sein. In der ehemaligen Schule hängen Kinderzeichnungen von Rentieren und Gletscherlandschaften an den Wänden, in den Zimmern der Wohnhäuser befinden sich noch Möbel, Bücher stehen in den Regalen. Dabei leben die meisten Familien schon seit mehr als 30 Jahren nicht mehr in Pyramiden.

Tourismus bricht nach Invasion in der Ukraine ein

Nach dem Ende der Sowjetunion fehlte Russland, das sich damals in einer schweren Wirtschaftskrise befand, das Geld, um mit Barentsburg und Pyramiden zwei Bergbausiedlungen zu betreiben. Schwere Unglücke verschärften die Situation. Nur noch wenige Menschen wollten von Russland nach Spitzbergen ziehen, wie die Fremdenführerin Anastasia erzählt. Mehr als 20 Bergarbeiter starben nach 1990 in den Gruben. Am 29. August 1996 stürzte ein russisches Flugzeug im Landeanflug auf Longyearbyen am Operafjöllet ab, 141 russische und ukrainische Bergleute und Ingenieure kamen ums Leben.

Im März 1998 wurde die letzte Kohle aus den Bergen bei Pyramiden geholt, im darauffolgenden Herbst war der Ort bereits verlassen. In den neun Jahren danach verfiel die Siedlung zusehends, bis Arktikugol im Jahr 2009 entschied, aus dem Ort ein Freiluftmuseum zu machen.

Im Jahr 2013 fand die Wiederöffnung des Hotels in Pyramiden statt, auch die zweite russische Siedlung Barentsburg legte ein umfangreiches Tourismuskonzept vor. Damit landete Arktikugol einen Coup. Während 2014 noch rund 20.000 Touristen die beiden Ortschaften besuchten, waren es 2020 dem Staatskonzern zufolge schon 37.000.

Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 brach dieses Geschäftsmodell allerdings zusammen. Die norwegische Tourismusbranche in Longyearbyen beendete die Zusammenarbeit mit Arkikugol, seitdem gibt es keine regulären Touren von Longyearbyen aus mehr in die Geisterstadt. Ein herber Schlag für den Tourismus auf dem Archipel, denn bei Longyearbyen liegt der einzige Flughafen Spitzbergens, auf dem auch Touristen aus Russland ankommen.

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Seitdem haben Russen nur noch zwei Möglichkeiten, nach Spitzbergen und damit auch Pyramiden zu kommen. Entweder müssen sie ein Visum beantragen – und die gibt Norwegen nicht so leicht an Russen heraus – oder sie müssen von Murmansk aus vier Tage mit dem Schiff nach Barentsburg fahren.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Norwegische Reiseanbieter fahren Pyramiden und Barentsburg auf ihren Touren von Longyearbyen aus an, lediglich einige russische Schiffe bringen Touristen in die Orte. Das hat drastische Folgen für den Tourismus: Lediglich noch 7.000 Touristen besuchten den Ort im Jahr 2025, wie die staatliche russische Nachrichtenagentur Interfax berichtet.

Geisterstadt ist Minusgeschäft für Moskau

Und dennoch will Moskau das Geschäft mit der Vergangenheit nicht aufgeben. Alexej Tschekunkow, Russlands Minister für die Entwicklung des Fernen Ostens und der Arktis und seit 2022 für Arktikugol zuständig, nannte Barentsburg und Pyramiden "Zeitkapseln".

Arktikugol-Chef Ildar Newerow meldete fürs Jahr 2025 den höchsten Tourismusumsatz in der 95-jährigen Geschichte des Trusts, obwohl weniger Gäste kamen als im Jahr davor. Tschekunkow sprach in der Zeitung "Wedomosti" von einer Verdopplung. Absolute Zahlen nannte keiner der beiden, eine Zahl für Pyramiden allein gibt es nicht. Nachprüfen lassen sich die Behauptungen deshalb nicht.

Auch an wen das Geld der Touristen in Pyramiden geht, ist unklar. Zwar können Besucher im Hotel und im Souvenirshop mit westlichen Kreditkarten zahlen, auf der Kreditkartenrechnung erscheinen Zahlungen allerdings nur mit der ominösen Bezeichnung "Paypal_*nordic partner". Diese verweist auf den US-Zahlungsdienstleister PayPal, der seine Dienste in Russland eigentlich nach dem Angriff auf die Ukraine eingestellt hat. Ein Unternehmen namens "Nordic Partner" findet sich im norwegischen Handelsregister nicht, eine t-online-Anfrage zum Weg des Geldes ließ PayPal unbeantwortet.

Die Arktikugol-Bilanz zeigt, dass der Betrieb in Pyramiden und Barentsburg für den russischen Staat ein deutliches Minusgeschäft ist. Im Jahr 2024 erwirtschaftete der russische Staatskonzern einen Umsatz von 656 Millionen Rubel (rund 6,8 Millionen Euro), wurde gleichzeitig aber mit rund 950 Millionen Rubel (rund 9,9 Millionen Euro) aus Moskau subventioniert. Die Hilfszahlungen stiegen 2025 sogar auf etwa 1,5 Milliarden Rubel (etwa 15,6 Millionen Euro) an.

Russische Symbolpolitik in der Arktis

Doch die beiden russischen Siedlungen auf Spitzbergen sind für Moskau zu wichtig, als dass Russland sie aus finanziellen Gründen aufgeben würde. Ihr Wert liegt im Symbolischen. Die Präsenz in der Arktis sei das, was für Russland zähle, nicht damit Geld zu verdienen, erklärt der norwegische Politikwissenschaftler Arild Moe im Gespräch mit t-online.

Das sieht auch der ehemalige Chef von Arkikugol, Alexander Wesselow, so. In einem Gespräch mit dem russischen Arktischen Institut erklärte er im Jahr 2019, Pyramiden müsse erhalten bleiben – als "historisches Denkmal der sowjetischen Eroberung der Arktis".

Vor diesem Hintergrund sind auch Aktionen wie jene vom August 2023 zu sehen. Damals weihte der russisch-orthodoxe Bischof Iakow hier ein Kreuz und erklärte Pyramiden dabei für russisch, wie der "Barents Observer" berichtete. Das sieben Meter hohe Kreuz trägt das Georgsband, das in Russland heute auch für die Unterstützung des Kriegs gegen die Ukraine steht.

Weil es ohne Genehmigung in einem Schutzgebiet nördlich des Hafens errichtet worden war, ordnete der oberste Repräsentant Norwegens in Spitzbergen, der Sysselmester, an, es zu entfernen. Der Einspruch der russischen Seite dagegen scheiterte am Umweltministerium in Oslo, heute steht das Kreuz innerhalb der Siedlung.

Im Juni 2024 stieg Arktikugol-Manager Newerow auf den Pyramiden-Berg und hisste eine fünf mal drei Meter große Sowjetflagge, größer als jede norwegische Flagge auf der Inselgruppe. Am Kohlekran im Hafen ersetzte die Sowjetfahne die norwegische. Zum 9. Mai 2023 wehte in Pyramiden sogar die Flagge der sogenannten Volksrepublik Donezk – in einem Ort, in dem zu Sowjetzeiten laut dem norwegischen Online-Lexikon "Store norske leksikon" Russen und Ukrainer lebten.

Moskaus Pläne schrumpfen zusammen

Die Russland-Historikerin Kari Aga Myklebost von der Arktischen Universität Norwegens in Tromsø sieht darin eine doppelte Strategie. Die sowjetischen Symbole würden als Teil des Tourismus vermarktet und sollten zugleich Russlands Präsenz stärken und Vorstellungen sowjetischer Größe wecken, sagte sie dem "Barents Observer". Russland investiere "kostengünstig, wenn nicht gar billig" in seine Präsenz und lote dabei aus, wie Norwegen reagiert.

Die großen Pläne, die Moskau einst für Pyramiden hatte, sind allerdings zusammengeschrumpft. 2023 beschrieb der Politikwissenschaftler Arild Moe noch in einer Forschungsarbeit, dass in der Geisterstadt ein Forschungsinstitut für Wissenschaftler aus den Brics-Staaten entstehen sollte. Doch in einem Gespräch mit der kremltreuen Zeitung "Wedemosti" erklärte der Arktikugol-Chef im Sommer 2026, dass diese Einrichtung in Barentsburg entstehen soll.

Somit bleibt Russland für Pyramiden nur noch der Tourismus: Bis 2040 sollen jährlich 50.000 Menschen die Geisterstadt besuchen. Ob der Plan aufgeht, liegt allerdings nicht nur an Moskau. Denn der Ortskern von Pyramiden steht nach norwegischem Recht unter Denkmalschutz, eventuelle Neubauten brauchen die Genehmigung des Gouverneurs in Longyearbyen. Dessen Büro will sich auf Anfrage nicht dazu äußern, ob Anträge von Arktikugol für Neubauten in Pyramiden vorliegen.

Verwendete Quellen

Eigene Beobachtungen in Pyramiden

Anfragen an Paypal, Arktikugol und an den Zahlungsdienstleister Paypal

Cambridge University Press: Arild Moe, Anne-Kristin Jørgensen, "Russia's policy of presence in Svalbard" (Englisch)

thearcticinstitute.org: "The Changing Nature of Russia's Arctic Presence: A Case Study of Pyramiden" (Englisch)

sysselmesteren.no: Flächennutzungsplan Pyramiden, Planbeschreibung und Bestimmungne (Norwegisch)

interfax-russia.ru: "'Арктикуголь' планирует принять на Шпицбергене в 2026г не менее 10 тыс. туристов" (Russisch)

spb.vedemosti.ru: "Число прямых морских рейсов из Мурманска на Шпицберген в 2026 году вырастет в два раза" (Russisch)

51.ru: "Что Россия делает в Норвегии, где арестовали судно из Архангельска: объяснил гендректор 'Арктикугля'" (Russisch)

thebarentsobserver.com: "Arktikugol asks permission to relocate illegal orthodox cross at Svalbard" (Englisch)

Quellen anzeigen

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