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Russland: Wladimir Putins Bürger schämen sich an der Kasse

Welt

Mehl, Benzin, Wasser, Strom – kaum etwas wird in Russland nicht teurer. Manche Preise verdoppeln sich innerhalb kürzester Zeit. Und was macht Wladimir Putin? Er lässt sie weiter erhöhen.

"Die Wahlen sind vorbei – die Preise sind gestiegen." Ein Satz, der in Russland in den vergangenen Wochen fast zu so etwas wie einer Volksweisheit geworden ist. Er stammt von Swetlana Ischilenko – einer 36-jährigen Supermarktmitarbeiterin aus Sotschi. Besser gesagt: einer ehemaligen Supermarktmitarbeiterin. Denn der Satz kostete sie den Job.

Die Geschichte nahm kurz nach den sogenannten Wahlen in Russland im vergangenen September ihren Lauf. Einen Tag danach veröffentlichte Swetlana zusammen mit ihrer Kollegin Alisa Kunjaschowa ein Video in den sozialen Netzwerken, auf dem die zwei Frauen Preisschilder in einem Supermarkt austauschen. Die neuen Preisschilder offenbarten dabei Preissteigerungen zwischen 18 und 33 Prozent – buchstäblich von einem Tag auf den anderen.

Russland: "Wie aus dem Nichts haben sich die Preise verdoppelt"

Das Video verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Millionen Russen haben es inzwischen gesehen und geteilt. In den Kommentaren teilen sie ihre Beobachtungen aus ganz Russland. "Wir gehen inzwischen in den Supermarkt wie in ein Museum. Es ist peinlich, jemandem seinen Einkaufskorb zu zeigen", schrieb ein Nutzer. Ein anderer kommentierte: "Ich bin völlig fassungslos – was ist mit den Preisen los?" Eine junge Frau fügte angesichts der neuen Preise sarkastisch hinzu: "Ich fange an zu stehlen."

Die Preissteigerungen beschränken sich nicht auf eine Supermarktfiliale in Sotschi. Überall in Russland berichten Menschen von regelrechten Preisexplosionen. Eine Frau aus der Stadt Irkutsk unweit der Grenze zur Mongolei erzählte etwa: "Mehl kostete früher 36 bis 45 Rubel, jetzt 84." Nach aktuellem Kurs sind 84 Rubel 0,91 Euro. Eine Preissteigerung von mindestens 86 Prozent.

"Die Wahlen sind vorbei – und zack gibt es schon wieder eine Preiserhöhung", sagte sie dem Lokalableger des unabhängigen Mediums "Radio Swoboda". "Wie aus dem Nichts haben sich die Preise verdoppelt. Offen gesagt, habe ich inzwischen Angst, überhaupt noch in den Supermarkt zu gehen. Ich fürchte, dort die Hälfte meines Gehalts liegen zu lassen", gestand die zweifache Mutter.

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Preise in Russland steigen – die Renten nicht

Ein Mann aus der Stadt Ussolje-Sibirskoje am Fluss Angara erinnerte sich, dass ein ganzes Hähnchen 2022 rund 180 Rubel gekostet habe – heute sind es mehr als 500. "Das ist fast das Dreifache", empörte er sich. Allein im Vergleich unmittelbar vor und nach den Wahlen sei der Preis um rund 50 Prozent gestiegen.

In Nowosibirsk wählt eine 65-jährige Rentnerin ihren Supermarkt inzwischen nach den Eierpreisen aus. Dorthin, wo eine Zehnerpackung Eier mehr als 120 Rubel kostet, geht sie nicht mehr. Sie fährt dorthin, wo sie 109 Rubel zahlt. "Noch kurz vor den Wahlen kosteten die günstigsten Eier 95 Rubel", berichtete sie im Gespräch mit "Sibir.Realii". Ihre Rente sei hingegen nicht gestiegen. Die durchschnittliche Rente in der Region liegt nach offiziellen Angaben der russischen Regierung (Stand: Juli 2026) bei rund 25.000 Rubel oder 270 Euro.

Grundnahrungsmittel verteuern sich rapide – Gurken für 16 Euro

Die amtliche Statistik bestätigt die Aussagen aus der Bevölkerung. Selbst die geschönten Daten des föderalen Dienstes für staatliche Statistik zeigen: Eier verteuerten sich allein im September um 8,6 Prozent. In der ersten Oktoberwoche stiegen die Preise um weitere 2,2 Prozent, in der zweiten um noch einmal 2,4 Prozent.

Der in Russland zu Grundnahrungsmitteln gehörende Buchweizen verteuerte sich im Zeitraum zwischen dem 6. Juli und dem 12. Oktober 2026 um 14,3 Prozent. Kartoffeln verteuerten sich innerhalb eines Jahres um 24,6 Prozent, Zwiebeln um 24,4 Prozent, Hähnchenfleisch um 14,9 Prozent.

Was in der offiziellen Statistik untergeht, sind die extremen Ausreißer. Besonders eindrücklich ist die Lage im hohen Norden Russlands, wo ein Großteil der Lebensmittel eingeflogen wird. In dem Örtchen Pewek im Autonomen Kreis der Tschuktschen zahlt man für Gurken inzwischen 1.500 Rubel pro Kilogramm (umgerechnet 16,25 Euro). Vor den Wahlen in Russland waren es 1.200 Rubel oder umgerechnet 13 Euro.

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Kosten für Wasser und Strom schnellen in Russland in die Höhe

Die Lebensmittelpreise sind nicht die einzige finanzielle Belastung, die in Russland nach den Wahlen wächst. Am 24. September – vier Tage nach Abschluss der Abstimmung – unterzeichnete Ministerpräsident Michail Mischustin eine Verordnung, die die Obergrenzen für den Anstieg der Gesamtzahlung für kommunale Dienstleistungen für 2026 in sechs Regionen nach oben korrigierte.

Eine Erhöhung der Nebenkosten zum 1. Oktober war schon zuvor geplant. Das Dekret hob die Werte aber zusätzlich an – in der Region Kusbass von zwölf auf 19,8 Prozent, in Jakutien von 15 auf 18,9 Prozent. In der ersten Oktoberwoche stiegen in der Folge die Abwassergebühren im landesweiten Durchschnitt um 17,1 Prozent, die Preise für Kaltwasser um 15,3 Prozent, für Warmwasser um 14,2 Prozent und für Strom um zwölf Prozent.

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Preisexplosionen in Russland haben viele Gründe

Experten sehen mehrere Faktoren, die sich auf die Preise in Russland auswirken und einander verstärken. Zum einen fehlt Treibstoff: Russland steht vor immensen Problemen. Benzin und Diesel sind rar geworden, die Preise sind gestiegen. Hinzu kommt eine wachsende Steuerbelastung für Unternehmen. Probleme im Agrarsektor sind ein weiterer Faktor. "Mitten in der Erntezeit für zahlreiche wichtige Feldfrüchte fehlt der Treibstoff, und zugleich gibt es Schwierigkeiten beim Export von Getreide", erläuterte die Wirtschaftsexpertin Tatjana Rybakowa im Gespräch mit "Radio Swoboda". Die Silos seien zwar voll, aber ein Teil der Ernte werde verderben, weil er nicht transportiert werden könne.

Während die Preise in Russland auf so gut wie alles steigen, sinken die Löhne – etwa die der Lehrer. Seit Anfang des Monats veröffentlichen Angehörige dieser Berufsgruppe ihre Gehaltsabrechnungen in den sozialen Netzwerken. Sie haben eins gemeinsam: Sie sind erstaunlich niedrig – und sinken noch weiter. Ein Englischlehrer aus Moskau empörte sich auf Instagram: "Im vergangenen Jahr ist meine Arbeit um etwa 20.000 Rubel weniger wert geworden, obwohl ich nicht weniger arbeite." Das Durchschnittsgehalt von Lehrern in Russland lag nach offiziellen Angaben 2024 bei rund 58.000 Rubel – umgerechnet 630 Euro.

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