Russlands Amazon im Visier: Ukraine will bald alle Wildberries
Schon seit Monaten attackieren die ukrainischen Truppen Raffinerien und andere Energieinfrastruktur in Russland. Seit einigen Wochen sind nun zudem Standorte des Logistikunternehmens Wildberries im Visier. In der Nacht zu Freitag war ein Verteilzentrum in Jekaterinburg das Ziel. Nach einem Drohnenangriff brach dort ein Brand aus, wie Wildberries auf Telegram mitteilte. Die Millionenstadt liegt weit im russischen Hinterland am Ural. Nach Angaben der Agentur Reuters auf Grundlage von Satellitenbildern wurden inzwischen fast 20 große Logistikzentren teilweise oder vollständig zerstört, obwohl sie oft weit hinter der Frontlinie liegen. Ein Fünftel der Lagerkapazität soll bereits nicht mehr nutzbar sein. Eine große Zahl russischer Kleinunternehmen verkauft ihre Waren über die Lager von Wildberries, das oft als Russlands Amazon beschrieben wird. Nun gibt der Kommandeur der ukrainischen Drohneneinheiten, Robert Brovdi, im Krieg gegen die Armee des russischen Machthabers Wladimir Putin ein klares Ziel vor. Spätestens im September sollen alle Logistiklager von Wildberries zerstört worden sein. „Nichts wird übrig bleiben“, sagte Brovdi dem Online-Portal für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik „The Baltic Sentinel“. „Sie können das als Versprechen auffassen.“ Brovdi sagte weiter: „Dies ist ein Appell – wenn auch ein ziemlich nachdrücklicher – an Putin, radikale Maßnahmen zu ergreifen. Und mit radikalen Maßnahmen meinen wir, verdammt noch mal aus der Ukraine abzuziehen und das Blutvergießen zu beenden.“ Der 50-Jährige kommandiert seit etwas mehr als einem Jahr die Truppen für unbemannte Systeme der ukrainischen Streitkräfte. Er beaufsichtigt dem Bericht zufolge 14 spezialisierte Drohneneinheiten, die von Bataillonen bis hin zu Brigaden reichen und aus Tausenden Drohnenpiloten und ihren Mitarbeitern bestehen. Wildberries hatte in Russland eigenen Angaben zufolge Anfang 2026 mehr als 40 eigene Lagerhäuser. Inklusive Sortierzentren und weiteren Logistikeinheiten beläuft sich die Zahl auf mehr als 200 Logistikstandorte insgesamt. Ziel der ukrainischen Attacken sind bisher die großen Lager. Brovdi beschrieb die Angriffe auf die Logistikzentren von Wildberries in ganz Russland als eine Möglichkeit, die russische Gesellschaft zu beeinflussen, weil das Unternehmen „Millionen von Verkäufern“ miteinander vernetze. „Mehr als eine Million Verkäufer in einem Land mit 140 Millionen Einwohnern. Jeder Verkäufer beschäftigt weitere zwei, drei oder sogar zehn Menschen“, sagte Brovdi. Bis zu 400.000 Russen sind einem Bericht der Agentur dpa zufolge als Händler auf der Online-Plattform unterwegs – und erleiden enorme Verluste, die der Internetriese ihnen nur zu einem Bruchteil ersetzt. In den sozialen Netzwerken sind die Klagen groß. Etwa die Hälfte des russischen E-Commerce läuft über Wildberries. „Die Verkäufe sind im letzten Monat um etwa 50 Prozent eingebrochen, weil es fast keine Lieferungen mehr gibt“, zitierte Reuters am Freitag Wassili Klimow, der eine Abholstation für Wildberries in Moskau betreibt. Sein Geschäft habe im letzten Monat Verlust gemacht. Inzwischen beobachtet der Agentur zufolge auch die russische Zentralbank die Lage und mögliche Auswirkungen auf die Inflation. Ende Juli teilte die Sberbank, Russlands größtes Kreditinstitut und eine mehrheitlich staatlich kontrollierte Bank, mit, sie könnte ihre Rückstellungen für Kreditausfälle erhöhen, nachdem die Drohnenangriffe die Bonität von Online-Händlern und Verkäufern beeinträchtigt hatten; rund 300 Unternehmen wollen derzeit eine Umschuldung ihrer Kredite. Ein dem Kreml nahestehender Insider warnte: „Es wird eine Pleitewelle geben. Niemand verfügt über die nötigen Mittel, um die Verkäufer zu stützen; es geht hier um Hunderte Milliarden Rubel. Das ist ein schwerer Schlag für die Wirtschaft.“ Wildberries zufolge werden 95 Prozent der Bestellungen an Abholstationen wie der von Klimow abgeholt. Die Lieferungen seien von zuvor 400 auf rund 150 Pakete am Tag gesunken, sagte er. Bei ihm kamen beispielsweise am Dienstag keine Pakete an. Er will sein Geschäft verkaufen. „Ich habe einfach nicht genug finanzielle Reserven, um durchzuhalten“, sagte er Reuters. Seit dem ersten Angriff am 18. Juli werden beinahe täglich Wildberries-Standorte attackiert, es gab Tote und Verletzte. Der Schaden wird einem Bericht des „Manager Magazins“ zufolge auf umgerechnet bereits etwa drei Milliarden Euro geschätzt. Wildberries-Gründerin und Chefin Tatyana Kim nannte die gezielten Angriffe auf ihr Unternehmen demnach einen „Akt des Terrorismus“. Der ukrainische Kommandeur Brovdi sagte weiter, der zweite Grund für die Angriffe sei, dass das Unternehmen seiner Ansicht nach „den Krieg aktiv unterstützt“. Wildberries vertreibe „SVO-Produkte“. SVO ist die russische Abkürzung für „spezielle Militäroperation“. Dies ist der Begriff, den Machthaber Wladimir Putin für Russlands großangelegte Invasion und den Krieg verwendet. „Sie haben nicht einmal versucht, die Tatsache zu verbergen, dass sie damit Geld verdienten – und immer noch Geld damit verdienen –, weil wir noch nicht alles niedergebrannt haben“, sagte Brovdi. Diese Argumentation wird aber sogar von der Ukraine wohlgesonnenen Beobachtern bezweifelt. Wildberries sei kein militärisches Ziel, sagte der Journalist Wladislaw Gorin der dpa zufolge in seinem Podcast beim russischen Exil-Medium „Meduza“. Die Argumentation sei mit der Moskaus vergleichbar, als das russische Militär im Winter Kraftwerke in der Ukraine bombardierte, weil die angeblich auch Wärme und Strom für ukrainische Soldaten produzierten, sagte Gorin demnach. Wie das österreichische Portal „News.at“ berichtet, wurden auf Wildberries Erste-Hilfe-Sets, Funkgeräte, Schutzwesten, Nachtsichttechnik und Bauteile für Drohnen angeboten. Eine eigene Kategorie mit dem Titel „Alles für die militärische Spezialoperation“, der russischen Bezeichnung für den Krieg, sei erst nach Beginn der massiven Angriffe im Juli 2026 verschwunden. Einzelne Produkte seien ausdrücklich mit ihrer Nutzung im Krieg beworben worden. „Meduza“-Recherchen zeigten dem Bericht zufolge zugleich, dass die öffentlich belegbare Versorgung nicht mit einer zentral gesteuerten Lieferkette des russischen Verteidigungsministeriums gleichgesetzt werden könne. Es sei möglich, dass ukrainische Dienste Informationen über konkrete militärische Warenströme durch bestimmte Wildberries-Zentren verfügen. Aus offenen Quellen lasse sich das nicht überprüfen. Tatsächlich hat Kyjiw bisher keine Belege für bestimmte Güter vorgelegt.