Rüstungskonzerne: Wer vom Geschäft mit Drohnen und KI profitiert
Noch vor wenigen Monaten galten Rheinmetall, Renk oder Hensoldt an der Börse als nahezu sichere Gewinner der europäischen Aufrüstung. Seit Herbst 2025 hat sich das Bild jedoch deutlich verändert. Viele Rüstungsaktien sind kräftig gefallen, Rheinmetall verlor in der Spitze mehr als 50 Prozent gegenüber seinem Rekordhoch. Volle Auftragsbücher allein reichen den Anlegern offenbar nicht mehr. Für Thomas Buckard vom unabhängigen Vermögensverwalter MPF ist die Korrektur zunächst die Folge einer zuvor überzogenen Euphorie an den Märkten. "Die Bewertungen der Rüstungsunternehmen sind durch die Begeisterung der Anleger in einfach zu hohe Regionen gestiegen", sagt Buckard im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion. Die Kurse hätten einen großen Teil der erwarteten Geschäftsentwicklung bereits vorweggenommen. "Software wird zur Kriegswaffe" Doch hinter der Neubewertung steckt noch mehr als die übliche Ernüchterung nach einer Börsenrally. Im Rüstungssektor findet ein struktureller Wandel statt: Die Kriege in der Ukraine sowie im Nahen und Mittleren Osten unterstreichen die Bedeutung unbemannter Luftfahrtysteme und moderner Abwehrtechnik. "Die Software wird zur Kriegswaffe", sagt MPF-Vorstand Buckard. "Zugleich verändern Drohnen die Kostenstruktur." Tatsächlich sind diese deutlich günstiger als bemannte Kampfjets und können deshalb in größerer Zahl eingesetzt werden. Die moderne Kriegsführung schärft damit den Blick darauf, welche Technologien militärisch entscheidend sind - und welche Unternehmen über das nötige Wissen verfügen. Hätten früher Panzer und Minen im Fokus gestanden, seien es heute Drohnen, Raketen und gerichtete Energiewaffen, so Buckard. Rekordinvestitionen in Rüstungs-Start-ups Kleine, spezialisierte Firmen gewinnen an Bedeutung, weil sie ihre Produkte häufig rascher entwickeln und an neue Anforderungen anpassen können. Damit verschieben sich auch Wertschöpfung und Machtverhältnisse innerhalb der Rüstungsindustrie. Für Mathias Beil, Leiter Private Banking bei der Hamburger Sutor Bank, ist dieser Wandel längst sichtbar: "Die Kombination aus Drohnen, Sensoren, Software und KI ist kein Nischenthema mehr, sondern ein klar definierter Wachstumsbereich. Das sieht man auch an den Finanzierungsrunden. Immer mehr Unternehmen beteiligen sich an diesen Firmen." Die Investitionen in Start-ups der Branche sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Nach Berechnungen von McKinsey floss 2025 so viel Risikokapital wie nie zuvor in europäische Rüstungs-Start-ups: 2,6 Milliarden Euro - nach rund 200 Millionen Euro im Jahr 2021. In den USA war das Volumen allerdings fast dreimal so hoch. Große Konzerne setzen auf Kooperationen MPF-Vorstand Buckard erwartet, dass etablierte Rüstungskonzerne wie Rheinmetall, Airbus und BAE Systems künftig einen Teil ihrer hohen Gewinne für Beteiligungen nutzen werden. Aus klassischen Waffenherstellern werden damit zunehmend auch Technologie-Investoren. Doch mit Start-up-Beteiligungen ist es womöglich nicht getan. Die großen Rüstungskonzerne könnten noch einen Schritt weitergehen, erwartet Sutor-Experte Beil: "Man wird nicht umhinkommen, mit diesen kleineren Unternehmen zu kooperieren, vielleicht auch Übernahmen zu forcieren, um dieses Know-how tatsächlich an Bord zu holen." Wettbewerb um Jagdbomberdrohne für die Bundeswehr Wie eng Start-ups und etablierte Anbieter bereits zusammenarbeiten, zeigt der Wettbewerb um ein unbemanntes Kampfflugzeug für die Bundeswehr. Das Münchner Technologie-Start-up Helsing entwickelt dafür die KI-gestützte CA-1 Europa und arbeitet mit dem Sensorspezialisten Hensoldt aus dem MDAX zusammen. Helsing steht beispielhaft für den Aufstieg der neuen Anbieter von Rüstungstechnologie. Nach einer Finanzierungsrunde im Juli über 1,8 Milliarden Dollar wird das Unternehmen mit 18 Milliarden Dollar bewertet - und ist damit das wertvollste europäische Rüstungs-Start-up. Software und Drohnen für die Aufklärung Auch andere deutsche Start-ups besetzen zentrale Bausteine der neuen Rüstungswelt. Quantum Systems, bei seiner jüngsten Finanzierungsrunde mit acht Milliarden Dollar bewertet, entwickelt unter anderem Aufklärungsdrohnen. Das 2025 übernommene Start-up Spleenlab liefert dafür die auf Künstlicher Intelligenz basierende Software. Die Münchner Firma SE3 Labs wiederum hat eine KI-Plattform entwickelt, die Daten aus verschiedenen Sensoren zusammenführt und daraus ein dreidimensionales Lagebild des Gefechtsfelds erstellt. Panzer und Munition bleiben gefragt Trotz des Booms bei Drohnen und Künstlicher Intelligenz werden klassische Rüstungsgüter nicht überflüssig. Mit Drohnen allein lässt sich ein Land nicht verteidigen; moderne Streitkräfte benötigen weiterhin Panzer, Flugzeuge, Schiffe und Munition. Der Marktforscher Fortune Business Insights schätzt, dass der weltweite Markt für gepanzerte Fahrzeuge von 25,2 Milliarden Dollar im Jahr 2025 auf 41,5 Milliarden Dollar im Jahr 2034 wachsen wird. Das Wachstum kommt nicht nur von den steigenden Verteidigungsausgaben angesichts geopolitische Spannungen, sondern auch die Modernisierung alter Fahrzeugflotten spielt eine Rolle. "Ersatzbeschaffungen und Ergänzungen der aktuellen Paletten spielen für die großen Rüstungskonzerne eine sehr, sehr große Rolle", unterstreicht Beil von der Sutor Bank. Volle Auftragsbücher, lange Lieferzeiten Die wohl größten Hürden für die großen Rüstungskonzerne sind derzeit nicht fehlende Aufträge oder die wachsende Konkurrenz durch spezialisierte Start-ups, sondern begrenzte Produktionskapazitäten und lange Lieferzeiten. Kapitalmarktexperte Beil ordnet das so ein: "Die Auftragsbücher sind zwar voll, aber bis sich das dann wirklich in Margen und entsprechenden Gewinnen niederschlägt, dauert das seine Zeit." Die Beratungsfirma McKinsey beziffert die Auftragsbestände großer westeuropäischer Verteidigungsunternehmen auf rund 20 bis 100 Milliarden Euro - in einzelnen Fällen ergeben sich daraus rechnerische Lieferzeiten von mehr als sechs Jahren. Investoren schauen genau hin Was bedeutet das für die Zukunft der großen Rüstungskonzerne an der Börse? MPF-Vermögensverwalter Buckard ist überzeugt, "dass der Rüstungsbereich in den nächsten Jahren auch wieder eine entsprechende Performance zeigen wird". Auch Sutor-Experte Beil sieht in den jüngsten Kursrückgängen lediglich eine Korrektur - und keine Trendwende. Doch volle Auftragsbücher allein reichen den Anlegern nicht mehr: An der Börse zählt künftig, wie schnell Rheinmetall und Co. liefern - und wie gut ihnen der Spagat zwischen Panzern und Drohnen, Munition und KI gelingt.