Ryanair: Airline kehrt Deutschland den Rücken - doch das ist nur der Anfang
Immer weniger Flugverbindungen
Airlines streichen mehr als 300.000 Flüge in Deutschland
Von t-online, llb
17.10.2026 - 12:15 UhrLesedauer: 4 Min.
Ryanair kehrt fast allen deutschen Flughäfen den Rücken – und ist damit nur das sichtbarste Zeichen eines viel größeren Problems. Branchenvertreter haben dafür einen klaren Schuldigen gefunden.
Der Teilrückzug von Europas größtem Billigflieger Ryanair vom Hauptstadtflughafen BER setzt nur den Schlusspunkt unter eine längere Entwicklung. Nach Angaben von Flughafenchefin Aletta von Massenbach lässt der "Ryanair-Effekt" schon in diesem Jahr die Passagierzahlen sinken: Statt der 26,1 Millionen aus dem Vorjahr erwartet sie nur noch 25,7 Millionen Passagiere. Einen weiteren Rückgang 2027 schließt sie nicht aus.
Das Problem reicht aber viel weiter zurück als bis zur Streichung der Ryanair-Verbindungen an den Flughäfen Berlin, Bremen, Dortmund, Dresden und Leipzig/Halle. Als Grund nennt das Airline-Management die aus seiner Sicht "exorbitanten" und im europäischen Vergleich nicht mehr wettbewerbsfähigen Steuern und Flughafengebühren in Deutschland.
Während die Luftfahrt in Europa boomt, wird es über deutschen Flughäfen zunehmend ruhiger. Für die führenden Luftfahrtverbände ist das ein verheerendes Signal – nicht nur für den Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern auch für Millionen Reisende, die am Ende die Zeche für die verfehlte Luftfahrtpolitik zahlen müssen.
Abgestürzt: 35 Millionen Sitzplätze gestrichen
Deutschlands Flughäfen verzeichnen laut einem Bericht der "Welt am Sonntag" seit Jahren einen deutlichen Einbruch bei Flügen und Flugverbindungen. Während der Luftverkehr in fast allen anderen europäischen Ländern wächst, haben Fluggesellschaften an deutschen Flughäfen mehr als 35 Millionen Sitzplätze aus den Flugplänen gestrichen.
Wirtschaftsverbände reagieren alarmiert und befürchten erhebliche Folgen für Branchen und Unternehmen, die besonders auf internationale Anbindung angewiesen sind. "Das ist ein heftiger Schlag", sagt BER-Chefin Aletta von Massenbach mit Blick auf die Ryanair-Ankündigung. Allein der Hauptstadtflughafen verliere dadurch rund 2,5 Millionen Sitzplätze pro Jahr.
Einer Analyse des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) zufolge haben Airlines hierzulande seit 2019 insgesamt 473 zuvor regelmäßig angebotene Flugverbindungen gestrichen und nur 349 neu aufgenommen, berichtet die "Welt am Sonntag". Zudem reduzierten die Fluggesellschaften auf vielen wichtigen Strecken massiv die Frequenz. Unter dem Strich sank die Zahl der Flüge von 1,7 auf unter 1,4 Millionen – ein Minus von 300.000 Flügen oder 18 Prozent.
Weniger Flüge und Maschinen: Ryanair streicht 700.000 Sitzplätze in Deutschland
Laut BDL verlor der BER im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau 28 Prozent seiner Flüge und büßte stark frequentierte Direktverbindungen wie nach Turin und Singapur ein. Auch die Zahlen von Flughäfen in Nordrhein-Westfalen und Norddeutschland schrumpften deutlich. Zuwächse verbuchten nur einige kleine Provinzflughäfen.
Deutschlands Angebot schrumpft, Europa fliegt davon
Aus Sicht der Luftfahrtbranche ist das sinkende Flugangebot die direkte Folge der hohen Steuern und Gebühren auf Flüge, die sich seit 2019 verdoppelt haben und weit über dem Niveau der europäischen Nachbarländer liegen.
Tatsächlich zählt Deutschland – neben Österreich und Island – zu den einzigen drei europäischen Ländern, in denen die Zahl der Flüge auch im ersten Halbjahr 2026 weiter geschrumpft ist. Während die Passagierzahlen auf europäischer Ebene neue Höchststände erreichen, bildet Deutschland laut Statistischem Bundesamt seit geraumer Zeit das Schlusslicht bei der Erholung des Flugverkehrs in Europa.
Der Flughafenverband ADV prognostiziert für das Gesamtjahr 2026 einen Rückgang um 1,4 Prozent auf etwa 217 Millionen Reisende. BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang warnt: "Deutschlands Regionen verlieren massiv an Konnektivität. Vor allem die Anbindung an die Wirtschaftsmetropolen Europas hat sich in den vergangenen Jahren wesentlich verschlechtert."
Teurer, langsamer, unflexibler: Was das für Reisende bedeutet
Für deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher führt die Kombination aus schrumpfendem Flugangebot und steigenden staatlichen Abgaben zu spürbaren Einschnitten bei der Reiseplanung. Reisende müssen sich auf deutlich höhere Ticketpreise, weniger Direktverbindungen und einen klaren Verlust an Flexibilität einstellen.
Wer sein Ziel erreichen will, weicht häufiger auf Umsteigeverbindungen über große europäische Drehkreuze wie London, Amsterdam, Paris oder Istanbul aus. Das verlängert die Reisezeit oft um mehrere Stunden.
Die steigenden Preise treffen viele Familien in einer Phase, in der die allgemeine Inflation und drastisch gestiegene Lebenshaltungskosten die Haushaltskassen ohnehin stark belasten. Für sie lohnt sich ein Auslandsurlaub finanziell immer weniger.
Die Forderung an Berlin: Abgaben halbieren
Die Verbände der deutschen Luftverkehrswirtschaft fordern von der Bundesregierung vor allem eine drastische Reduzierung der staatlichen Abgaben – konkret eine Halbierung aller Steuern und Gebühren auf den Luftverkehr ab Deutschland. Dazu zählen eine Reduzierung der Flugsicherungsgebühren, eine Deckelung der Luftsicherheitsabgaben und die ersatzlose Abschaffung der Luftverkehrsteuer.
Nur so lasse sich der massive Verlust an Flugverbindungen stoppen und der Luftverkehrsstandort international wieder wettbewerbsfähig machen, sagt Verbandschef Lang. Auch die Geschäftsführer der deutschen Tourismus- und Messewirtschaft fordern von der Politik Maßnahmen zur Verbesserung der Fluganbindung.
Der Druck auf die Politik wächst. Die Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz hat das Thema der hohen staatlichen Standortkosten im Luftverkehr zur Chefsache erklärt. Bereits im Mai hat der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das die Luftverkehrsteuer zum 1. Juli 2026 um rund 16 Prozent senkt.
Damit macht die Regierung die deutliche Erhöhung aus dem Jahr 2024 teilweise rückgängig, um den Bundeshaushalt zu entlasten und Airlines wieder an deutsche Flughäfen zu binden. Zudem kündigte das CDU-Präsidium an, mittelfristig weitere Reduzierungen anzustreben. Ob und wann weitere Entlastungen kommen, bleibt jedoch offen.