Saarbrücken meets Stanford: Gemeinsames KI-Forschungszentrum
Saarbrücken Für den Saarland Informatics Campus (SIC) ist es ein weiterer Trumpf in seinem Portfolio: Am außeruniversitären Saarbrücker Max-Planck-Institut für Informatik (MPI) entsteht ein neues KI-Forschungszentrum. Das Besondere: Der Kooperationspartner dieses neuen, am Dienstag am MPI angekündigten „Max Planck Center for Visual and Multimodal Artificial Intelligence (MPC-VMI) ist die „Stanford School of Engineering“ – und damit eine an der amerikanischen Eliteuniversität Stanford angedockte Nachwuchsschmiede im Dunstkreis des Silicon Valley.
Insoweit kommt dies wohl einer Art Ritterschlag gleich. In dem Fall womöglich für beide Seiten. Gehört das MPI doch in Sachen Computergrafik, Computer Vision und Maschinellem Lernen selbst zu den internationalen Top-Adressen. Zumal das neue Center hier einen direkten Vorläufer hat: Zwischen 2003 und 2020 gab es schon einmal ein auf dem Saarland Informatics Campus angesiedeltes Max-Planck-Center, in dem Saarbrücken und Stanford gleichfalls kollaborierten. Nur dass das damalige Max-Planck-Center, anders als heute, 18 Jahre lang komplett vom seinerzeitigen Bundesforschungsministerium getragen wurde.
Das tut, wenn auch nicht allein und auch nur für fünf Jahre, nun die saarländische Landesregierung. Den Aufbau des künftigen Grundlagenzentrums bezuschusst man aus dem Transformationsfonds (Trafo) mit 11,6 Millionen Euro. Insgesamt beläuft sich die Förderung auf 29 Millionen Euro: Den Löwenanteil tragen mit knapp 18 Millionen Euro die übrigen Partner – außer Stanford sind dies zwei weitere Geldgeber: die beiden Kooperationspartner Google und „Flawless AI“, ein in London beheimatetes, kometenhaft aufgestiegenes Ex-Startup mit 150 Mitarbeitern.
Innerhalb der deutschen Max-Planck-Gesellschaft konnte sich die Forschungskollaboration Saarbrücken-Stanford „gegen eine Vielzahl von Anträgen anderer Standorte durchsetzen“, so Christian Theobalt, Direktor des Saarbrücker MPI für Informatik. Die Idee des künftigen KI-Forschungszentrums, das bis Ende des Jahres seine Arbeit aufnehmen soll, ist es, das Forschungsknowhow beider Brutstätten – des Saarbrücker MPI- und des Stanford-Hotspots – gewinnbringend kurzzuschließen und „die besten Talente“ an sich zu binden, wie der in 9000 Kilometer Entfernung zugeschaltete Stanford-Professor Gordon Wetzstein meinte.
Bis zu 50 Forscher sollen in acht Forschungsgruppen perspektivisch am neuen MPC-VMI tätig sein, wobei die Mehrzahl Theobalt zufolge in Saarbrücken sitzen dürfte. Sie werden auch die Co-Betreuung der bis zu 20 Doktoranden schultern, die im Wechsel jeweils für ein bis zwei Jahren in Stanford bzw. Saarbrücken in die breit gestreute Forschung zu den Grundlagen künftiger „multimodaler KI-Systeme“ involviert sein werden.
Multimodal bezieht sich sowohl auf die Komplexität der Mensch-Maschine-Interaktion, die es zu optimieren gilt. Es bedeutet aber auch, dass in vielerlei Richtung KI-basierte Methoden und Problemlösungen erprobt und verfeinert werden sollen. Ob es um das Generieren von Avataren geht, den fehlerfreien Einsatz von Pflegerobotern oder „personalisierte KI-Assistenten“, sprich unsere Lern-Coaches von Übermorgen. Für alle diese Bereiche werden KI-Modelle benötigt, die die enorme Komplexität unserer zwischenmenschlichen Interaktion (verbal, mimisch, motorisch, kontextuell et cetera) zielführend, adäquat und „unfallfrei“ reproduzieren können. Die Modelle sollen mithin so agieren, sich so bewegen und so reden, dass wir sie – salopp gesagt – als satisfaktionsfähiges Gegenüber akzeptieren können.
Wie hochkomplex der Weg dahin ist, untersucht das Saarbrücker MPI seit geraumer Zeit in seinem Real Virtual Lab etwa, in dem Forscher des Max-Planck-Instituts mittels 60 hochauflösender 6K-Kameras und 13.000 LED-Leuchten menschliche Bewegungsmuster minutiös aufzeichnen, um die KI-Modelle so zu trainieren, dass sie sich am Ende realitätsecht bewegen. Eines der Forschungsfelder, in denen sich das MPI mittlerweile international viel Expertise erarbeitet. Und doch sind Bewegungsmuster nur ein Punkt, mit dem die Akzeptanz von Avataren oder Robotern steht und fällt.
Selbstredend nannte der saarländische Wissenschaftsminister Jakob von Weizsäcker (SPD) den Zuschlag für Saarbrücken im Bündnis mit Stanford einen „großen Erfolg für den Wissenschaftsstandort Saarland“ und die erheblichen Trafomittel einen „guten Hebel“, um im Verein mit Stanford den Standort zu stärken: „Wenn man führend bleiben will, muss man mehr Geschwindigkeit aufnehmen“, befand Weizsäcker. Ins gleiche Horn blies Prof. Christian Theobalt, als er meinte, dass das MPC-VMI „eine massive Stärkung des KI-Ökosystems“ vor Ort bedeute.
Gefragt, wie weit man sein können in fünf Jahren, wenn die Trafoförderung ausläuft und das Center bestenfalls von der Max-Planck-Gesellschaft weiter alimentiert wird, meinte Stanford-Forscher Wetzstein: „Fünf Jahre sind in diesen KI-Zeiten eine lange Zeit.“ Mit anderen Worten: Die KI-Revolution führt zu einer neuen Zeitrechnung. Er erwarte, meinte Wetzstein, dass sich Ende des Jahrzehnts etwa im Bereich Computergrafik– eine Saarbrücker MPI-Domäne – „echte Menschen oder Gebäude rekonstruieren“ ließen. Oder aber Roboter – deren Weiterentwicklung ein Kerngebiet ist, das Stanford in die Kollaboration einbringen wird – sich dank virtueller Welten, die unserer ununterscheidbar gleichen, selbst trainieren und optimieren können.
Wobei Wetzstein auch verdeutlichte, dass etwa die KI-generierten Bildwelten bereits „seit fünf bis zehn Jahren“ dazu führen, dass selbst Schauspieler in Filmen digital so nachbearbeitet sind, dass „wir keine Unterschiede mehr ausmachen können“. In wenigen Jahren könnten wir uns dann womöglich auch fragen, ob der zugeschaltete Gordon Wetzstein womöglich ein Avatar ist. Hätte er am Dienstag einen statt seiner geschickt, hätte die Pressekonferenz nicht so lange gedauert. So verzögerte sich sein Beitrag ob der neunstündigen Zeitverschiebung.